Kommentar über den Beginn des 2. Weltkriegs

Es gibt immer noch ein erschreckendes Nichtwissen

Viel wichtiger als das diskutierte Polen-Denkmal in Berlin, wäre ein Museum der Okkupation, meint unsere Korrespondentin Gabriele Lesser.
31.08.2019, 18:00
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Es gibt immer noch ein erschreckendes Nichtwissen
Von Gabriele Lesser
Es gibt immer noch ein erschreckendes Nichtwissen

Adolf Hitler besichtigt die zerstörte Westerplatte vor Danzig. Am 1. September 1939 um 4:45 Uhr hatte das Linienschiff "Schleswig-Holstein" das Feuer auf die polnischen Befestigungen eröffnet. Es war der Beginn des Zweiten Weltkriegs.

A0009/dpa

Am 1. September 1939 überfiel die Wehrmacht das Nachbarland Polen und gemäß des Hitler-Stalin-Paktes folgte am 17. September dann auch der Angriff der Rote Armee. Doch in Deutschland erinnert kaum jemand an diese beiden Horror-Tage für Polen. Sie leiteten den Zweiten Weltkrieg ein, der fast sechs Jahre dauern, zig Millionen Todesopfer und ein weitgehend verwüstetes Europa hinterlassen sollte. Immerhin: Es ist gut, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an den Gedenkfeiern in der Kleinstadt Wielun und später zusammen mit Kanzlerin Angela Merkel auch an den Hauptgedenkfeiern in Warschau teilnehmen wird.

Vielleicht können die Berichte aus Polen an diesem 1. September dazu beitragen, das Wissen der Deutschen über den Zweiten Weltkrieg aufzufrischen oder zu vertiefen. Denn die Debatte, die seit einiger Zeit rund um die Initiative für ein Berliner Polen-Denkmal geführt wird, zeigt doch ein erschreckendes Nichtwissen über den Zweiten Weltkrieg und seine Opfer auf. Von wegen „gelungener Aufarbeitung der Geschichte“. Dieser Mythos sollte schleunigst begraben werden.

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Was dringend nottut, ist ein Museum der Okkupation, das nicht die Soldaten und ihre Schlachten in den Vordergrund stellt, sondern die Zivilbevölkerung in allen deutsch und sowjetisch besetzten Ländern. Was zum Beispiel wissen wir über den großartig organisierten Untergrundstaat der Polen – mit einer Regierungsdelegatur, die enge Verbindung hielt zur polnischen Exilregierung in London, mit Untergrund-Schulen und Universitäten? Was wissen wir über den mutigen Partisanenkampf der Weißrussen ab Mitte 1941?

Was über den Nationalaufstand der Slowaken 1944, den größten Aufstand gegen die Besatzer im Zweiten Weltkrieg? So könnte man weiter fragen, und in den meisten Fällen bekäme man nicht mehr als ein achselzuckenden „Ich weiß nicht!“ zur Antwort. Gerade bei den ehemaligen Ostblockstaaten kommt aber noch hinzu, dass die jahrzehntelang regierenden Kommunisten die Geschichte in großem Stil fälschten und die Wahrheit erst seit 1989 peu à peu ans Licht kommt.

In Berlin soll nun also ein Polen-Denkmal entstehen, das der angeblich „sechs Millionen Polen“ gedenken soll, die von den Deutschen (und Österreichern) im Zweiten Weltkrieg ermordet wurden. Nur: Nicht nur die Zahl ist falsch, auch die Denkmals-Idee löst nicht das Problem der eklatanten Wissensdefizite unter Deutschen. Vor dem Krieg war Polen ein Vielvölkerstadt mit 30 Prozent nationalen Minderheiten. Die Nazis ermordeten im besetzten Polen rund drei Millionen Juden und rund 1,4 Millionen ethnische Polen – oder anders ausgedrückt mehr als 90 Prozent aller polnischen Juden und rund fünf bis sieben Prozent der ethnischen Polen.

Auf Anweisung von Jakub Berman, einem Mitglied des Politbüros im Zentralkomitee der Polnischen Arbeiterpartei, wurde die Opferzahl 1947 willkürlich auf insgesamt sechs Millionen oder 22 Prozent der Vorkriegsbevölkerung hochgesetzt. Die christlichen Polen sollten sich als Opfer gegenüber den polnischen Juden nicht zurückgesetzt fühlen.

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Dass Polens Nationalpopulisten seit einiger Zeit auch fast nur noch von „sechs Millionen Polen“ sprechen, die im Krieg ums Leben gekommen seien, verwundert nicht angesichts ihrer Geschichtspolitik. Doch diese Formel, die sich demnächst auch im sogenannten Polen‐Denkmal mitten in Berlin wiederfinden soll, läuft auf die Entjudaisierung des Holocaust hinaus. Zur Erinnerung: Am 20. Januar 1942 kamen in einer Villa am Berliner Wannsee hochrangige Beamte des Deutschen Reiches zusammen, um die „Endlösung der europäischen Judenfrage“ zu koordinieren.

Auf einem Dokument war detailliert für jedes Land die Zahl der Juden aufgelistet: insgesamt elf Millionen in ganz Europa. Ein ähnliches rassenideologisches Vernichtungsprogramm für das christliche Polen gab es nicht. Auch wenn es Massaker gab – etwa der Massenmord an Zivilisten in den ersten Augusttagen des Warschauer Aufstands 1944 –, kann von einem Völkermord an den ethnischen Polen keine Rede sein. Juden waren Staatsbürger Polens, aber keine Polen, ebenso wie Litauer, Ukrainer, Deutsche und Roma Staatsbürger Polens mit eigener Nationalität sind.

Inzwischen haben sich der fragwürdigen Denkmals-Initiative mehr als 200 Bundestagsabgeordnete angeschlossen. Auch die Bundesregierung begrüßt die Idee, anscheinend ohne zu wissen, dass die Zahl „sechs Millionen Polen“ falsch ist. Warum die Initiatoren sich so sehr gegen ein Museum sträuben, in dem solche Fragen diskutiert und geklärt werden könnten, ist unverständlich.

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