Kommentar zu Terror und Islam

Es ist ein neuer Weltkrieg

"Unfassbar!" "Beispiellos!" Solche Reaktionen auf die Morde von Paris sind menschlich, doch sie unterstellen eine Einmaligkeit, die es nicht gibt. Das macht die Sache noch schlimmer. Ein Kommentar.
15.11.2015, 00:00
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Es ist ein neuer Weltkrieg
Von Joerg Helge Wagner
Es ist ein neuer Weltkrieg

Solidarität für Paris weltweit, so auch in Jerusalems Altstadt.

Reuters

"Unfassbar!“ „Beispiellos!“ - Solche Reaktionen auf die mehr als 120 Morde von Paris sind menschlich, allzu menschlich. Doch sie unterstellen eine Einmaligkeit, die es nicht gibt. Ein Kommentar.

Die Blutbäder an der Seine sind in ihrer Brutalität, in ihrer totalen Menschenverachtung, in ihrer eiskalt-präzisen Ausführung keineswegs beispiellos. Nicht umsonst sprechen Terrorismus-Experten von Mumbai-Stil – in Erinnerung an ähnliche Anschläge in der indischen Metropole mit 171 Toten vor sieben Jahren. Paris ist bloß ein weiteres Glied in einer langen Kette islamistischen Terrors: Buenos Aires, Nairobi, New York/Washington, Bali, Madrid, London, Djerba, Moskau, Beslan, Mumbai, Toulouse, Ottawa, Brüssel, Boston, Scharm el-Scheich, Marrakesch, Tunis – und immer wieder Kabul, Bagdad, Beirut, Islamabad, Lahore. Opfer werden Christen, Atheisten, Juden, Buddhisten, Hindus – und sehr oft natürlich auch Muslime.

Es ist ein globaler Krieg, ein neuer Weltkrieg. Er tobt seit mindestens 15 Jahren, aber wir wollen es nicht wahrhaben. Weil es keine großen Panzer- und Seeschlachten gibt, weil wir abends nicht unsere Fenster abdunkeln müssen, weil die Zeitungen nicht täglich seitenweise Todesanzeigen Gefallener drucken. Weil nichts rationiert ist, weil es keine massenhaften Musterungen und Rekrutierungen gibt, weil unser Leben eigentlich gar nicht davon berührt ist.

Fruchtlose Dialoge

Eigentlich, denn genau dieses Leben kann jederzeit und überall gewaltsam ausgelöscht werden: im Ferienflieger, im Straßencafé, in einer Discothek, in der U-Bahn, im Bus, auf einem Konzert oder bei einer großen Sportveranstaltung, am Strand – alles hundertfach passiert in den vergangenen Jahren. Aber Krieg? Nein, davon wollen wir lieber nicht sprechen oder schreiben – wir sind doch selbst so friedliebend und glauben ganz, ganz fest an die Macht des Dialogs.

Dialoge haben wir also viele geführt, vor allem mit Menschen muslimischen Glaubens. Auf politischer Ebene auch diskret mit Radikalen, mit Salafisten und Taliban. Verhindert wurde dadurch kein einziger Anschlag, es geschah etwas ganz anderes: Jenseits der Radikalen, die lange gewalt- und später auch gesprächsbereit waren, bildeten sich immer extremere Gruppierungen: Aus den Taliban entstand Al-Kaida, aus Al-Kaida der sogenannte Islamische Staat (IS). Der Terror wurde noch viel brutaler.

Dieser Befund ist kein Plädoyer gegen den Dialog mit Muslimen, im Gegenteil. Er wirft aber die Frage auf, ob dieser Dialog auch immer offen, ehrlich und damit zielführend war. Wenn er vor allem daraus bestand, dass Muslime Klage führten, wie diskriminiert sie sich nach jedem Anschlag fühlten und dass sie nicht allesamt in Haftung für ein paar Extremisten genommen werden wollten , sicher nicht. Auch Erörterungen darüber, ob Karikaturisten und Satiriker nicht gefälligst einen großen Bogen um Religionen zu machen hätten, sind im Kampf gegen den Terror völlig fruchtlos.

Vorsicht vor den schleichenden Prozessen

Niemand erwartet von muslimischen Amts- und Würdenträgern Kniefälle für Untaten, die sie nicht begangen haben. Aber klare Distanzierung von Terroristen ist das Mindeste. Sie findet zunehmend und neuerdings auch rechtzeitig statt – das ist ermutigend.

Jedem Muslim, jeder Muslima sollte klar sein, dass die Freiheit, die Sicherheit und die Rechte, die sie in den westlichen Gesellschaften genießen, eben auch gegen fanatisierte Glaubensbrüder und -schwestern verteidigt werden müssen. Dazu gehört die Einsicht, dass sich die Entwicklung von anfänglicher Frömmigkeit hin zu Radikalität und am Ende Extremismus nicht in Sprüngen vollzieht, sondern eher schleichend, wie bei einer heimtückischen Krankheit. Man muss also mehr acht geben aufeinander in den muslimischen Gemeinden.

Dieser Appell ist weder herablassend noch diskriminierend. Er trägt nur zwei Tatsachen Rechnung: Der Terrorismus dieser Zeit hat in den allermeisten Fällen einen muslimischen Hintergrund – und wenn die muslimischen Gemeinden ihn nicht auch selbst aktiv und wahrnehmbar bekämpfen, fördern sie nur jegliche Vorbehalte gegen sich selbst. Dann wird schon ein Kopftuch oder ein dunkler Vollbart in der Mehrheitsgesellschaft als bedrohlich wahrgenommen, dann schlägt die Stunde von Pegida und Le Pen.

Ja, es ist ein Krieg

Um den Krieg gegen den Terrorismus zu gewinnen, müssen sich die westlichen Mehrheitsgesellschaften aber auch endlich selbst ehrlich machen. Ein Anfang ist, den Krieg auch Krieg zu nennen – so, wie es der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg einst in Afghanistan getan hat. Und wie es nun wieder der französische Präsident François Hollande tut. Wenn Kanzlerin Angela Merkel Frankreich „jedwede Unterstützung“ anbietet und vom „gemeinsamen Kampf“ spricht, klingt das wie Gerhard Schröders „uneingeschränkte Solidarität“ mit den USA nach den Anschlägen vom 11. September 2001.

Aber was folgte daraus? Ein unter dem Strich halbherziger Militäreinsatz in Afghanistan, den man im vorigen Jahr voreilig mehr oder weniger beendete, um ihn nun wieder langsam hochzufahren. So kann sie aber nicht aussehen, jene „Entschlossenheit und Verteidigungsbereitschaft“, die Bundespräsident Joachim Gauck völlig zu Recht anmahnt. Denn der richtige Satz, dass der islamistische Terrorismus mit militärischen Mitteln allein nicht zu besiegen sei, hat auch einen Umkehrschluss: ohne Militär geht es erst recht nicht. Und wer die Killer des Kalifats weltweit jagen, stellen und unschädlich machen will, wird das nicht bei stetig sinkenden Wehretats mit kontinuierlich schrumpfenden Streitkräften tun können. So begibt man sich bloß in die Abhängigkeit zweifelhafter Verbündeter wie Saudi-Arabien oder Pakistan.

Die Geheimdienste wiederum sollten endlich aufhören, Verbündete zu bespitzeln und wie besessen Kommunikationsdaten zu horten, bis der dicke Fische vor lauter Beifang nicht mehr erkennbar ist. Austausch und Kooperation sind angesagt und Investitionen in Personal – vor allem in solches aus den muslimischen Sprach- und Kulturkreisen. Europa allein wird es ebenso wenig schaffen wie die USA. Und wo gemeinsame Interessen mit Russland und China bestehen, sollte man sie auch gemeinsam verfolgen.

Nichts ist beim IS mehr unvorstellbar

Das gilt erst Recht für Israel. Der jüdische Staat ist nicht Ursache für den Terror, sondern allzu oft dessen Opfer. Vor allem aber ist er ein unschätzbar wertvoller Verbündeter, den man weit mehr als bloß mit „kritischer Solidarität“ unterstützen sollte.

Denn der islamistische Terrorismus hat kein Kriegsziel, nach dessen Erreichen er sich quasi demobilisieren wird. Der IS wird immer weiter morden, auch wenn seine Flagge über Jerusalem weht und Nigeria zum Kalifat geworden ist. Wer russische Urlauber zu „Kreuzzüglern“ erklärt und Paris als „Hauptstadt der Unzucht und Laster“ angreift, indem er massenhaft Café- und Konzertbesucher abschlachtet, duldet auf diesem Planeten keine andere Lebensform als die eigene. Er hat keine eigene Idee von Zivilisation, er verachtet und bekämpft sie in all ihren Formen.

Aber er nutzt ihre technologischen Fortschritte ebenso wie ihre organisatorischen Schwächen. Wäre Paris drauf vorbereitet gewesen, dass das Stade de France von mehreren Dutzend kleiner, mit Sprengstoff gespickter Drohnen angegriffen wird? Unvorstellbar? Diese Vokabel sollten wir in Bezug auf Terrorismus endgültig streichen.

Zusammen mit jeglichen Denkverboten. Wenn die CSU keine illegale und unkontrollierte Zuwanderung zulassen will, ist das eben kein Zugeständnis an Pegida. Es ist schlicht notwendig, jeden Flüchtling sorgfältig zu überprüfen und zu wissen, wo in Deutschland er sich aufhält – völlig unabhängig davon, ob nun einer der Pariser Attentäter einen syrischen Pass hatte oder nicht. Alles andere wäre fahrlässig in diesem Krieg, der noch lange dauern wird.

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