Belfast Fragiler Frieden: Nordiren wählen neues Parlament

Belfast. Gewaltige Mauern und Metallzäune schlängeln sich durch Belfast, manche über zwölf Meter hoch und gekrönt von Stacheldraht: Die Katholiken leben auf der einen Seite, die Protestanten auf der anderen. Knapp 100 solcher „Friedensmauern“ oder -linien zerschneiden die Stadt.
01.03.2017, 00:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Silvia Kusidlo

Belfast. Gewaltige Mauern und Metallzäune schlängeln sich durch Belfast, manche über zwölf Meter hoch und gekrönt von Stacheldraht: Die Katholiken leben auf der einen Seite, die Protestanten auf der anderen. Knapp 100 solcher „Friedensmauern“ oder -linien zerschneiden die Stadt. Zahlreiche Nordiren halten sie für unverzichtbar, gerade jetzt. Denn die Neuwahlen an diesem Donnerstag und der geplante Brexit machen viele Bewohner in der ehemaligen Bürgerkriegsregion nervös.

„Ich nenne sie nicht Friedensmauern, sondern Teiler“, knurrt Isaac, der Touristen in einem typisch britischen Taxi seine Heimatstadt zeigt. Die Zeit, in der Molotowcocktails über die Abgrenzungen flogen, sei vorbei. Schritt für Schritt kehre Belfast zur Normalität zurück, sagt der 44-Jährige. Wer mit Isaac aber dorthin fährt, wo protestantische auf katholische Wohngebiete stoßen, bekommt eine Ahnung von der Angst, die die Bewohner immer noch plagt. Viele Straßen werden durch massive Tore versperrt, sobald die Dunkelheit anbricht. Die Gärten mancher Häuser, die direkt an den riesigen Mauern liegen, haben zusätzlich einen übergestülpten Metallkäfig als Schutz vor Wurfgeschossen. „An dem Haus dort drüben ist der Käfig wieder abgebaut worden“, betont Isaac, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte. „Ist das nicht ein wunderbares Zeichen, dass Normalität einkehrt?“

Im Nordirland-Konflikt kämpften proirische Katholiken gegen probritische Protestanten. Erst das Karfreitagsabkommen beendete 1998 offiziell den Konflikt. Irland verzichtete auf eine Wiedervereinigung, und die Irische Republikanische Armee (IRA) versprach die Abgabe ihrer Waffen. Die Zahl der Mauern stieg in den vergangenen Jahren deutlich. „97 Friedensmauern gibt es zurzeit in Belfast und 17 außerhalb der Stadt“, berichtet Neil Jarman vom Institut für Konfliktforschung in Belfast.

Die Regierung habe geplant, dass alle Mauern bis etwa 2023 beseitigt seien. „Aber daran glaubt hier niemand.“ Außerdem: „Viele Leute in der Nähe der Mauern wollen gar nicht, dass sie abgebaut werden. Die Mauern geben ihnen Sicherheit“, sagt der Leiter der Nichtregierungsorganisation. Nachbarn diesseits und jenseits der Mauern würden sich oft gar nicht kennen. Die meisten Schulen sind noch heute nach Konfession getrennt, auch bei der Ärztewahl spielt der Glaube eine Rolle. Erst kürzlich explodierte eine Bombe vor dem Haus eines Polizisten, auf einen anderen wurde geschossen. „Solche Vorfälle haben in den vergangenen Wochen leicht zugenommen.“ Warum? Viele seien unzufrieden mit der Politik, meint Jarman. Nordirland, das zu Großbritannien gehört, hatte mehrheitlich gegen den Austritt aus der EU gestimmt. Die künftige EU-Außengrenze zwischen Irland und Nordirland könnte den Handel bremsen.

Das Karfreitagsabkommen sieht vor, dass die nordirische Regierung von den wichtigsten Parteien beider Seiten gestellt werden muss. Noch heute entscheiden die meisten Wähler nach Konfession. Die protestantische, probritische DUP und die katholisch-republikanische Partei Sinn Féin bildeten seit 2007 eine Koalition. Doch es kam oft zu Reibereien. Der Missbrauch eines Förderprogramms für erneuerbare Energien brachte das Fass schließlich zum Überlaufen. Umgerechnet fast 500 Millionen Euro Steuergeld wurden in den Sand gesetzt.

Die Koalition zerbrach, deshalb finden jetzt Neuwahlen statt. Feargal Cochrane von der britischen Universität Kent geht davon aus, dass DUP und Sinn Féin erneut stärkste Parteien werden – und sich dann wieder mit denselben Problemen herumschlagen wie zuvor.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+