Hans-Ulrich Brandt zum Thema Versöhnung

Endlich

Vor fast genau elf Jahren sprach Heidemarie Wiezcorek-Zeul am Waterberg in Namibia aus, was sich vorher kein Mitglied der Bundesregierung und kein Bundespräsident getraut hatten zu sagen: Sie entschuldigte sich für die dort begangenen deutschen Kolonialverbrechen. Damit brach die damalige Entwicklungsministerin ein Tabu.
12.07.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Vor fast genau elf Jahren sprach Heidemarie Wiezcorek-Zeul am Waterberg in Namibia aus, was sich vorher kein Mitglied der Bundesregierung und kein Bundespräsident getraut hatten zu sagen: Sie entschuldigte sich für die dort begangenen deutschen Kolonialverbrechen. Damit brach die damalige Entwicklungsministerin ein Tabu. Und sie tat das mutigerweise auf eigene Verantwortung – weder mit dem Auswärtigen Amt noch mit dem Bundespräsidialamt hatte sie ihre so überfällige Geste der Versöhnung abgestimmt. Im Interview mit unserer Zeitung sagte sie damals: „Ich fand, es war an der Zeit, um ,Vergebung unserer Schuld’ zu bitten.“

Zwar erntete die SPD-Politikerin im August 2004 für ihre so emotionale Rede auf der Gedenkfeier zum hundertsten Jahrestag der Niederschlagung des Herero-Aufstands viel Zustimmung – an der offiziellen Position der Bundesrepublik änderte sich jedoch nichts. Penibel achteten sowohl der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl als auch Bundespräsident Johannes Rau, ja sogar der grüne Außenminister Joschka Fischer bei ihren Besuchen in Namibia immer darauf, keine „entschädigungsrelevanten Äußerungen“ zu machen, wie es in Diplomatenkreisen zynisch heißt.

Etwas Hoffnung kam auf, als im November 2004, also nur wenige Monate nach Wiezcorek-Zeuls Entschuldigungsrede, im Bremer Rathaus unter der Führung des damaligen Bürgermeisters Henning Scherf, einem Duz-Freund der Ministerin, ein internationales Symposium mit dem Titel „Der Herero-Krieg – Hundert Jahre danach“ stattfand. Doch das als Versöhnungskonferenz gedachte Treffen erfüllte die Hoffnungen und Erwartungen nicht.

So ist es kein Wunder, dass auch am 100. Jahrestag des Endes der deutschen Kolonialherrschaft im heutigen Namibia, der in dieser Woche begangen wurde, erneut der Ruf nach offizieller Entschuldigung und Entschädigung für den Völkermord laut wurde. Herero-Vertreter in Namibia erwägen sogar eine Klage.

Doch endlich scheint Bewegung in die Angelegenheit zu kommen. Nachdem bereits Bundestagspräsident Norbert Lammert den Gedenktag nutzte und in einem Interview den Vernichtungskrieg deutscher Kolonialtruppen als „Völkermord“ bezeichnete, kommen jetzt auch eindeutige Signale aus dem Hause des Außenministers. Bisher hatte nämlich auch die jetzige Bundesregierung einen großen Bogen um dieses entscheidende Wort gemacht. Sie sprach lieber unverbindlich von Deutschlands „besonderer Verantwortung“ gegenüber Namibia. Wie viel leichter fiel es da, die Verbrechen an den Armeniern als Genozid zu verurteilen und die Türkei aufzufordern, ihre Verantwortung an den 1915 im Osmanischen Reich begangenen Massakern einzugestehen. An die eigene Geschichte hingegen mochte man nicht so gerne erinnert werden.

Wenn in Berlin nun also von Gesprächen über eine mögliche Entschädigung zwischen dem Auswärtigen Amt und Namibia geredet wird und von einer „gemeinsamen Erklärung“, dann macht das Hoffnung. Frank-Walter Steinmeier hatte als SPD-Fraktionschef kein Problem damit, die Vernichtung der Herero und Nama als Völkermord zu verurteilen. Er sollte auch als Außenminister dazu stehen.

hans-ulrich.brandt@weser-kurier.de

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