Interview mit russischen Oppositionellen

Wladimir Kata-Mursa: „Die Verantwortung trägt Wladimir Putin“

Der russische Oppositionelle Wladimir Kara-Mursa wurde zweimal vergiftet – und macht trotzdem weiter. Er kritisiert Deutschland für dessen Haltung gegenüber Wladimir Putin.
12.09.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Claudia von Salzen
Wladimir Kata-Mursa: „Die Verantwortung trägt Wladimir Putin“

Er wurde zweimal vergiftet – und reist trotzdem immer wieder nach Russland: der russische Oppositionelle Wladimir Kara-Mursa.

Kay Nietfeld/dpa

Herr Kara-Mursa, im Mai 2015 wurden Sie in Russland Opfer einer Vergiftung. Was ist damals passiert?

Wladimir Kara-Mursa: Ich saß mit einigen Kollegen in einem Konferenzraum in Moskau, als es mir schlagartig sehr schlecht ging. Ich konnte kaum noch atmen. Ich begann zu schwitzen. Mein Herz raste, und ich musste mich übergeben. Es ist beängstigend, wenn man zu atmen versucht und keine Luft mehr bekommt. Man hat das Gefühl, man würde ersticken. Das war schrecklich. Nach kurzer Zeit wurde ich bewusstlos. Meine Kollegen riefen einen Krankenwagen. Wenn ich allein gewesen wäre, würde ich heute nicht hier sein.

Wie ging es dann weiter?

Ich habe keine Erinnerung an alles, was im Monats danach passierte. Ich lag rund drei Wochen im Koma. Ein Organ nach dem anderen versagte. Am Anfang dachten die Ärzte, ich hätte eine Herzkrankheit. Dann glaubten sie, ich litte an Nierenversagen. Erst am Ende des zweiten Tages geriet ich an einen Arzt, der begriff, dass es sich in meinem Fall um ein komplexes Problem handelt. Er hat mir das Leben gerettet. Seine Diagnose lautete: Vergiftung durch eine nicht identifizierte Substanz. Die Ärzte sagten meiner Frau, meine Überlebenschancen lägen bei fünf Prozent.

Wie lange haben Sie gebraucht, um sich von der Vergiftung zu erholen?

Das hat sehr lange gedauert. Ich musste wieder laufen lernen, im wahrsten Sinne des Wortes. Mehr als ein Jahr bin ich am Stock gegangen. Ich konnte nicht einmal eine Tasse Tee hochheben. Einige gesundheitliche Folgen werden mich den Rest meines Lebens begleiten. Aber kaum dass es mir wieder gut ging, passierte es wieder. Das war im Februar 2017. Mitten in der Nacht wachte ich auf. Ich konnte nicht mehr atmen. Mein Herz raste, ich begann zu schwitzen. Ich verstand, dass das Gleiche passierte wie damals. Ich rief meine Frau in den USA an, und sie verständigte den Arzt, der mir schon einmal das Leben gerettet hatte. In der Klinik verlor ich das Bewusstsein.

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Auch der Oppositionelle Alexej Nawalny, den die Ärzte jetzt in Berlin aus dem Koma geholt haben, wurde vergiftet. Welche Botschaft wird mit solchen Anschlägen gesendet?

Schon die sowjetischen Sicherheitsdienste haben diese Methode gern benutzt. Seit Putin an die Macht kam, ist die Zahl der Fälle stark gestiegen. Diese Methode gibt der Kreml-­Propaganda die Möglichkeit, alles abzustreiten. In meinem Fall hieß es, ich hätte die falschen Medikamente genommen oder zu viel Alkohol getrunken. Bei Nawalny sagten sie, er habe niedrigen Blutzucker, oder er habe zu viel getrunken und Tabletten genommen. Jedes Mal, wenn in der Kreml-Propaganda „alternative Theorien“ auftauchen, wenn Desinformation gestreut wird, ist das ein fast sicherer Beweis dafür, wer dahintersteckt.

Gab es in ihrem Fall in Russland Ermittlungen durch die Behörden?

In beiden Fällen habe ich die Aufnahme von Ermittlungen wegen versuchten Mordes beantragt. Bis zum heutigen Tag habe ich nicht einmal eine Antwort bekommen. Wenn also jetzt der Kreml-Sprecher Dmitri Peskow fragt, wo denn die Beweise für eine Vergiftung von Nawalny seien, ist das eine sehr heuchlerische Frage. Denn Beweise bekommt man durch Ermittlungen – die aber von den russischen Behörden verweigert werden. Vor fünfeinhalb Jahren wurde der Oppositionsführer Boris Nemzow in der Nähe des Kremls erschossen. Einer der verurteilten Täter war ein Beamter der Truppen des Innenministeriums. Aber es gab keine echten Ermittlungen, keine Suche nach den Hintermännern.

Wie erklären Sie sich, warum Sie zum Ziel von Giftanschlägen wurden?

Ich habe keinen Zweifel daran, dass dies mit meinem Einsatz für ein Magnitski-Gesetz in den USA und anderen Staaten zu tun hat. Seit 2010 setze ich mich dafür ein, dass ranghohe Menschenrechtsverletzer und korrupte Betrüger des Putin-Regimes international zur Rechenschaft gezogen werden. Die Machthaber im Kreml geben ihr gestohlenes Geld gern im Westen aus. Sie haben dort Bankkonten, Villen und Jachten, ihre Kinder gehen auf westliche Schulen. Ziel des Magnitski-Gesetzes ist es, dass die, die im eigenen Land grundlegende Werte verletzen, nicht mehr in westliche Länder reisen und dort Vermögen besitzen können. Ein solches Gesetz trifft das verkommene, kleptokratische System ins Herz.

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Wer trägt aus Ihrer Sicht die Verantwortung für die Vergiftung Nawalnys?

Wladimir Putin, das steht für mich außer Frage. Es gibt theoretisch nur zwei Möglichkeiten: Die eine ist, dass Putin persönlich den Angriff befohlen hat. Die andere Möglichkeit, an die ich nicht glaube, ist, dass hochrangige Regierungsvertreter die Tat organisierten, um Putin eine Freude zu machen. In diesem Fall hätte Putin eine Atmosphäre geschaffen, in der Vertreter des Regimes den Mord an einem führenden Oppositionellen für eine gute Sache halten. Die Frage nach der strafrechtlichen Verantwortung muss in einer unabhängigen Ermittlung in Russland geklärt werden. Aber solange Putin an der Macht ist, wird es die nicht geben. Deswegen ist es so wichtig, internationale Kontrollmechanismen einzubeziehen, die OSZE und den Europarat.

Wie sollten Deutschland und die EU auf den Fall Nawalny reagieren?

Die EU braucht eine Magnitski-Regelung. Es ist verblüffend, dass es so was in der EU noch nicht gibt. Ehrlich gesagt finde ich es erstaunlich, dass einige hier in Deutschland erst jetzt zum Nachdenken kommen, da der russische Oppositionsführer mitten in Berlin im Krankenhaus liegt. Putin hat Wahlen manipuliert, unabhängige Medien geschlossen, Gegner ins Gefängnis gesteckt. Dann fingen sie an, Gegner zu töten. Auf internationaler Ebene gab es den Einmarsch in Georgien, die Annexion der Krim, die Intervention in der Ostukraine. Und die ganze Zeit haben westliche Politiker auf beiden Seiten des Atlantiks Putin in die Augen geschaut, einen „Reset“ der Beziehungen erklärt und ihn zu prestigeträchtigen Gipfeln eingeladen. Das groteskeste Beispiel dafür ist der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder, der praktisch als Putins PR-Agent in einer gut bezahlten Position bei Gazprom arbeitet.

Warum gehen Sie immer wieder zurück nach Russland – trotz des Risikos?

Die einzige konkrete Vorsichtsmaßnahme ist, dass meine Familie in den USA lebt. Ich gehe zurück, weil unser Land etwas Besseres verdient hat, als im Europa des 21. Jahrhunderts von einem autoritären, kleptokratischen Regime beherrscht zu werden, das von einem sowjetischen KGB-Offizier geführt wird. Es gibt viele Menschen in Russland, die so denken. Wenn jetzt diejenigen von uns, die die Gesichter der Opposition sind, weglaufen, sendet das die falsche Botschaft. Das größte Geschenk, das wir als Vertreter der demokratischen Opposition Putin und dem Kreml machen könnten, wäre aufzugeben und wegzurennen. Dieses Geschenk werden wir Putin nicht machen.

Das Gespräch führte Claudia von Salzen.

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Info

Zur Person

Wladimir Kara-Mursa

war Berater des 2015 in Moskau ermordeten Boris Nemzow und wurde zweimal, 2015 und 2017, Opfer einen Giftanschlags. Die Frau des 39-jährigen Russen und ihre drei Kinder leben seit 2015 aus Sicherheitsgründen in Washington, er selbst hat Russland 2017 verlassen.

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