Kommentar über Anwesenheitspflicht-Verbot

Fehlt die Verbindlichkeit an der Uni, leidet die Bildung

Zwingt man die Universität noch stärker zur Beliebigkeit, darf man sich über größere Prüfungslasten nicht wundern, schreibt Lorenz Kähler, der Dekan des Fachbereichs Rechtswissenschaft der Universität Bremen.
03.07.2017, 22:31
Lesedauer: 2 Min
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Von Lorenz Kähler
Fehlt die Verbindlichkeit an der Uni, leidet die Bildung

Für unseren Gastautor geht es beim Studium vor allem um Bildung, die auch in Diskussion entsteht.

dpa

Die Bürgerschaft hat der Universität soeben verboten, eine Anwesenheit ihrer Studierenden zu verlangen. Diese sollen frei entscheiden, ob und wann sie an die Uni kommen. Bis auf wenige Ausnahmen ist dem Belieben keine Grenze gesetzt. Das klingt nach Freiheit, stellt einen Teil der Lehre aber infrage. Schon bisher wurde in den Vorlesungen keine Anwesenheit verlangt, geschweige denn kontrolliert.

Für einige wenige Veranstaltungen hat sich eine verbindliche Teilnahme indes als sinnvoll erwiesen, um eine Diskussion zu ermöglichen. Das gemeinsame Ringen um Erkenntnis ist bisweilen mühsam, aber überaus hilfreich. Selbst Enttäuschungen dabei sind Teil des Lernprozesses. Wenn es hingegen freisteht, jederzeit zu kommen und zu gehen, ist das Lernen in einer Gruppe nicht mehr planbar.

Das ist, als ob man den Mitgliedern eines Orchesters freistellte, beim Konzert mitzuspielen. Wenn die meisten zu Hause bleiben, kann immer noch ein eindrückliches Solo erklingen. Eine Symphonie aber erlebt dann keiner mehr. Wer im Verbot der Anwesenheitspflicht allein einen Freiheitsgewinn erblickt, verkennt, wie wichtig ein verbindlicher Unterricht bisweilen ist.

Lehrfreiheit des Grundgesetzes kommt unter die Räder

Die Bremer Bürgerschaft hat das Gegenteil entschieden, obwohl sie fern von der universitären Lehre steht. Was gibt ihr die Gewissheit, besser als die Hochschullehrer beurteilen zu können, wie man die Lehre gestaltet? Keiner käme auf die Idee, Ärzten per Gesetz vorzuschreiben, wie sie operieren. Bei der Universität allerdings greift man von außen ein.

Unter die Räder kommt dabei die Lehrfreiheit des Grundgesetzes. Danach dürfen die Hochschullehrer selbst entscheiden, wie sie ihren Unterricht gestalten, und ob sie dabei eine verbind-liche Teilnahme für sinnvoll halten. Eine solche mag etwa die Demotivation derjenigen verhindern, die sich der Diskussion stellen. Auch das letzte studentische Referat vor den Ferien verdient Zuhörer.

Es geht nicht nur um die Prüfungsvorbereitung

Wer sich gegen die Anwesenheitspflicht wendet, weist gern darauf hin, dass die Studenten schon wegen der später zu bestehenden Prüfung zur Uni kommen. Jedoch sollte das Studium in erster Linie nicht der Prüfungsvorbereitung dienen. Es geht vielmehr um Bildung, die auch in Diskussion entsteht.

Je weniger die Dozenten ihre Studenten kennen, desto mehr müssen sie für einen Abschluss deren Kenntnisse prüfen. Nicht zufällig sind mit gestiegenen Studentenzahlen auch die Prüfungen zahlreicher geworden. Zwingt man die Universität nun noch stärker zur Beliebigkeit, darf man sich über größere Prüfungslasten nicht wundern. Fehlt die Verbindlichkeit, leidet die Bildung. Damit ist keinem gedient, schon gar nicht der daran interessierten Öffentlichkeit.

Zur Person

Unser Gastautor lehrt Bürgerliches Recht an der Universität Bremen. Der Professor, Jahrgang 1973, ist seit Juli 2015 Dekan des Fachbereichs Rechtswissenschaft.

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