Stuttgart Evangelischer Kirchentag rückt Frieden ins Zentrum

Stuttgart. In den großen Veranstaltungszelten auf den Cannstatter Wasen, in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle und der Porsche-Arena stehen schon die obligatorischen Papphocker. Und wer an der Baustelle von Stuttgart 21 vorbei die Innenstadt der baden-württembergischen Landeshauptstadt betritt, findet bereits Hinweise auf die Veranstaltungsorte des 35.
02.06.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Benjamin Lassiwe

In den großen Veranstaltungszelten auf den Cannstatter Wasen, in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle und der Porsche-Arena stehen schon die obligatorischen Papphocker. Und wer an der Baustelle von Stuttgart 21 vorbei die Innenstadt der baden-württembergischen Landeshauptstadt betritt, findet bereits Hinweise auf die Veranstaltungsorte des 35. Deutschen Evangelischen Kirchentags. Noch 24 Stunden, dann wird das große Protestantentreffen offiziell eröffnet. Es steht unter dem Motto „Damit wir klug werden“.

Zu den Hauptthemen des traditionell von Mittwoch bis Sonntag stattfindenden Kirchentags, zu dem die Veranstalter erneut mehr als 100 000 Besucher erwarten, gehört in diesem Jahr die Friedens- und Flüchtlingspolitik. So wird es während des Kirchentags ein Podium mit dem ehemaligen Generalsekretär der Vereinten Nationen Kofi Annan, dem anglikanischen Bischof Nick Baines und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier geben, die über die Frage „Wer trägt Verantwortung in Krisen und Konflikten?“ diskutieren werden. Auch Renke Brahms, Schriftführer der Bremischen Evangelischen Kirche, wird in seiner Funktion als Friedensbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) an mehreren Veranstaltungen zu diesem Thema teilnehmen.

„Frieden, das alte Thema des Kirchentags, das alte biblische Thema, kommt in neuer Gestalt zurück“, sagt Generalsekretärin Ellen Ueberschär. Es solle ein „Friedenskirchentag“ werden, sagt auch Kirchentagspräsident Andreas Barner. Weniger friedlich könnte es dagegen bei den Veranstaltungen mit Bundesinnenminister Thomas de Maizière zugehen: Seit sich das Mitglied des Kirchentagspräsidiums im vergangenen Jahr auf der EKD-Synode in Dresden kritisch zum Kirchenasyl äußerte, sind die Popularitätswerte des CDU-Politikers in seiner evangelischen Kirche dramatisch gesunken. Dennoch sucht auch de Maizière die Auseinandersetzung auf den Podien des Kirchentags: Auf mehreren Veranstaltungen wird er mit Flüchtlingen, Vertretern von Organisationen wie Pro Asyl und politischen Mitbewerbern.

Weitere Themen des Protestantentreffens werden die Frage einer gerechten Wirtschaftsordnung, die Kontrolle der Geheimdienste oder das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP sein. Und eine Podiumsdiskussion mit Bundespräsident Joachim Gauck fragt: „Was kann die Politik für unser Zusammenleben tun?“

Das alles passt zum Profil der Kirchentagsbewegung, die sich in den vergangenen Jahren meist deutlich globalisierungskritisch darstellte. Doch gerade in Stuttgart tickt der Protestantismus auch ein wenig anders: Baden-Württemberg gilt als frommes Bundesland, als Hochburg der Pietisten und Evangelikalen. Sie veranstalten parallel zum Kirchentag ihren „Christustag“ – eine Veranstaltungsreihe, die 1971 als konservative Konkurrenz zum Kirchentag begründet wurde. Bis heute gibt es zwischen beiden Bewegungen Konflikte: Während beispielsweise für viele Pietisten die Segnung oder Trauung homosexueller Paare ein rotes Tuch darstellt, gibt es auf dem Kirchentag ein Hauptpodium zur Frage der Menschenrechte für Homosexuelle. Doch beide Veranstalter bemühen sich redlich, die Gegensätze zu überbrücken – so sind die Veranstaltungen des Christustages erstmals auch im Kirchentagsprogramm verzeichnet. „Die Kooperation mit dem Christustag ist ein Meilenstein auf dem Weg, Grenzziehungen abzubauen, ohne die eigenen Glaubensüberzeugungen aufzugeben“, sagte Ueberschär. „Immerhin besteht nun die Chance der Begegnung von Teilnehmenden des Christustags mit Kirchentagsteilnehmenden.“

Der Evangelische Kirchentag findet alle zwei Jahre statt. In Stuttgart stehen rund 2500 Gottesdienste, Bibelarbeiten, Diskussionen, Konzerte und Feste auf dem Programm. Der erste Evangelische Kirchentag war 1949 in Hannover. Seit 1959 finden die Treffen abwechselnd mit Katholikentagen statt.

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