Gutachter schätzt Persönlichkeit des Reker-Attentäters ein

Er wusste, was er tat

Düsseldorf. Frank S. bleibt ganz ruhig.Am 17. Oktober 2015 hat S.
16.06.2016, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Wiebke Ramm

Düsseldorf. Frank S. bleibt ganz ruhig. Der 44-Jährige nimmt die Worte des psychiatrischen Gutachters an diesem Mittwoch vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf kommentarlos hin. Das ist erstaunlich, entspricht es doch nicht der Persönlichkeit des Angeklagten, wie sie all die Verhandlungstage zuvor zu erleben war und wie sie auch Psychiater Norbert Leygraf an diesem Tag skizziert. Frank S. ist ein eigenwilliger Typ. Ein „freiheitsliebender Mensch“ sei er, hat S. an einem früheren Verhandlungstag gesagt. In seiner Selbstsicht sogar „toleranter als mancher andere“. Und als eine Art Kampf für die Meinungsfreiheit will er auch sein Messerattentat auf Henriette Reker verstanden wissen.

Am 17. Oktober 2015 hat S. der damaligen Kölner Oberbürgermeisterkandidatin an einem Wahlkampfstand die Klinge seines Messers in den Hals gerammt. Frank S. durchtrennte der Politikerin die Luftröhre und spaltete einen Wirbel. Vier weitere Menschen verletzte er zum Teil schwer. Wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung muss sich der arbeitslose Maler seit April vor Gericht verantworten. Dass Frank S. die Tat begangen hat, steht fest. Die Frage ist: Ist das Attentat auf Reker die Tat eines politischen Extremisten – oder die eines psychisch Verwirrten?

Leygraf sieht bei Frank S. eine Persönlichkeitsstörung vorliegen. So trägt der Gutachter es an diesem Tag vor Gericht vor. S. sei „recht impulsiv“, „schnell kränkbar“ und neige dazu, „alles stets als feindselig und gegen sich gerichtet zu erleben“. S. gehe von einer „permanenten Bedrohung von außen“ aus. Hinzu komme ein „ausgeprägter Eigensinn und ein fast kindlicher Trotz“. S. leide an einer kombinierten Persönlichkeitsstörung mit paranoiden und narzisstischen Anteilen.

Juristisch fällt eine Persönlichkeitsstörung unter die „andere schwere seelische Abartigkeit“. Ob der Schweregrad der Störung bei S. aber zur fraglichen Zeit so ausgeprägt war, dass sie dieser Kategorie entspricht, sei nicht zu beantworten. Nur dann fiele die Störung unter eine der Besonderheiten der Persönlichkeit, die laut Gesetz zu einer Einschränkung oder Aufhebung der Schuldfähigkeit führen können. Doch laut Gutachter gibt es ohnehin keinen Zweifel, dass bei Frank S. weder die Fähigkeit, das Unrecht seiner Tat einzusehen, noch sein Steuerungsvermögen zur Tatzeit beeinträchtigt war. Frank S. wusste also, was er tat.

Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass S. die damals 58-jährige Reker gezielt töten wollte, weil er sie als damalige Kölner Sozialdezernentin mitverantwortlich machte für eine Ausländer- und Flüchtlingspolitik, die er ablehnte. Er habe mit der Tat „ein Zeichen setzen“ wollen, sagte Frank S. mehrmals im Prozess. „Ich wollte sie verletzten, aber nicht töten“ – auch das sagte er immer wieder. Reker ist für S. Schuld an allem, was er an Deutschland auszusetzen hat. Und das ist einiges: Eine „Diktatur“ herrsche in Deutschland, die Meinungsfreiheit werde unterdrückt, und die Flüchtlingspolitik verursache „einen millionenfachen Rechtsbruch“. Es geht wild durcheinander. Er habe die Bevölkerung aufrütteln wollen, dass die ganze Wahl ein Betrug sei.

Auf die Frage der Vorsitzenden Richterin, warum er sich am 17. Oktober nicht einfach auf eine Marktkiste gestellt und seine Meinung gesagt habe, sagte S. an einem früheren Verhandlungstag: Er wäre dann ja festgenommen worden. Stattdessen stach er mit einem Messer zu und sitzt nun unter anderem wegen versuchten Mordes vor Gericht.

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