Frankreich-Kenner über die Tradition der Satire

"Fast ein Kulturkampf"

Als Leiter des Goethe-Instituts in Paris hat Joachim Umlauf die Attentate auf die Franzosen miterlebt. Kathrin Aldenhoff hat mit ihm über die Besonderheit der französischen Satire, traditionelle Katholiken und Integration gesprochen.
13.01.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Kathrin Aldenhoff
"Fast ein Kulturkampf"

Schweigeminute für die Opfer des Terroranschlags auf die Pariser Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“.

Ian Langsdon, dpa

Als Leiter des Goethe-Instituts in Paris hat Joachim Umlauf die Attentate und die Reaktion der Franzosen darauf miterlebt. Kathrin Aldenhoff hat mit ihm über die Besonderheit der französischen Satire, traditionelle Katholiken und Integration gesprochen.

Heute wird die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in Millionenauflage erscheinen. Werden Sie auch eine Ausgabe kaufen?

Joachim Umlauf: Selbstverständlich. Ich habe auch schon mehrere Aufträge von Freunden und Bekannten aus Deutschland, die mich gebeten haben, ihnen Ausgaben zu besorgen.

International gibt es Stimmen, die sagen, dass die Karikaturen zu scharf sind, beleidigend, geschmacklos. Gibt es diese Debatte auch in Frankreich?

Die Diskussion wurde in der Vergangenheit geführt, je nachdem in welchem politischen Lager man sich befand und je nach religiöser Sensibilität. Aber seit den Attentaten ist sie überdeckt durch den Horror, der passiert ist. Beim Vorgängerblatt mit Namen „Hara-Kiri“ waren die Karikaturen teilweise noch härter.

Die französische Satire ist berühmt. Warum ist sie so besonders?

Frankreich ist das Land, in dem die politische Karikatur mit Honoré Daumier unter dem Bürgerkönig Louis Philippe das Licht der Welt erblickt hat. Es ging immer um die Fragen: Was hält eine Demokratie aus? Wie weit kann sie durch Karikaturen kritisiert, bloßgestellt, lächerlich gemacht werden? Ein zweiter wichtiger Punkt, besonders für die bildnerische Satire, wie sie Charlie Hebdo macht, ist die Tatsache, dass Frankreich das Land der Comics ist. Hier haben Comics viel früher als in anderen Ländern den Status einer Kunst bekommen. Der dritte Punkt ist, dass Frankreich als laizistische Republik die Trennung von Kirche und Politik Anfang des 20. Jahrhunderts in einem viel stärkeren Maße vollzogen hat als Deutschland. „Charlie Hebdo“ polemisiert ja gegen alle Formen religiöser Borniertheit und Engstirnigkeit.

Dann darf Satire in Frankreich frei nach Tucholsky also wirklich alles?

Ja, das würde ich sagen. Auch im Radio gibt es sehr viel Satire und Shows, die sehr respektlos mit dem politischen Feld umgehen. Kritischer sehe ich, dass auch die großen politischen Magazine mit Lust über Politiker herfallen. Viel mehr, als in Deutschland, wo das Privatleben von Angela Merkel oder anderen Politikern für die Medien weitgehend tabu ist.

Joachim Umlauf

Joachim Umlauf

Foto: © 2011 Philippe Lelluch, FR

Streng katholische Organisationen haben in der Vergangenheit immer wieder Prozesse gegen „Charlie Hebdo“ angestrengt. Ist der Laizismus in Frankreich noch lebendig?

Er ist ein republikanisches Prinzip und Grundlage der französischen Gesellschaft. Jedes Land hat seine Gerichtsbarkeit, man kann gegen solche Karikaturen vorgehen, wenn man sie überzogen oder geschmacklos findet. Aber gerade in der jetzigen Situation gibt es von Rechts Versuche, sich wieder mehr Gehör zu verschaffen. Die traditionellen Katholiken erheben ihre Stimme, wie sie es im vergangenen Jahr mit Demonstrationen gegen die Homosexuellen-Ehe getan haben. Teilweise gibt es einen Schulterschluss zwischen dem Front National und dem traditionellen katholischen Milieu. Dieses fühlt sich durch den Laizismus ständig zurückgesetzt. Der Kern der Frage ist doch: Darf man über Religion lachen? Die Moderne beantwortet diese Frage seit der Aufklärung eindeutig mit Ja. Aber es gibt muslimische und auch katholische Kreise, die sich dagegen wenden. Ihrer Meinung nach ist ihre Religion ein Bereich, der nicht kritisiert werden darf. Das ist fast ein Kulturkampf, den wir da im Moment kämpfen.

Thema des Front National ist immer wieder die Einwanderung. Hat Frankreich ein Problem mit der Integration von Migranten?

Ja, so wie andere ehemalige Kolonialmächte auch. Die Frage ist, was bringt junge Männer dazu, sich auf einmal von der Gesellschaft zu verabschieden? Nach Syrien zu gehen um zu kämpfen und dann als lebende Maschinengewehre zurückzukehren? Woher kommt es, dass eine Gesellschaft so spaltet oder so wenig fähig ist, Perspektiven zu bieten? Diese Fragen muss sich jedes Land stellen. Und die derzeitige Wirtschaftskrise verstärkt die Integrationsprobleme, denn Arbeitslosigkeit wirkt verstärkt bei Migranten. Sie haben wegen ihrer Hautfarbe, ihres Namens, ihrer Ausbildung oder ihres Wohnortes weniger Chancen in der Gesellschaft. Ich will mit sozialen Umständen nichts entschuldigen, aber man muss sie berücksichtigen.

Von manchen Seiten heißt es, Frankreich schöpft aus den schrecklichen Attentaten Kraft. Denken Sie das auch?

Kurzfristig, für ein paar Tage war das sicherlich der Fall. Das war eine Art republikanische Selbstvergewisserung. Die Anzahl der Menschen, die auf die Straße gegangen ist, war beeindruckend. Trotzdem bleibt Frankreich meiner Meinung nach eine tendenziell gespaltene Gesellschaft. Ob die Kraft, die aus den Attentaten gewonnen wird, erstens positiv ist und zweitens ausreicht, um in der Zukunft zu wirken, wird man bei den nächsten Wahlen sehen. Schon jetzt werden Wahlergebnisse im Bereich von 20 Prozent für den Front National vorhergesagt.

Zur Person

Joachim Umlauf (55) leitet seit 2010 das Goethe-Institut in Paris. Er hat in Düsseldorf, Nantes und Frankfurt/M. studiert und bewegt sich seit rund 30 Jahren im deutsch-französischen Kontext.

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