Vor dem Gipfel im Kanzleramt

Fachkräftemangel größtes Geschäftsrisiko für Firmen

In Deutschland fehlen Hunderttausende Fachkräfte. Die Bundesregierung und Wirtschaftsvertreter wollen jetzt gegensteuern. Spitzenvertreter aus Regierung und Wirtschaft kommen heute zum Fachkräftegipfel zusammen.
15.12.2019, 19:03
Lesedauer: 3 Min
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Von Cordula Eubel und Marie Rövekamp

An diesem Montag kommt Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Spitzenvertretern aus Regierung und Wirtschaft zum Fachkräftegipfel zusammen. „Die Sicherung des Fachkräftebedarfs ist eine der größten Herausforderungen für den Wirtschaftsstandort Deutschland“, sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier vor dem Treffen. Ein Überblick über die Knackpunkte:

Wie dramatisch ist die Situation?

In ganz Deutschland fehlen Fachkräfte. Das ist im Gesundheits- und Pflegebereich der Fall, in technischen Berufen, aber auch im Handwerk und der Bauwirtschaft, wie die Engpass-Analyse der Bundesagentur für Arbeit (BA) zeigt. Aktuell werden bundesweit Klempner genauso gesucht wie Altenpfleger und Physiotherapeuten, Fachkräfte in der Energietechnik ebenso wie Lkw-Fahrer. Bei IT-Spezialisten sieht die Lage – je nach Bundesland – anders aus.

Aus Sicht der Wirtschaft wird der Fachkräftemangel mehr und mehr zum Geschäftsrisiko. In der aktuellen Konjunkturumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) aus dem Herbst gaben mehr als die Hälfte der Betriebe (56 Prozent) an, dass sie sich wegen fehlender Fachkräfte Sorgen machen. Vor allem Mittelständler haben Schwierigkeiten, Stellen zu besetzen. In Großunternehmen hätten die Probleme auch stark zugenommen, heißt es in der Umfrage. Allerdings können viele Menschen die Klagen nicht nachvollziehen. Manch einer bekommt wegen seines Alters keinen Job mehr. Anderen fehlt eine wichtige Qualifikation – oder eine Alleinerziehende bekommt keine Aussicht auf flexible Arbeitszeiten.

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Was versucht die Politik, um Fachkräfte im Inland zu gewinnen?

Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) setzt bei der Suche nach Fachkräften auf dieselbe Strategie wie seine Amtsvorgänger. Neben Zuwanderung müssten im Inland alle Potenziale für mehr Beschäftigung ausgeschöpft werden, sagt er. Das heißt: Der Anteil der älteren Arbeitnehmer soll ebenso steigen wie der Anteil der berufstätigen Frauen. Außerdem sollen Arbeitslose so qualifiziert werden, dass sie eine Chance auf dem Jobmarkt haben. Das Problem ist nur, dass diese Potenziale in den vergangenen Jahren schon ausgeschöpft wurden. Zugleich wird der „negative demografische Trend“ immer stärker, wie eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) zeigt. Deutschland hat nach Japan schon jetzt die zweitälteste Gesellschaft der Welt. Im kommenden Jahrzehnt geht die Generation der Babyboomer in Rente. Betrachtet man allein die Alterung der Bevölkerung, sinkt die Zahl der Arbeitskräfte im nächsten Jahr schon um 340 000 Personen. Unter dieser Entwicklung droht der Sozialstaat zu kollabieren. Auch deswegen konzentriert sich die Politik auf Fachkräfte aus dem Ausland.

Wie sollen Zuwanderer das Problem lösen?

Vor Kurzem hatte das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung berechnet, dass bis 2060 jedes Jahr 260 000 Menschen nach Deutschland einwandern müssten, um den Mangel an Fachkräften auszugleichen. Die Bundesregierung hofft, dass durch das Einwanderungsgesetz zumindest 25 000 Menschen im Jahr kommen werden. Der Bundesrat hatte das Gesetz im Juni als Teil des Migrationspakets der Koalition gebilligt. Es soll zum 1. März 2020 in Kraft treten – und konzentriert sich auf Fachkräfte aus Drittstaaten.

Was sieht das Gesetz vor?

Wer außerhalb der EU lebt und beruflich gut qualifiziert ist, soll künftig auch ohne Arbeitsvertrag kommen und ein halbes Jahr lang einen Job suchen können. Das war bislang nur Akademikern möglich. Die Beschränkung auf sogenannte Engpassberufe, in denen die Personalnot besonders groß ist, entfällt. Ebenso die Vorrangprüfung: Eine Fachkraft darf kommen, ohne dass erst geguckt wird, ob der Arbeitsplatz nicht auch mit einem Bewerber aus Deutschland oder der EU besetzt werden kann. Die Voraussetzungen sind notwendige deutsche Sprachkenntnisse und die Sicherung des Lebensunterhalts.

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Was beinhaltet die Regierungsstrategie, die im Kanzleramt besprochen wird?

Erstens soll genau analysiert werden, in welchen Berufen ein besonderer Fachkräftemangel besteht und „welche Länder über die notwendigen Fachkräftepotenziale verfügen“. Damit die Menschen in fernen Ländern wissen, dass sie hier gesucht werden, soll es dort Informationskampagnen geben. Haben Fachkräfte und Unternehmen Interesse, sollen sie umfangreich zum Zuwanderungsprozess beraten werden. Außerdem soll es Angebote zur Sprachförderung im In- und Ausland und mehr Möglichkeiten geben, um bestimmte Qualifikationen nachzuholen. Verfahren zur Visumsvergabe sollen schneller ablaufen.

Was tun deutsche Unternehmen?

Immer mehr junge Menschen streben in Deutschland an die Universitäten. Für Betriebe ist die Akademisierung ein Problem. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks freut sich deswegen über die Wiedereinführung der Meisterpflicht in zwölf Gewerken. Mehr Meister würden mehr junge Menschen ausbilden. Unternehmen sind aber auch gezwungen, für sich zu werben. Ein wichtiger Hebel ist die Vereinbarkeit der Arbeit mit anderen Lebensaufgaben wie der Erziehung von Kindern oder Pflege der Eltern.

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