Kommentar zur künstlichen Intelligenz

Europa braucht einen Gegenentwurf

KI ist mittlerweile ein Begriff, der bei keiner Debatte fehlen darf. Dabei sind die Systeme oft noch gar nicht so ausgereift. Häufig mangelt es an Transparenz und Zuverlässigkeit, findet Patrick Reichelt.
18.03.2019, 20:19
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Europa braucht einen Gegenentwurf
Von Patrick Reichelt
Europa braucht einen Gegenentwurf

Startups, die auch nur entfernt etwas mit KI machen, werden derzeit von Investoren überrannt.

Guido Kirchner/dpa

Das Jahr 1989 markiert den Ausgangspunkt für etwas, das unsere Gesellschaft für immer verändern sollte. Die Rede ist nicht etwa vom Fall der Berliner Mauer oder dem Ende des Kalten Krieges. Gemeint ist die Idee eines britischen Physikers und Informatikers, der damals für die Europäische Organisation für Kernforschung (CERN) arbeitete. Vor fast genau 30 Jahren entwickelte Tim Berners-Lee die Infrastruktur für das Internet, das World Wide Web. Die Vision: Eine Plattform zu schaffen, auf der schnell Informationen ausgetauscht werden können und Menschen auf der ganzen Welt zusammenarbeiten.

Bei allen Errungenschaften des Webs, die Bilanz fällt zum 30. Geburtstag eher nüchtern aus: Wenige große Digitalkonzerne dominieren nach Belieben, die eigenen Daten sind nicht mehr sicher, Fehlinformationen verbreiten sich rasend schnell. Hinzu kommt ein gewisser Verlust an Freiheit, uns werden immer mehr Entscheidungen abgenommen. Künstliche Intelligenz (KI) und deren Algorithmen beeinflussen unbewusst, was wir kaufen, lesen, schauen oder essen.

Ähnliches Muster bei vielen Systemen

Das Problem dabei ist die Intransparenz: Oft ist nicht klar, wie KI-Systeme zu ihren Schlüssen und Entscheidungen kommen. Die Ergebnisse einer Studie der Technischen Universität Berlin sind alarmierend: Demnach schummelten derzeit etwa die Hälfte aller aktuellen KI-Systeme und setzten auf den sogenannten Kluger-Hans-Effekt. Der kluge Hans war ein Pferd, das angeblich rechnen und zählen konnte und um das Jahr 1900 als wissenschaftliche Sensation galt. Wie sich herausstellte, beherrschte das Pferd nicht die Mathematik, sondern konnte die richtige Antwort aus der Reaktion des Fragestellers ableiten.

Laut der Studie verfahren viele KI-Systeme nach ähnlichem Muster. Ein System zur Bilderkennung ordnet Bilder etwa der Kategorie Schiff zu, wenn viel Wasser zu sehen ist, andere Bilder werden als Zug klassifiziert, wenn Schienen vorhanden sind. Offenbar sind viele Systeme also gar nicht so intelligent, wie es der Name suggeriert. Bei harmlosen Anwendungen, wie dem Erkennen von Schiffen und Zügen, führt das zu keinen ernsthaften Konsequenzen. Sehr wohl aber, wenn eine KI bei der Diagnose von Krankheiten falsche Schlüsse zieht.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es bereits ausgereiftere Systeme gibt, die wirklich intelligente Lösungswege wählen und uns das Leben ein Stück weit erleichtern. Beispiele sind Sprachassistenten wie Siri und Alexa oder Einpark- und Spurhalteassistenten. Nur werden diese häufig nicht in Deutschland oder Europa, sondern in den USA und China entwickelt.

Immerhin will die Bundesregierung gegensteuern und bis 2025 insgesamt drei Milliarden Euro in die Forschung, Entwicklung und Anwendung von KI-Technologien stecken. Wie die Gelder genau verteilt werden und wer am Ende am meisten profitiert, ist unklar. Auch unklar ist, wie die geplanten 100 neuen KI-Professuren besetzt werden sollen. Der Wettbewerb um die wenigen Top-Forscher ist hart, in den USA locken Millionengehälter, deutsche Universitäten können da nicht mithalten.

Ein neues Level des Hypes

Nun darf nicht der Fehler gemacht werden, das Geld einfach irgendwie auszugeben, nach dem Motto „Alles muss raus“. Es lohnt sich, genau hinzuschauen, wer von der Förderung profitiert. Künstliche Intelligenz ist nämlich in den vergangenen Monaten zu einem Marketingbegriff verkommen, der bei keiner politischen Podiumsdiskussion oder Debatte fehlen darf.

Startups, die auch nur entfernt etwas mit KI machen, werden derzeit von Investoren überrannt. Dabei profitieren auch junge Unternehmen, die offenbar nur vorgeben, die Technologie einzusetzen: Laut einer Erhebung der Londoner Investmentfirma MMC Ventures gibt es bei rund 40 Prozent der vermeintlichen KI-Startups in Europa keine Hinweise darauf, dass sie überhaupt künstliche Intelligenz verwenden. Der KI-Hype hat damit ein neues Level erreicht, Erinnerungen an die Internetblase aus den 2000er-Jahren werden wach.

Unbestritten wird die Technologie unsere Gesellschaft in den nächsten zehn Jahren ähnlich stark verändern wie die Erfindung von Tim Berners-Lee von vor 30 Jahren. Die Digitalkonzerne aus den USA haben einen gewaltigen Vorsprung, setzen auf ihre Monopolstellung und den Massenmarkt. Deutschland muss mit seinen europäischen Nachbarn einen überzeugenderen Gegenentwurf entwickeln, indem Transparenz, Zuverlässigkeit und der Mensch in den Mittelpunkt gerückt werden.

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