Internationale Pressestimmen

"Floyd war nur eines von vielen Opfern"

In den USA toben Unruhen, Auslöser ist der gewaltsame Tod des Schwarzen George Floyd durch einen Polizeibeamten. So kommentiert die internationale Presse die Situation.
02.06.2020, 09:22
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"Floyd war nur eines von vielen Opfern"

Eine Demonstrantin diskutiert während einer Kundgebung mit einem Polizisten.

Sarah Reingewirtz/Orange County Register via ZUMA/dpa

Nach dem Tod eines Afroamerikaners in Folge eines brutalen Polizeieinsatzes kommt es in den USA zu friedlichen Anti-Rassismus-Demonstrationen. Es gibt aber auch Schüsse, Gewalt und Plünderungen. Auch international werden die Unruhen von der Presse kommentiert. Eine Auswahl

„Pravda“ (Slowakei)

„George Floyd ist nur eines von vielen Opfern von Polizei-Brutalität gegenüber Afroamerikanern. In den USA ein "Farbiger" zu sein, bedeutet im Land der Freiheit ein großes Handicap. Gründe für die Frustration der Afroamerikaner gibt es mehrere. Abgesehen von der seit Jahrzehnten anhaltenden Segregation, der rassistischen Polizeigewalt und den niedrigeren Einkommen zeigt sich, dass sie auch verletzbarer sind, wenn es um Covid-19 geht. Das hängt alles zusammen. Wenn Präsident Donald Trump anstatt die Situation zu beruhigen auf Twitter schreibt, dass auf Plündernde geschossen werden soll, gießt er unnötig Öl ins Feuer.“

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„De Standaard“ (Belgien)

„Dass die friedlichen Proteste nachts in Plünderung und Gewalt ausarten, kommt Donald Trump entgegen. Die Corona-Krise hat er vermasselt. Daher ist dies nun ein willkommenes Ablenkungsmanöver. Der amerikanische Präsident geht auf Demonstranten los, die er Anarchisten und Verbrecher nennt, und gießt damit Öl ins Feuer. Ob ihm diese Reaktion bei den Präsidentschaftswahlen Vorteile verschaffen wird, lässt sich nicht vorhersagen. (...) Demografisch betrachtet, scheint die Zukunft den Demokraten und der Toleranz zu gehören. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass der weiße Nationalismus bei den Wahlen im November doch noch einmal triumphiert.“

„La Vanguardia“ (Spanien)

„Der Präsident sieht sich konfrontiert mit den schwersten Rassenunruhen seit Jahrzehnten, mit einer Pandemie, die bereits mehr als 100 000 Amerikaner umgebracht hat und mit einer Wirtschaftskrise, die 40 Millionen Menschen arbeitslos gemacht hat. Von Donald Trumps Antwort auf diese drei dramatischen Krisen hängt seine Wiederwahl im November unmittelbar ab.

Die Vereinigten Staaten befinden sich an einem kritischen Punkt, das Land brennt an allen vier Ecken. Trumps Reaktion hat sich bisher darauf beschränkt, die Demonstranten als „Plünderer und Anarchisten“ zu bezeichnen, und - wieder einmal - die Journalisten zu kritisieren, mit dem Einsatz der Armee zu drohen, und anzukündigen, er werde die Antifa, eine Protestbewegung gegen den Faschismus, zur „Terrororganisation“ erklären.“

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„El País“ (Spanien)

„Die Protestwelle und die Unruhen, die die USA seit vielen Nächten heimsuchen, nachdem George Floyd unter dem Knie eines Polizisten in Minneapolis langsam erstickt ist, erfordern eine Antwort von (US-Präsident) Donald Trump (...) Bisher hat Trump aber nichts anderes getan, als seine altbekannte Strategie zu verfolgen und einen Feind zu suchen, um sich schnell aus allen Problemen herauszureden (...) Covid-19 hat wieder einmal die heikle Situation einer Minderheit gezeigt, die zwölf Prozent der US-Bevölkerung ausmacht, den proportional größten Anteil an Infizierten hat und die die ethnische Gruppe ist, die am wenigsten verdient und am stärksten von einer Jobzerstörung getroffen wird, wie man sie seit 1929 nicht gesehen hatte. In diesem Kontext waren die Bilder des Polizeibeamten Derek Chauvin, der die Hände in den Taschen hat, während Floyd den Erstickungstod stirbt, der Funke, der den Aufstand ausgelöst hat. Es ist dringend nötig, dass die Ordnung wiederhergestellt wird und dass die Übergriffe gegen Schwarze unterbunden und bestraft werden.“

„Financial Times“ (Großbritannien)

„Donald Trump ist nicht schuld an den Straßenunruhen oder an den Ereignissen, die dazu geführt haben. Die amerikanische Politik war schon vor seiner Zeit leicht entflammbar. Die Probleme, um die es hier geht - Rasse und das Verhalten der Polizei - werden ihn überdauern. Jedoch beeinflusst ein Präsident die nationale Stimmungslage mit seiner Rhetorik viel stärker als andere. Das gilt erst recht in angespannten Situationen. Und Trumps jüngste Interventionen waren aufwieglerisch. (...) Niemand in der Welt verfügt über ein Podium, das an jenes des US-Präsidenten heranreicht. Wenn er es missbraucht, müssen einfache Amerikaner mit den Folgen fertig werden.“

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„The Times“ (Großbritannien)

„Der demokratische Präsidentschaftsanwärter Joe Biden ist zwar traditionell populär bei schwarzen Wählern, aber während der Corona-Krise fiel es ihm schwer, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Am Samstag sagte er, es sei zwar richtig gegen Polizeibrutalität zu protestieren, aber falsch, Nachbarschaften niederzubrennen und sinnlose Zerstörungen anzurichten.

Er will einerseits anerkennen, dass die Beschwerden vieler Demonstranten aufrichtig sind. Aber Biden wird sich auch davor hüten, mit gewalttätigen Ausschreitungen in Verbindung gebracht zu werden, was seiner Kandidatur bei Trumps eher moderaten Unterstützern schaden könnte. Doch ein langer, schwieriger Sommer hat gerade erst begonnen und letzten Endes ist es der Präsident, der die richtigen Worte finden muss, um die Gemüter zu beruhigen. Das aber müsste er zunächst mal auch wollen.“

„Lidove noviny“ (Tschechien)

„Der heiße Sommer 1968 endete damit, dass der Republikaner Richard Nixon bei den Präsidentenwahlen im Herbst siegte. Er war mit dem Schlagwort "Recht und Ordnung" angetreten. Umso länger die Plünderungen und Brandstiftungen andauern werden, desto größer werden die Wiederwahl-Chancen für Donald Trump. In seinen Tweets, wie könnte es anders sein, vertritt er von allen die härteste und radikalste Position. Dabei muss er nicht einmal einen Finger rühren, denn Recht und Ordnung in den Großstädten liegen primär in der Verantwortung der Bürgermeister und der Gouverneure der Bundesstaaten. Das Leben ist nicht fair - und Trump hat mehr Glück als Verstand.“

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