Genveränderte Babys in China

„Es wurde eine Grenze überschritten“

Der Biologe Jörn Bullerdiek von der Universität Bremen erklärt, warum der Fall der angeblich genveränderten chinesischen Babys ein Skandal wäre.
27.11.2018, 21:18
Lesedauer: 3 Min
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„Es wurde eine Grenze überschritten“
Von Katharina Frohne
„Es wurde eine Grenze überschritten“

Ein chinesischer Forscher will dabei geholfen haben, die ersten genetisch veränderten Babys der Welt zu erschaffen.

Mark Schiefelbein /dpa

Der chinesische Forscher He Jiankui behauptet, die Genome zweier Embryonen so manipuliert zu haben, dass sie gegen das HI-Virus immun sind. Halten Sie diese Aussage für glaubhaft?

Jörn Bullerdiek: Das ist schwer zu sagen. Was er behauptet, wurde noch nicht publiziert, es lässt sich also nicht nachlesen, was genau er da – angeblich – getan hat. Denkbar ist es.

Rein technisch wäre die Manipulation möglich?

Ja. Was die technische Seite angeht, ist vorstellbar, dass er diese Eingriffe durchgeführt hat.

Der Forscher will das Erbgut mit der Genschere Crispr-Cas verändert haben. Was bedeutet das?

Dass man an bestimmten Stellen, die man über die Sequenz der DNA vorwählt, Einschnitte vornehmen kann. An diesen Schnittstellen lassen sich dann bestimmte Teile der DNA austauschen. Die Erbinformation wird also gezielt verändert.

Wie würde das im Fall des HI-Virus funktionieren?

Ein menschliches Gen würde dann so verändert, dass das entsprechende Produkt dieses Gens in veränderter Form gebildet wird. In diesem Fall wäre der Rezeptor nicht mehr funktionsfähig, das Virus könnte die Zelle also nicht mehr befallen.

Wo kommt Crispr-Cas bereits zum Einsatz?

In vielen Fällen befindet sich das Verfahren noch im Versuchsstadium. Ein Feld ist etwa die Pflanzenzucht. Das Ziel ist dann, Nutzpflanzen gezielt bestimmte Eigenschaften zu verschaffen, etwa, dass sie schneller wachsen.

Wenn es stimmt, was He sagt, würde es sich bei den Zwillingen um die ersten in dieser Form gentechnisch veränderten Menschen handeln.

Wenn He das tatsächlich getan hat, wäre das ein Skandal. Er hätte dann mit Menschen experimentiert.

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Fachleute aus Europa und den USA fürchten, dass der Weg zu sogenannten Designer-Babys dann nicht mehr weit wäre.

Das ist die berechtigte Angst. Wenn eine solche Grenze erst einmal überschritten ist, muss man davon ausgehen, dass es Menschen geben wird, die das Verfahren missbrauchen werden. Eltern könnten der Versuchung nachgeben, ihre Kinder nach Belieben zu optimieren, sie sportlicher oder intelligenter zu machen. Man muss dazu sagen, dass das nicht völlig abwegig ist. Das Verfahren ist nicht sonderlich teuer, erfordert nicht viel Technik oder Expertise. Ein weiterer Punkt ist die Sicherheit. Die ist heute noch nicht gegeben.

Welche Risiken birgt die Veränderung des Erbguts?

Es kann passieren, dass der Austausch nicht genau wie beabsichtigt erfolgt, sondern zum Beispiel an einer anderen Stelle im Genom eine Veränderung hervorgerufen wird, die wiederum völlig neue Defekte auslösen könnte. Bei Hes Vorgehen ginge es sogar so weit, dass alle Veränderungen vererbbar wären, da er vorgeblich in die Keimbahn eingegriffen hat.

Was bedeutet das?

Dass die Modifikation des menschlichen Erbguts in einem so frühen Entwicklungsstadium vorgenommen wird, dass praktisch alle Zellen des heranwachsenden Embryos diese Veränderungen aufweisen. Damit könnten sie auch auf Nachkommen übertragen werden. Das ist der entscheidende Punkt: Es handelt sich nicht, wie He behauptet, um eine weitere Methode, die der Befruchtung im Reagenzglas hinzugefügt wird. Die Manipulation der Keimzellen ist keine bloße Fortsetzung bislang genutzter Methoden. Hier wurde eindeutig eine Schwelle übertreten.

Können Sie sich eine Situation vorstellen, in der Sie es vertretbar fänden, das Verfahren bei einem Menschen anzuwenden?

Denkbar wäre das aus meiner Sicht etwa bei schweren Erbkrankheiten, wenn die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass die Kinder sie bekommen. Wenn man dann also versucht, mit der Genschere Korrekturen vorzunehmen. Dann müsste man eine Liste von Erkrankungen erstellen, bei denen man sagt, hier könnte man darüber nachdenken. Man könnte es ähnlich handhaben wie mit der Präimplantationsdiagnostik, bei der in Deutschland per Gesetz geregelt ist, dass jeder Einzelfall diskutiert werden muss. All das ist aber nur denkbar, wenn das Verfahren absolut sicher ist. Heute, morgen, übermorgen muss man darüber noch nicht nachdenken.

Ohne jedes Risiko hielten Sie das Verfahren für legitim?

Selbst dann würde ich sagen, dass sehr gründlich darüber nachgedacht werden muss, ob etwa eine schwere Erbkrankheit rechtfertigt, diesen Weg zu gehen. Das wäre dann keine Frage, die Humangenetiker unter sich verhandeln müssten, sondern eine gesellschaftliche. Die Frage wäre, ob eine Gesellschaft so etwas will. Ganz klar sein müsste, dass diese Schwelle überschritten wird – mit allen denkbaren Konsequenzen.

Wo sehen Sie in naher Zukunft Einsatzmöglichkeiten?

Abgesehen von der Pflanzenzucht etwa bei der Abwehr von Infektionskrankheiten oder der Behandlung von Tumorerkrankungen. Der Einsatz wäre dann aber ein ganz anderer: Die Veränderung würde sich nicht auf die Keimzellen erstrecken; es ginge also nicht darum, den Menschen von Geburt an resistent zu machen. Stattdessen könnte man die Genschere an bestimmten Sequenzen ansetzen und die Erreger oder Tumorzellen an ihren Schwachstellen bekämpfen. Aber noch mal: Der Einsatz wäre ein völlig anderer. Es ginge darum, ein Individuum zu heilen; und nicht, Erbinformationen nach Belieben zu verändern, um über Generationen hinweg vermeintlich bessere Menschen zu schaffen.

Info

Zur Person

Jörn Bullerdiek (63)

ist Biologe und leitet das Institut für Medizinische Genetik der Universität Rostock. Außerdem lehrt er im Fachbereich Biologie/Chemie der Universität Bremen.

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