Der lange Schatten des 13. November 2015

Frankreich in höchster Alarmbereitschaft

Genau fünf Jahre liegt die Pariser Terrorserie zurück, bei der islamistische Attentäter insgesamt 131 Menschen töteten. In die Erinnerung daran vermischt sich das Erleben der jüngsten Anschläge.
13.11.2020, 05:00
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Von Birgit Holzer
Frankreich in höchster Alarmbereitschaft

Jedes Jahr erinnern Franzosen am Platz der Republik in Paris an die Opfer der Terrorserie vom 13. November 2015.

Etienne Laurent / dpa

Es wirkt, als hätte Christophe Naudin eine düstere Vorahnung von den grauenhaften Ereignissen gehabt, die noch passieren könnten, lange bevor sie eintraten. Schon im Dezember 2015 fürchtete der Geschichtslehrer, dass er oder Kollegen eines Tages ein zweites Mal in einen Terroranschlag verwickelt werden könnten, nachdem der selbst ernannte Islamische Staat (IS) zu Attacken auf Schulen aufgerufen hatte. Der heute 44-Jährige hatte gerade den islamistischen Angriff auf die Pariser Konzerthalle Bataclan am 13. November 2015 überlebt. An jenem Abend tötete ein neunköpfiges Mord-Kommando insgesamt 131 Menschen im Bataclan, vor dem Fußballstadion Stade de France und auf Terrassen von Bars und Cafés und verletzte mehr als 400 teils schwer.

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Detailliert beschreibt Naudin in seinen Aufzeichnungen, die er kürzlich unter dem Titel „Tagebuch eines Überlebenden des Bataclan. Historiker und Attentats-Opfer sein“ veröffentlichte, wie er das Eindringen von drei schwer bewaffneten Attentätern in die Konzerthalle, deren 1500 Plätze an diesem Abend vollständig besetzt waren, erlebt hat. Einer der Mörder, den er aus der Nähe sieht, wirke „wie ein sehr entschlossener Roboter, mit Hass im Blick“. Naudin kann sich hinter die Bühne und gemeinsam mit anderen Konzertbesuchern in einen Abstellraum retten. Stundenlang harren sie aus, bis schließlich Polizisten das Gebäude stürmen und die Täter erschießen.

Wie eine Zielscheibe

Seitdem fühlte sich Naudin als Zielscheibe – nicht unbegründet, wie sich später zeigte. Mitte Oktober dieses Jahres wurde in einer Vorstadt von Paris ein Lehrerkollege, Samuel Paty, brutal enthauptet. Der islamistische Täter, ein 18-jähriger, seit Jahren in Frankreich lebender Tschetschene, hatte über soziale Netzwerke von Paty erfahren. Im Internet lief zuvor eine Hetzkampagne gegen den Lehrer, nachdem er im Unterricht Karikaturen des Propheten Mohammed gezeigt hatte. Der grausame Mord an Paty, gefolgt vom Attentat auf eine Kirche in Nizza, wo ein 21-jähriger Tunesier eine Woche später drei Christen tötete, sowie eine Messerattacke Ende September auf zwei Personen vor dem ehemaligen Redaktionsgebäude der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris, die schwer verletzt überlebten, haben offenbart, dass die Terrorgefahr in Frankreich keineswegs gebannt ist.

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Für diejenigen, die vorherige Anschläge überlebt oder Nahestehende verloren haben, sind dies fürchterliche Rückschläge. Viele befinden sich immer noch in psychologischer Behandlung und blicken beunruhigt auf den Prozess um die Terrorserie, der im Januar 2021 beginnen soll. Bei den Angeklagten handelt es sich überwiegend um mutmaßliche Unterstützter der Attentäter, aber auch um den einzigen überlebenden direkt Beteiligten unter ihnen, den Franzosen marokkanischer Abstammung Salah Abdeslam. Er gehörte zu einer weit verzweigten Terrorzelle, die nicht nur für die Morde am 13. November 2015 verantwortlich war, sondern auch für zwei brutale Anschläge am 22. März 2016 in Brüssel mit 32 Toten.

Zwei Jahre Ausnahmezustand

Seit den November-Attentaten galt in Frankreich der Ausnahmezustand, der erst am 1. November 2017 mit dem Inkrafttreten eines verschärftes Sicherheitsgesetzes endete. Auch jetzt nach den jüngsten Anschlägen kündigte Präsident Emmanuel Macron eine Verschärfung des Kampfes gegen den Islamismus und der Grenzkontrollen an. Der Soziologe Gérôme Truc, der die Reaktionen von Gesellschaften auf Terroranschläge erforscht, sieht es als problematisch an, dass die Antwort auf Anschläge überwiegend sicherheitspolitischer Natur ist: „2016 hat Macron noch über die Diskriminierung von Muslimen gesprochen. Davon ist heute nichts mehr zu hören.“

Im kollektiven Gedächtnis hätten sich die November-Anschläge vor fünf Jahren stark eingebrannt. Für die individuelle Erinnerung der Betroffenen gilt das sowieso. Christophe Naudin begann bald nach dem 13. November 2015, wieder auszugehen und sogar Rockkonzerte zu besuchen. Albträume, unter anderem von „Typen mit Kalaschnikows“ beim Angriff auf eine Schule, verfolgten ihn aber noch lange. Er macht dennoch weiter. Und zwar, so sagt er, als „einer, der nicht komplett tot ist“.

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