Vergiftet

"Es ist auch eine Love Story"

Marina Litwinenko spricht in Bremen über den qualvollen Tod ihres Mannes, der im Jahr 2006 vergiftet worden war, und klagt das "System Putin" an.
05.07.2018, 22:02
Lesedauer: 4 Min
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Von Norbert Holst
"Es ist auch eine Love Story"

Maria Litwinenko war zu Gast bei der Konrad Adenauer Stiftung.

Frank Thomas Koch

Es beginnt am Abend des 1. November 2006 mit Magenproblemen. Später muss sich Alexander Litwinenko alle halbe Stunde übergeben, Krämpfe quälen ihn, er hat blutigen Durchfall. Einige Tage später fallen die Haare büschelweise aus, alle Schleimhäute im Körper sind voller Eiter, das Rückenmark ist zerstört. Das Foto des nun kahlköpfigen Todkranken geht um die Welt. Denn der frühere russische Geheimagent und Überläufer macht Russlands Präsident Wladimir Putin für den schlechten Gesundheitszustand verantwortlich, der wolle ihn zum Schweigen bringen. Nach 23 Tagen hat die Tortur für Litwinenko ein Ende, er stirbt in einer Londoner Klinik. Seine Frau Marina Litwinenko wird später sagen, ihr Mann habe die „Hölle“ durchlebt.

Lange Zeit rätseln die Ärzte über die Ursache der Erkrankung, erst wenige Stunden vor Litwinenkos Tod gibt es eine Erklärung: Der 44-Jährige ist mit Polonium 210 vergiftet worden. Die weiteren Ermittlungen ergeben schnell eine heiße Spur: Die beiden russischen Geschäftsleute und früheren Geheimagenten Andrej Lugowoi und Dmitri Kowtun sollen Litwinenko in einer Londoner Hotelbar vergiftet haben. Das heimtückische Polonium war in einer Tasse Tee, wie sich später nachweisen lässt. Bis zu diesem Punkt erinnert der Fall an das Drehbuch für einen James-Bond-Film, nun wird er zum Polit-Thriller.

Ein Stück weit Gerechtigkeit

In Bremen erzählt die Witwe Marina Litwinenko über den Fall – und wie mühsam es sein kann, auch in einer Demokratie ein Stück weit Gerechtigkeit zu bekommen. Annähernd 150 Zuhörer sind trotz Biergarten-Wetters auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung Bremen gekommen, um ihre Geschichte zu hören – und um mehr über die mögliche Verquickung des Kreml in den Mord an ihrem Mann zu erfahren

. „Was sollte ich tun, ich war nur eine Frau, die in einem fremden Land lebt“, schildert die 1962 in Moskau geborene Frau die Gedanken, die ihr 2006 durch den Kopf gingen. Sie erzählt bemerkenswert nüchtern, verzichtet auf Pathos oder große Emotionen. Bis heute beschäftigt sie die Frage: „Warum musste ausgerechnet er sterben?“ War es die Rache am vermeintlichen Verräter? Oder sollte die Tat andere Kreml-Gegner einschüchtern?

Marina Litwinenko sieht zierlich aus, doch sie ist mit einem großen Kämpferherz ausgestattet. Denn obwohl sich die Ermittlungen im Todesfall von Alexander Litwinenko enorm in die Länge ziehen, lässt sie nicht locker. Der Verdacht von Beobachtern: London will die damals noch guten Geschäftsbeziehungen zu Russland nicht belasten. Ganz schwierig wird es ab Mai 2010: Die neue Innenministerin Theresa May, die jetzige Premierministerin, versucht mit allen Mitteln, die Untersuchung zu verschleppen.

Litwinenko kämpft nun darum, den Fall neu aufzurollen, und sie hat Erfolg: Die Untersuchung wird ab Mitte 2014 in einer schärferen Rechtsform fortgesetzt. Diese bietet die Chance, auch nichtöffentliche Anhörungen durchzuführen und auch regierungsinterne Beweise hinzuzuziehen. „Das war ein sehr wichtiger Schritt“, sagt Litwinenko rückblickend. Man merkt ihr an, wie sehr sie der langjährige Kampf gegen die verschiedenen Instanzen immer noch berührt.

Am 21. Januar 2016 legt Richter Sir Robert Owen seinen 328 Seiten langen Untersuchungsbericht vor. Der wichtigste Satz: „Unter Berücksichtigung aller mir zur Verfügung stehenden Beweise und Analysen stelle ich fest, dass die Operation des FSB, Herrn Litwinenko zu ermorden, wahrscheinlich von Herrn Patruschew und auch von Präsident Putin gebilligt wurde.“

Bemerkenswert klare Worte des Richters gegen Russlands Präsidenten und gegen Nikolai Patruschew, der von 1999 bis 2008 Chef des russischen Geheimdienstes FSB war. „Ich kann nicht wirklich sagen, ob es Putin war“, sagt Marina Litwinenko dazu in Bremen. Aber sie hält es für wahrscheinlich. In ihren Augen ein Indiz dafür: „Lugowoi wird direkt von Putin beschützt.“ Tatsächlich hat der mutmaßliche Täter seit 2007 einen Sitz in der Duma, vor drei Jahren zeichnete Putin ihn mit einem Verdienstorden aus.

Mehrfach angeklagt

Die Verbindungen zwischen Kreml, Geheimdiensten und Mafia waren auch das Thema von Alexander Litwinenko. Seit 1988 gehörte er der Hauptverwaltung des KGB an. Später war er in der KGB-Nachfolgeorganisation FSB im Kampf gegen Terrorismus und organisierte Kriminalität eingesetzt. 1998 trat der Agent erstmals öffentlich als Kritiker des Machtapparates auf. Auf einer Pressekonferenz in Moskau beschuldigte er die Führung des FSB, die Ermordung des abtrünnigen Oligarchen Boris Beresowski zu planen. Litwinenko fiel in Ungnade. „Er war nun ein persönlicher Feind Putins“, erklärt seine Witwe. Putin hatte es mittlerweile zum FSB-Direktor gebracht.

Litwinenko wird mehrfach angeklagt, er muss für neun Monate ins Gefängnis. Dann setzt er sich mit gefälschtem Pass nach Großbritannien ab – seine Frau war als vermeintliche Urlauberin vorausgeflogen. Das Ehepaar bekommt schnell Asyl. Marina Litwinenko erzählt: „Sascha fühlte sich jetzt einigermaßen sicher – auch wenn er wusste, dass sie uns nicht in Ruhe lassen würden.“

Ihr Mann verfasst ein Buch. Titel: „Eiszeit im Kreml. Das Komplott der russischen Geheimdienste.“ Die zentrale These: Der FSB verübt Sprengstoffanschläge in Russland, um sie dann tschetschenischen Terroristen in die Schuhe zu schieben. Die Anschläge sollten als Vorwand dienen, ab 1999 den zweiten Tschetschenien-Krieg vom Zaun zu brechen.

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Marina Litwinenko teilt den kritischen Blick auf das Regime. Putin, das sei der Mann, bei dem die Interessen der mächtigen Clans zusammenliefen. Das System diene dazu, dass sich einige wenige ganz viel in die Tasche stecken. Wer immer diesem System in die Quere komme, für den werde es ungemütlich. Auch über die Witwe werden Gerüchte lanciert: Sie habe vor dem Untersuchungsrichter gelogen, sei sogar in die Ermordung ihres Mannes involviert. Gegenwärtig gibt es Ärger mit dem von Russland finanzierten TV-Sender „Russia Today“. Der, so erzählt Litwinenko, habe üble Propaganda gegen sie verbreitet. „Ich hätte nie gedacht, welchen Aufwand die gegen mich betreiben.“

Warum tut die Frau sich das an? Ein Motiv: „Wir müssen das System Putin und Russland auseinander halten“, sagt sie beschwörend. Russland, das sei Volk und Kultur. Der Hauptgrund für ihr politisches Engagement ist aber ein anderer. „Ich muss die Erinnerung an Sascha verteidigen“, sagt sie. Und: Es gehe in dem Fall nicht nur um politische Machtkämpfe und Machenschaften der Geheimdienste. „Es ist auch eine Love Story.“

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