Kritik an schleppendem Impfstart wächst

Frankreichs Regierung gerät unter Druck

Die Impfkampagne kommt nur langsam voran. Medien berichten von einem Wutausbruch von Präsident Emmanuel Macron gegenüber seinen Ministern. Es müse sich schnell und stark etwas ändern.
06.01.2021, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Birgit Holzer

Paris. Mehr als eine Woche nach Beginn des Impfprogramms in Europa gibt es eklatante Unterschiede bei der Zahl der Menschen pro Land, die bereits eine erste Dosis des Corona-Abwehrstoffs von Biontech und Pfizer erhalten haben. Während es bis zum vergangenen Wochenende in Deutschland mehr als 200.000, in Italien rund 80.000 und im deutlich kleineren Dänemark 45.800 waren, hatten in Frankreich gerade einmal ein paar Hundert Personen eine Spritze erhalten. Das liegt nicht etwa an einer zu geringen Menge an Vakzinen: Noch im vergangenen Jahr wurden 560.000 Dosen geliefert, nun sollen pro Woche 500.000 dazukommen und nach der Zulassung des Impfstoffs von Moderna weitere 500.000 Impfdosen pro Monat.

Doch schafft es das Land überhaupt, diese rasch zu verwenden? Immer lauter wird die Kritik von der Opposition und von Medizinern am allzu schleppenden Impfstart. Ihr schloss sich sogar Emmanuel Macron bei seiner Neujahrsansprache an. „Ich werde es nicht zulassen, dass sich eine ungerechtfertigte Langsamkeit einrichtet“, sagte der Präsident, der kurz zuvor selbst am Coronavirus erkrankt war. In Umfragen bescheinigt eine Mehrheit der Franzosen ihm und seiner Regierung ein schlechtes Krisenmanagement. Die Sonntagszeitung „Le Journal du dimanche“ berichtete von einem Wutausbruch Macrons gegenüber seinen Ministern. „Das muss sich schnell und stark ändern“, soll er gewettert haben.

Ärzte warnen

Zwar sagte Gesundheitsminister Olivier Véran, der langsame Rhythmus sei gewollt und werde sich bis Ende Januar beschleunigen. Der Verantwortliche für die französische Impfstrategie, Alain Fischer, betonte, man wolle sich „Zeit nehmen, die Dinge gut zu machen“. Doch Ärzte warnen, diese Zögerlichkeit koste pro Tag etliche Menschenleben. Jean Rottner, Präsident der Region Grand Est, die erneut wie schon während der ersten Pandemie-Welle besonders hohe Infektionszahlen aufweist, sprach sogar von einem „Staatsskandal“: „Die Franzosen brauchen Klarheit und sichere Botschaften von einer Regierung, die weiß, wohin sie geht, doch diesen Eindruck erweckt sie nicht.“ Tatsächlich gehen die politisch Verantwortlichen äußerst vorsichtig vor, da es in kaum einem Land auf der Welt so viel Skepsis gegenüber dem Impfen gibt. Nur knapp 40 Prozent der Menschen sind derzeit dazu bereit.

Hinzu kommen administrative und logistische Hürden. Erste Zielgruppe sind in Frankreich die Bewohner der insgesamt 14.000 Altenpflegeheime. Diese machten bislang 44 Prozent der inzwischen mehr als 65.000 Corona-Toten aus. Verzögernd wirkt allerdings, dass fünf Tage vor dem Impftermin ein Gespräch mit dem Hausarzt geführt und eine schriftliche Einverständniserklärung abgegeben werden muss. Nach aufkommender Kritik kann sich seit Montag auch das Pflegepersonal über 50 Jahre oder mit Risikofaktoren impfen lassen. Doch darüber hinaus kam es auch bei der Auslieferung des Impfstoffs zu Verzögerungen. Impfzentren wurden bislang nicht aufgebaut.

Sperrstunde vorgezogen

Gerade wurde in 15 besonders betroffenen Départements im Osten des Landes die derzeit geltende Sperrstunde von 20 auf 18 Uhr vorgezogen. Lokalpolitiker warnen, mit solchen „Halb-Maßnahmen“ sei dem Virus nicht beizukommen. Die Zahl der Neuinfektionen stieg zuletzt wieder an auf im Schnitt rund 20.000 pro Tag. Im November hieß es noch, die kulturellen Einrichtungen könnten am 7. Januar und die Restaurants, Cafés und Bars am 20. Januar wieder öffnen. Diese Ziele sind längst wieder in die Ferne gerückt.

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