Berlin-Neukölln gilt als hipper Szene-Stadtteil, doch in letzter Zeit häufen sich dort rechtsextreme Gewalttaten

Es knallt im Kiez

Berlin. Neukölln – der Bezirksname steht bundesweit für schwierige soziale Verhältnisse, Multikulti, Jugendgewalt und „Kreuzkölln“, der an Kreuzberg grenzende Nordteil, inzwischen für einen angesagten Szenekiez. Rund 330 000 Menschen leben in dem Stadtviertel, davon haben 41 Prozent einen Migrationshintergrund.
16.05.2017, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Peter Gärtner

Berlin. Neukölln – der Bezirksname steht bundesweit für schwierige soziale Verhältnisse, Multikulti, Jugendgewalt und „Kreuzkölln“, der an Kreuzberg grenzende Nordteil, inzwischen für einen angesagten Szenekiez. Rund 330 000 Menschen leben in dem Stadtviertel, davon haben 41 Prozent einen Migrationshintergrund. Man erwartet hier alternative Kultur und orientalische Kost, Hipster und kriminelle arabische Familienclans – aber keine Rechtsextremisten. Doch inzwischen ist Neukölln der Schwerpunkt rechter Gewalt in der Hauptstadt. Die Attacken treffen ganz gezielt Politiker und Buchhändler, Juristen und Galeristen. Was alle eint, ist ihr Engagement gegen Rechts und für Flüchtlinge.

In den letzten Monaten gab es mehr als 80 Brandanschläge, eingeschmissene Scheiben von Läden und Privatwohnungen, Drohungen und Schmierereien. Mal steht der Name in Verbindung mit „Rote Drecksau“ an der Fassade, mal liegen Projektile vor der Haustür oder Tierkadaver im Briefkasten. Gerade wurde das Auto einer Frau angezündet, die zur Bürgerinitiative „Hufeisern gegen Rechts“ gehört. Durch das Feuer wurde auch die Fassade des Hauses beschädigt, in dem die Familie mit ihren Kindern schlief. Abgesehen von übelsten Bedrohungen – ein anonymer Anrufer wünschte neulich der Geschäftsführerin der Neuköllner Grünen, sie möge „von Kanaken vergewaltigt werden“ – ereignen sich die Anschläge und Übergriffe stets im Schutz der Dunkelheit.

Vor geraumer Zeit hatte eine Neonazi-Gruppe der „Freien Kräfte Berlin Neukölln“ im Internet Adressen möglicher Anschlagsziele veröffentlicht, wozu Parteien, Vereine, jüdische Einrichtungen und auch Fotos von Privatpersonen und Grafiken von Flüchtlingsunterkünften zählen. „Damit jeder weiß, wo der Feind steht“, hieß es; die Seite ist inzwischen von Facebook gesperrt.

Auch Mirjam Blumenthals Name fand sich auf der Liste. Das Auto der SPD-Politikerin, die im Vorstand ihrer Partei für Strategien gegen Rechts zuständig ist, brannte vor einigen Wochen. „Es gibt nach jedem Anschlag viel Solidarität und es werden mehr Menschen aktiv“, erklärte sie jetzt nach dem jüngsten Brandanschlag. „Doch das entlässt Staat und Polizei nicht aus der Verantwortung.“ Berlins neuer Innensenator Andreas Geisel (SPD) hat mittlerweile eine spezielle Ermittlungsgruppe („Rechte Straftaten in Neukölln“) im Landeskriminalamt bilden lassen.

Zielscheibe der mutmaßlich rechtsextremen Täter werden aber auch Leute, „die mit dem Gesicht gar nicht nach außen treten“, wie es Matthias Müller von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR) formuliert. „Diese Angriffsserie trifft inzwischen Menschen, die wirklich völlig überrascht sind“, sagt der für Neukölln zuständige MBR-Mitarbeiter dem WESER-KURIER.

„Das sorgt für große Verunsicherung, aber auch für Einschüchterung und Hilflosigkeit.“ Müller erinnert daran, dass es insbesondere im Süden des Bezirks 2009/2011 schon einmal eine nächtliche Welle rechter Gewalt gab, bei der unter anderem das Haus des Sozialistischen Jugendverbands „Die Falken“ zwei Mal in Brand gesteckt wurde. „Die Handschrift der aktuellen Angriffsserie ähnelt der damaligen schon sehr.“ Franziska Giffey, die SPD-Bezirksbürgermeisterin und Nachfolgerin von Heinz Buschkowsky, meinte kürzlich, es gehe hier um nichts weniger als den Kampf um die Straße. Man müsse, sagt Giffey, den Nazis entgegentreten. Doch das ist nicht so einfach. Auf den Straßen Neuköllns sieht man sie nicht, an den Tatorten finden sich keine Bekennerschreiben. Weder bei der ersten Anschlagsserie noch beim derzeitigen Straßenterror konnten Staatsschutz und Polizei auch nur einen einzigen Verdächtigen ermitteln.

„Nach jedem Anschlag werden mehr Menschen aktiv.“ Mirjam Blumenthal (SPD)
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