Gastkommentar zum Thema Berufsunfähigkeit

Fallstricke für Menschen in existenzieller Not kappen

Die Privatisierung der Berufsunfähigkeitsversicherung hat die Risiken für die Arbeitnehmer unzumutbar erhöht, meint die Bremer SPD-Bundestagsabgeordnete Sarah Ryglewski.
30.09.2018, 22:15
Lesedauer: 2 Min
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Von Sarah Ryglewski
Fallstricke für Menschen in existenzieller Not kappen

Sarah Ryglewski ist Abgeordnete der SPD im Bundestag.

Karsten Klama

Der Verlust der eigenen Arbeitskraft ist ein existenzielles Risiko. Wer schwer erkrankt oder einen Unfall erleidet und seinen Beruf nicht mehr ausüben kann, gerät schnell in existenzielle Not. Umso wichtiger ist die finanzielle Absicherung. Im Jahr 2000 wurde im damaligen Zeitgeist die Aufgabe, dieses Risiko abzusichern, privatisiert und zu großen Teilen an die Versicherungswirtschaft delegiert.

Nach 18 Jahren ist festzustellen: Die damit verbundenen Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Der Markt der Berufsunfähigkeitsversicherer birgt für Verbraucher zahlreiche Fallstricke. Menschen mit Vorerkrankungen oder „riskanten“ Berufen erhalten oft keine oder keine bezahlbare Absicherung. Gesundheits- und Altenpfleger, Handwerker und Erzieher sind damit faktisch genauso ausgeschlossen wie Menschen, die unter chronischen Erkrankungen leiden.

Den zweiten Fallstrick bergen die Gesundheitsfragen. Diese sind oft komplex und nicht eindeutig formuliert. Wer hier Fehler macht, riskiert seinen Versicherungsschutz. Für Versicherungen lohnt es sich, nach Fehlern zu forschen, um teure Ansprüche abzuwehren.

Verbraucherverbände empfehlen daher, für die Beantwortung einen Experten hinzuzuziehen. Wer eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließt, sollte daher zugleich eine Rechtsschutzversicherung abschließen. Diese scheint zusätzlich zu Geduld und starken Nerven nötig, um seine Ansprüche durchzusetzen. All das in einer ohnehin schwierigen Lebenssituation. Dieser Zustand ist inakzeptabel.

Es besteht daher Handlungs- und Regulierungsbedarf, um eine wirksame Absicherung zu schaffen. Wir müssen dagegen vorgehen, dass Verbraucher wegen Vorerkrankungen oder wegen ihres Berufes unverhältnismäßig diskriminiert werden und keinen bezahlbaren Versicherungsschutz erhalten. Versicherungen dürfen Verfahren nicht länger gezielt verschleppen, indem zum Beispiel immer wieder neue Atteste gefordert werden. Innerhalb einer klaren gesetzlichen Frist müssen Versicherte ihren Bescheid bekommen. Wir brauchen außerdem Transparenz darüber, wie zuverlässig Versicherungen zahlen, um einen echten Wettbewerb herzustellen.

Nicht zuletzt brauchen wir weitere Verbesserungen bei der gesetzlichen Erwerbsminderungsrente, wie sie durch das Rentenpaket von Sozialminister Hubertus Heil vorgesehen sind. Je besser diese ausgestattet ist, desto geringer ist die Abhängigkeit von privaten Versicherungen.

Info

Zur Person

Unsere Gastautorin Sarah Ryglewski ist Abgeordnete der SPD im Bundestag und stellvertretende Landesvorsitzende der Bremer SPD. Sie ist unter anderem Mitglied im Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz.

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