Landkreis Verden EU-Abstimmung spaltet die britische Gesellschaft

Die heiße Phase des Wahlkampfs hat begonnen. Nur noch wenige Wochen bleiben Zeit bis zum Referendum am 23.
18.05.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste

Die heiße Phase des Wahlkampfs hat begonnen. Nur noch wenige Wochen bleiben Zeit bis zum Referendum am 23. Juni, bei dem die Briten über ihre Mitgliedschaft in der EU abstimmen dürfen. Jeden Tag werden deshalb je nach Kampagnenseite Prophezeiungen verbreitet, was dem Königreich nach einer Trennung oder bei einem Verbleib in der EU blühen werde. Das betreiben die beiden Lager mit äußerster Übertreibung, sodass dem Betrachter angst und bange ob der Zukunft dieses Landes werden dürfte. Chaos und Untergang, so der Tenor, droht in jedem Fall. Diese bitter geführte Diskussion kommt überraschend, weil sie unüblich für die pragmatischen Briten ist, die die EU-Mitgliedschaft doch stets als Zweckbündnis und reine Geschäftsbeziehung betrachtet haben.

Nun plötzlich fehlt jegliche Sachlichkeit, stattdessen greifen sich beide Seiten persönlich an oder auf Horrorszenarien aus der Vergangenheit zurück – wie erst vor wenigen Tagen Boris Johnson, der ehemalige Bürgermeister von London und einer der prominentesten Vertreter eines Brexits. Er hatte für politischen Aufruhr gesorgt, weil er der EU vorwarf, einen europäischen Superstaat anzustreben. Die Union verfolge damit einen Weg wie einst Adolf Hitler und Napoleon. Dummes Gerede? Ja, aber leider funktioniert es.

Johnson hat stets die Schlagzeilen im Blick und wieder einmal ist es ihm gelungen, in eben jenen aufzutauchen. Aber einen Diktator heranzuziehen, um den eigenen Karriereaufstieg zu befördern – Johnson hat den Posten des Premierministers im Blick – lenkt nicht nur von der eigentlichen Sache ab, sondern ist abstoßend und heizt die aufgeladene Stimmung unnötig weiter an. Aber auch die andere Seite überspitzt. Wenn etwa Finanzminister betont, ein Austritt würde jeden Haushalt jährlich 4300 Pfund kosten, ist das eine plakative Warnung, deren Berechnungen sofort von Wirtschaftsexperten zerpflückt werden.

Wirtschaftsangelegenheiten, Sicherheitsfragen sowie das Thema Einwanderung stehen im Fokus und es wäre im britischen Interesse, diese Anliegen in einer ernsthaften politischen Auseinandersetzung nüchtern zu behandeln, vor allem um die Menschen vor allem von der Bedeutung der Abstimmung zu überzeugen. Das Land hätte jetzt Fakten und Analysen statt schrilles Theater verdient.

Auch wenn der Begriff der historischen Entscheidung zu oft für allerlei Belanglosigkeiten verschwendet wird, auf dieses Referendum trifft er ausnahmsweise zu. Es bleibt ein Rätsel, warum die EU-Freunde sich auf das Spiel der Brexit-Befürworter eingelassen haben und in die emotionalisierte Debatte eingestiegen sind. Nun jonglieren auch sie zu häufig mit Halbwahrheiten, stellen unbewiesene Behauptungen auf und verbreiten düstere Prognosen, die dann wiederum von der anderen Seite abgewatscht oder ins Lächerliche gezogen werden. Das Niveau beider Kampagnen ist unterirdisch. Das geht leider zu Lasten der Briten.

Dabei sprechen die Fakten für sich, die pro-europäische Kampagne müsste ihnen nur Vertrauen schenken. Denn der Glaube, dass die Insel nach einem Austritt beispielsweise uneingeschränkten Zugang zum europäischen Binnenmarkt erhalten werde, ohne aber die Spielregeln der EU zu achten, darf ins Reich des Wunschdenkens verwiesen werden. Auch wenn es fast unmöglich ist, die langfristigen Konsequenzen eines Brexits für die britische Ökonomie zu prognostizieren, so darf davon ausgegangen werden, dass es mit dem Höhenflug der Wirtschaft des Landes zu Ende sein dürfte.

Die Folgen eines Ausstiegs wären fatal, für das Königreich und ganz Europa. Auch wenn sich die Briten stets als unbequeme Partner präsentiert haben, was zu einer langen Liste von Ausnahmen führte, so haben sie doch die EU, etwa beim Freihandel, mitgeformt – mehr als es derzeit auf der Insel verbreitet wird. Da ziehen die europakritischen Boulevardblätter lieber die anti-deutsche Karte und stellen David Cameron als Merkels Marionette dar. Solche Vorstöße als nicht zielführend zu beschreiben, ist untertrieben. Schon jetzt spaltet die EU-Frage die Gesellschaft – wie soll dieser Riss in Zukunft gekittet werden? Würde Großbritannien tatsächlich aus der Union ausscheiden, wäre das ausschließlich ein Sieg für Polemiker, Populisten und Polit-Karrieristen. Die Briten pflegten stets eine leidenschaftslose Beziehung zum Kontinent. Dieser Tradition sollten sie sich wieder besinnen, dann wäre auch mit großer Wahrscheinlichkeit die Gefahr des Brexits gebannt.

Die Folgen eines Ausstiegs wären fatal, für das Königreich und ganz Europa
Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+