Kommentar zum Wert von Lebensmitteln

Ein Stäbchen für einen Fisch vormachen

Die Masseninfektionen in der Fleischindustrie zeigen, dass irgendetwas faul ist in Deutschland. Dass Lebensmittel nicht wertgeschätzt werden, haben alle Beteiligten zu verantworten, meint Silke Hellwig.
28.06.2020, 05:00
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Ein Stäbchen für einen Fisch vormachen
Von Silke Hellwig
Ein Stäbchen für einen Fisch vormachen

Oft wird Obst und Gemüse bereits wegen kleinster Schönheitsfehler aussortiert und Lebensmittel werden direkt nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums weggeworfen.

Christiane Raatz /zb /dpa

Das klingt gut: Die Wertschätzung für regionale Lebensmittel und die Landwirtschaft ist durch die Corona-Krise gewachsen. Den Verbrauchern sind klare Angaben zur Herkunft der Zutaten, zur Art der Tierhaltung und zu den Produktionsbedingungen wichtig. Das geht jedenfalls aus dem Ernährungsreport 2020 hervor. Gut gemacht, möchte man meinen, so soll es sein – im Interesse der Verbraucher, der Erzeuger und des Handels.

Der Pferdefuß: Der Report basiert auf einer Umfrage. 1000 Bundesbürger wurden nach ihren Gewohnheiten befragt, einmal zum Jahreswechsel, erneut im April. Und obgleich die Umfrage als repräsentativ gilt, bildet sie – wie andere ähnliche Erhebungen – die Schokoladenseite der Bürger ab. Ob die Umfragen anonym sind oder nicht, die Verführung ist groß, das eigene Verhalten zu beschönigen. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ zitiert Jan Bock, Leiter des Lidl-Einkaufs: „Die Deutschen gäben in Umfragen immer an, besonders viel Geld für fair produzierte Ware oder Bioprodukte auszugeben (...) ,Das sind Sonntagsreden, die Realität sieht anders aus', sagt Bock.“

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Die Realität der vergangenen Wochen hat – bei aller Tragik – auch für lichte Momente gesorgt. Menschen, die wie Maden im Speck leben, also eine sehr große Mehrheit der Westeuropäer, mussten zum Beispiel feststellen: Es ist keine Selbstverständlichkeit, an sechs Tagen die Woche vom frühen Morgen bis in die Nacht Nudeln und Mehl, Eis und Ketchup, Obst und Gemüse zu kaufen – durchweg Eins-a-Ware und in beinahe unanständiger Vielfalt. Als alles andere von den Landesregierungen geschlossen worden war, waren die Lebensmittelhändler und ihre Angestellten die Felsen in der Brandung.

Auch das Phänomen der Hamsterkäufe von Mehl und Nudeln bescherte vielen eine neue Erfahrung: dass nicht immer alles verfügbar ist und dass sich die Welt ungerührt (vermutlich müde lächelnd, wenn sie könnte) weiterdreht, wenn eine Ware nicht mehr verfügbar ist. Was daraus gemacht wurde, hatte beinahe tragikomische Züge. Betroffene berichteten: "Der Kleine will Nudeln – wir bekommen einfach nirgendwo welche. Wir haben zwar noch Suppennudeln, aber die schmecken nicht mit Tomatensoße.“ Skandal.

Lebensmittel werden achtlos auf die Straße geworfen

Man muss nicht in Biotonnen gucken, um zu wissen, dass etwas faul ist in deutschen Haushalten – Verdacht auf galoppierende Maßlosigkeit. Was „to go“ nicht mehr in den Magen passt, wird achtlos auf die Straße geworfen. Obst und Gemüse mit kleinen Schönheitsfehlern werden vernichtet. Nahrungsmittel werden aussortiert, sobald das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist. Als wüsste ein Joghurt, dass er schlecht zu werden hat, wenn es erreicht ist.

Diese Art der Geringschätzung von Rohstoffen, von Natur und Tier, aber auch von Arbeit hat viele Gründe. Dazu gehören die Preise: Was verschleudert wird, lässt man schneller vergammeln. Dazu gehört die deutsche die Rabatt- und Nachlassjäger-Mentalität, die von Gier getrieben ist, wie der Neurowissenschaftler Christian Elger dem „Deutschlandfunk“ erläuterte. „Die Gier war in archaischen Zeiten etwas ganz Wichtiges, um die Sippe zu ernähren.“ Schnäppchenpreise aktivierten dieses Belohnungssystem.

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Dazu gehört aber vor allem der schöne Schein: Verbrauchern bleibt verborgen, woraus und wie entsteht, was sie hübsch verpackt in ihren Einkaufskorb legen. Jeder weiß, dass der Fleischhandel kein Streichelzoo ist. Aber es nicht schwer, sich darüber hinwegtäuschen zu lassen. Hersteller helfen gerne, machen Kunden ein X für ein U vor, ein Stäbchen für einen Fisch: Das Fleisch vom Rind ist eine runde Scheibe zwischen zwei Brötchenhälften. „Zarte Mortadella aus Schweinefleisch“ wird als „Bärchen-Wurst“ an den Nachwuchs gebracht. Der Thunfisch in der Dose soll ein Tier gewesen sein? Undenkbar.

Der Schlachthof als außerschulischer Lernort

An sich müsste jeder Schüler, jede Schülerin nicht nur einen Bauern-, sondern auch einen Schlachthof oder eine Kinder-Wurst-Fabrik als sogenannten außerschulischen Lernort besucht haben, bevor man sie über Lebensmitteleinkäufe entscheiden lässt. Sie müssten fünf Kilo Erdbeeren gepflückt, in aller Herrgottsfrühe einer Backstube geschwitzt haben. Sie müssten wissen, woraus Schokolade besteht und woher der Kakao kommt.

Sie würden erkennen und lernen, dass Lebensmittel ihren Preis haben. Wenn der deutsche Verbraucher ihn nicht zahlt, tun es andere: südosteuropäische Arbeiter, Kleinbauern in aller Welt, Kinder auf Kakao-, Landarbeiter auf Zuckerrohr-Plantagen. Eine vollständige Aufzählung würde diesen Rahmen sprengen – bei Weitem.

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