Rund eine Million Syrer Flüchtlinge spalten Regierung im Libanon

Rund eine Million Syrer leben im Libanon. Ohne ausländische Hilfe kann der Libanon die enorme Herausforderung nicht meistern, die Regierung in Beirut ist gespalten.
07.04.2019, 20:50
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Flüchtlinge spalten Regierung im Libanon
Von Birgit Svensson

Der Pilot der Middle East Airline von Beirut setzt zur Landung in Frankfurt am Main an. Die Passagiere des voll besetzten Airbus 330 sind angeschnallt, die Räder ausgefahren, auch die Crew hat auf ihren Landungssitzen Platz genommen. Da plötzlich startet er durch und reißt das Flugzeug nach oben. Panik bricht aus. Kinder schreien, Passagiere rufen nach der Stewardess. Einer erhebt sich von seinem Sitz, macht die Gepäckklappe auf, greift seine Tasche und besteht darauf, sofort aussteigen zu wollen. Nur mit Mühe kann der Mann auf seinen Sitz zurückgedrängt und beruhigt werden.

Der Pilot nennt den Namen des Sturmtiefs, das für den Durchstart verantwortlich ist, sagt, dass wir um Frankfurt kreisen und eine zweite Landung versuchen werden, ruft die Passagiere zu Geduld und Vertrauen auf. Das ist leichter gesagt als getan. Viele haben Schreckliches hinter sich, wähnten sich in Sicherheit und werden nun erneut mit einer Bedrohung konfrontiert. Sie kommen aus Aleppo, Homs, Hama, Qamishli, Daraa, Damaskus. Die syrische Tragödie sitzt an diesem Tag im hinteren Teil des Flugzeugs von Beirut nach Frankfurt. Ihre Traumata brechen sich im deutschen Sturmtief Bahn.

Adnina hat ihr vier Monate altes Baby auf dem Schoss. Es weint. Seit zwei Jahren lebt sie mit ihrem Mann und zwei Kindern in Saarbrücken. In Aleppo wohnt der Rest der Familie, die Adnina besucht hat, um den Kleinen zu präsentieren und Papiere zu holen, die sie in Deutschland brauchen. Nach Aleppo will die Familie nicht mehr zurück. Auch zwei Jahre nach der Rückeroberung durch die Regierungstruppen von Baschar al-Assad liegt die Stadt weitgehend in Trümmern. „Kaum Strom, ein bisschen Wasser“, sagt Adnina, „nichts zu essen“. Die Perspektivlosigkeit der Menschen dort sei kaum zu ertragen – und dann, sagt Adnina: „Der Krieg ist überall, du wirst ständig daran erinnert.“

Wo alles begann

Auch Henan hat ein Baby auf dem Arm. Sie war zuhause in Damaskus, nach vier Jahren in Essen. Obwohl die Hauptstadt Syriens ziemlich vom Bürgerkrieg verschont geblieben ist, nur in den Außenbezirken gab es zuweilen heftige Kämpfe zwischen Rebellen, Aufständischen und dem Assad-Regime, will auch Henan nicht mehr zurück. Sie habe Deutsch gelernt, sagt sie stolz, ihr Mann habe Arbeit als Autolackierer. „Uns geht es gut in Deutschland, wir mögen Essen.“

Neben Henan sitzt Samir. Acht Jahre lang war er mit seiner Familie im Lager Bar Elias im Nordosten des Libanon. Die Familie stammt aus Daraa, wo alles begann. Einer seiner fünf Söhne war dabei, als im Frühjahr 2011 Anti-Assad-Parolen an die Hauswände der Stadt gesprüht, die Sprayer verhaftet, gefoltert und wegen Volksverhetzung verurteilt wurden. Daraufhin gingen die Eltern auf die Straße und forderten die Freilassung ihrer Kinder.

Samir war dabei, als der Demonstrationszug in Daraa immer länger wurde und sich auf das ganze Land ausdehnte. Zuerst floh die Familie in den Norden des Landes, nach Homs. Als auch dort die Kämpfe immer heftiger und blutiger wurden, überquerten sie die Grenze zum Libanon. Ein Sohn schaffte es 2015 mit der Flüchtlingswelle nach Deutschland. Seitdem versucht er, die Familie nachkommen zu lassen. Endlich hat es geklappt. Der Vater gibt die Vorhut und darf seinen Sohn besuchen. Das Flugticket musste er selbst bezahlen. Bei den Visagebühren half der deutsche Staat.

Lesen Sie auch

Grundsätzlich ist die Zahl der Visa zur Familienzusammenführung deutlich gesunken, wie das Auswärtige Amt in Berlin bekannt gibt. Der erst seit wenigen Monaten mögliche Nachzug zu Flüchtlingen mit zeitlich begrenztem Bleiberecht hingegen nimmt Fahrt auf, bleibt aber deutlich unter der Begrenzung. Immer weniger Flüchtlinge holen ihre Angehörigen nach Deutschland. Die Zahl der Visa aus Herkunftsländern wie Syrien verringerte sich 2018 deutlich. Der seit März 2016 ausgesetzte und wieder neu eingeführte Familiennachzug zu Flüchtlingen mit nur zeitlich begrenztem Bleiberecht hingegen nimmt auf niedrigem Niveau zu. Seit August gilt die Neuregelung für Flüchtlinge mit dem untergeordneten Schutz. Sie sieht ein Kontingent von 1 000 Plätzen pro Monat vor. Darunter fällt auch Samir. Die meisten Anträge bearbeiten die Auslandsvertretungen im libanesischen Beirut, im irakischen Erbil und im türkischen Istanbul.

Geht man in Beirut durch die Straßen, drängt sich der Eindruck auf, dass Syrien im Libanon abgewickelt wird. Syrer überall. Nicht wenige betteln, da ihre finanziellen Ressourcen aufgebraucht sind und sie offiziell keine Arbeitserlaubnis erhalten. Wie kein anderes Land ist der Mittelmeerstaat mit dem Schicksal des Nachbarlandes verbunden. Nichtregierungsorganisationen, die in Syrien arbeiten, sind im Libanon beherbergt, die Uno eingeschlossen. Über Beirut wird nach Syrien eingereist und ausgereist, Güter transportiert, Kranke und Verwundete evakuiert. Während Jordanien seine Grenzen zu Syrien dicht macht, hält der Libanon sie offen. Diese Verbundenheit ist nicht von ungefähr. Syrien war fast 30 Jahre lang Schutzmacht im Libanon. Der libanesische Staatspräsident bezeichnete die Anwesenheit syrischer Truppen im Libanon als „Anwesenheit einer befreundeten Armee eines befreundeten Landes“.

Flüchtlinge strömten in Scharen in den Libanon

Der ehemalige Präsident der USA George W. Bush bewertete sie dagegen als eine Besatzung. Sie gründete auf einen Beschluss der Arabischen Liga während des Bürgerkrieges im Libanon und stellte eine sogenannte Friedenstruppe dar. Nach dem Attentat auf den Fahrzeugkonvoi des früheren Ministerpräsidenten Rafik al-Hariri im Februar 2005 zog Damaskus unter enormem internationalen Druck alle seine Truppen zurück. Obwohl Syrien jede Beteiligung am Anschlag bestreitet, deuten die Berichte der von den Vereinten Nationen eingesetzten Untersuchungskommission darauf hin, dass Mitglieder syrischer und libanesischer Geheimdienste, möglicherweise sogar höchste Regierungskreise, in den Anschlag verwickelt waren oder zumindest im Vorfeld davon wussten. Der Anschlag sorgte in den folgenden Jahren für Konflikte in der libanesischen Regierung. 2011 wurden vier Haftbefehle gegen Mitglieder der Hisbollah ausgestellt.

Dann brach der Bürgerkrieg in Syrien aus, und die Menschen strömten in Scharen in den Libanon. Seitdem hat der Zedernstaat im Verhältnis zur Einwohnerzahl mehr syrische Flüchtlinge aufgenommen als alle anderen Länder der Region und weltweit. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen nennt knapp eine Million Syrer. Die meisten wohnen in Städten und Dörfern. Camps wie in Jordanien gibt es im Libanon wenige. Bar Elias, wo Samir und seine Familie seit Jahren leben, ist eine Ausnahme.

Die Regierung ist gespalten

Ohne ausländische Hilfe kann der Libanon die enorme Herausforderung nicht meistern. Bei der Brüsseler Syrien-Konferenz Mitte März unter dem Vorsitz der Europäischen Union und der Vereinten Nationen sind Geldzusagen in Höhe von 8,3 Milliarden Euro gemacht worden. Rund zwei Drittel davon kommen aus der EU. Libanons Premierminister Saad Hariri hatte für sein Land 2,6 Milliarden gefordert. Angesichts der wirtschaftlichen Probleme, die durch die Flüchtlinge entstanden seien, sei dieser Betrag unbedingt notwendig.

Die Regierung in Beirut ist gespalten. Staatsminister Saleh Gharib plädiert für eine schnelle Rückkehr der Syrer in ihr Land. Hariri und andere Minister wollen es ihnen selbst überlassen, wann sie zurückkehren. Niemand solle gezwungen werden. Gharib gilt als Unterstützer der Hisbollah im Libanon und Baschar al-Assads in Damaskus. Die Hisbollah ist eine schiitische Partei und Miliz im Libanon. Seit 1992 ist sie auch in der libanesischen Nationalversammlung vertreten. Sie stellt nach der Parlamentswahl 2018 mit 13 Mandaten etwa zehn Prozent der Abgeordneten und war schon in mehreren Kabinetten der libanesischen Regierung vertreten. Die Hisbollah kämpft offen auf der Seite Assads im syrischen Bürgerkrieg und ist eng mit dem Iran verbunden. Dessen Einfluss reicht mittlerweile vom Irak nach Syrien bis zum Libanon. Premierminister Hariri indes steht unter dem Einfluss Saudi-Arabiens, das die Macht des Iran in der Region zurückdrängen will. Der Libanon bewegt sich im Spannungsfeld der beiden Regionalmächte. Sie auszubalancieren ist die Herausforderung der Zukunft. Ob der Kraftakt gelingt, wird sich zeigen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+