Kommentar über Politik und Religion

Eine unheilige Allianz

In den USA sind die Evangelikalen eine wichtige Wählergruppe. In großer Mehrheit tendieren sie zu Donald Trump. Und der weiß diese Klientel zu bedienen, analysiert Thomas Spang.
14.10.2020, 08:00
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Eine unheilige Allianz
Von Thomas Spang
Eine unheilige Allianz

Umstritten: Amy Coney Barrett kandidiert für das Richteramt am Obersten Gericht der Vereinigten Staaten.

WIN MCNAMEE

Robert Jeffress stimmt in einem Punkt mit dem Demokraten Joe Biden überein. “Wir befinden uns in einem Krieg um die Seele Amerikas“, diagnostiziert der Pastor der 14.000 Mitglieder großen “First Baptist”-Kirche von Dallas. Doch der Evangelikale sieht sich auf der anderen Seite der Front im Kampf gegen säkulare Befürworter von Abtreibung, Homo-Ehe und Sozialismus. Dort verortet der 64-jährige Führer der texanischen Megakirche auch Donald Trump.

Der Präsident sei vielleicht nicht ganz bibelfest, “aber er ist ein extrem starker Führer”, lobt ihn der zierliche Prediger mit der butterweichen Stimme. Bei ihrer ersten persönlichen Begegnung im Trump-Tower von New York Mitte 2015 freundeten sich die beiden unmittelbar an. Jeffress betete vor Beginn der Kundgebungen für den Präsidenten, predigte bei dessen Amtseinführung und steht Trump als eine Art Hausgeistlicher zur Seite.

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Das Verhältnis der beiden Männer steht als Sinnbild für die unheilige Allianz, die Amerikas Evangelikale mit einem Präsidenten eingegangen sind, der ihnen erstmals das Gefühl gibt, echten Teil an der Macht im Weißen Haus zu haben. Ronald Reagan sowie Vater und Sohn Bush redeten den Evangelikalen im Wahlkampf zwar nach dem Mund, taten aus deren Sicht im Amt aber wenig für sie. In den USA gibt es etwa 60 Millionen Angehörige evangelikaler Freikirchen, die sich vom traditionellen Protestantismus unter anderem durch ihre wörtliche Auslegung der Bibel, einem ausgeprägten Mission-Drang und politischen Aktivismus unterscheiden.

Sie machten 2016 rund ein Viertel aller Wähler aus. Der wenig religiöse Trump hat ihren Einfluss von Anfang an erkannt. Deshalb schwang er sich zum Verteidiger der Religionsfreiheit auf, wettert gegen Gottesdienstverbote in der Pandemie, gibt den Lebensschützer und schränkt Rechte von sexuellen Minderheiten per Dekret ein. Nicht zu vergessen, schüttete er ein Füllhorn an Steuergeldern in Form von Corona-Hilfen über die Kirchen aus.

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Kein Thema aber bewegt die Evangelikalen so wie die Besetzung des Obersten Gerichts mit konservativen Richtern. Trump setzte mit Neil Gorsuch und Brett Kavanaugh bereits zwei Kandidaten durch, die auf der Wunschliste der Rechtschristen stand. Nun schickt er sich an, mit Amy Coney Barrett eine Nachfolgerin für die verstorbene Ruth Bader Ginsburg zu installieren, die so ziemlich das Gegenteil der feministischen Richterinnen-Ikone ist.

Während eine Mehrheit der Amerikaner (52 Prozent) laut einer Umfrage von ABC und „Washington Post“ gegen das Durchpeitschen der Bestätigung Barretts so kurz vor den Wahlen im Senat ist, spricht sich eine überwältigende Zahl der Evangelikalen dafür aus. Trotz einzelner Abtrünniger und dem aktiven Versuch Bidens, an den Rändern Evangelikale abzuwerben, zeichnet sich am 3. November eine ähnlich starke Rückendeckung wie 2016 ab. Etwa acht von zehn Evangelikalen planen, Trump wiederzuwählen.

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Wie Pfarrer Jeffress blenden sie unangenehme Aspekte der vergangenen vier Jahre aus oder rechtfertigen sie. Sei es die Zwangstrennung von Einwanderer-Familien an der Grenze, Trumps fehlende Distanzierung von Rechtsextremen, die Affären und die Zahlung von Schweigegeld an die Porno-Darstellerin Stormy Daniels, die Steuertricks, mit denen sich Trump arm rechnete, oder der Verlust von 214.000 Menschenleben wegen der außer Kontrolle geratenen Pandemie.

Nicht einmal eine explosive Geschichte im Magazin “The Atlantic” lässt die Evangelikalen in ihrem Glauben an Trump zweifeln. Frühere Mitarbeiter des Präsidenten sagten dem Magazin, Trump mache sich privat lustig über seine religiösen Anhänger. Der Präsident “verspottet bestimmte Riten und Doktrinen, die vielen Amerikaner heilig sind", heißt es.

Pastor Jeffress kommt auf das Bild vom Krieg um die Seele Amerikas zurück. Er vergleicht Trump mit General George Patton, der im Zweiten Weltkrieg die Landung der US-Truppen in der Normandie plante. Die Amerikaner seien nicht an dessen Tugendhaftigkeit interessiert gewesen, sondern dass er sie zum Sieg führte. Das Gleiche gelte für den Präsidenten. Die Ergebnisse seiner Politik seien wichtiger “als seine Frömmigkeit”.

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