Infektionszahlen steigen schnell an Frankreich debattiert über Schulschließungen

Frankreich rühmt sich, seine Schulen seit Beginn der Pandemie weniger lange geschlossen zu haben als die Nachbarländer. Doch angesichts steigender Infektionszahlen steht dieser Kurs auf der Kippe.
30.03.2021, 21:12
Lesedauer: 2 Min
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Von Lisa Louis

Das Gymnasium Eugène-Delacroix im Pariser Vorort Drancy ist zum traurigen Symbol dafür geworden, was passieren kann, wenn die Schulen trotz Corona offen bleiben. Schon 20 Elternteile seien seit Beginn der Pandemie gestorben, schrieben die Lehrer in einem offenen Brief an Präsident Emmanuel Macron vergangene Woche. Seit Anfang März, als die Schule nach den Februarferien wieder anfing, hätten sich bereits über 50 Schüler und 20 Lehrer angesteckt. In mindestens 48 Klassen gebe es einen oder mehrere Kontaktfälle.

Etwa 30 Lehrer machen seit rund einer Woche von ihrem Recht Gebrauch, wegen Lebensgefahr nicht zur Arbeit anzutreten. 500 der 2400 Schüler haben seitdem keinen Unterricht. „Wir verlangen die sofortige Schließung der Schule, und dass Unterricht per Distanz stattfindet“, heißt es in dem Schreiben. Bisher erhört die Regierung diesen Appell nicht. Sie beharrt darauf, dass eine generelle Schließung der Schulen das allerletzte Mittel der Kontaktreduzierung sein müsse. Doch angesichts in die Höhe schnellender Infektionszahlen könnte dieser Kurs nicht mehr lange zu halten sein.

Mehr Ansteckungen in den Schulen

„Morgens habe ich einen richtigen Knoten im Bauch – man fragt sich, ob die Kinder angesteckt nach Hause kommen und das Virus an andere weitergeben“, sagte Denis, ein Vater, dem Radiosender Europe 1. Eine Schülerin, Nina, fügte hinzu: „Ich habe Angst davor, dass meine Eltern oder Brüder wegen mir krank werden könnten.“ Das Gymnasium Eugène-Delacroix liegt in Frankreichs in dem am stärksten vom Virus heimgesuchten Département Seine-Saint-Denis – mit einer Inzidenz von über 780 (Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner pro Woche). Der kommunistische Abgeordnete von Seine-Saint-Denis, Stéphane Peu, spricht gar von einer Inzidenz von bis zu 1300 in manchen Schulen. In Deutschland lag diese Zahl am Dienstag laut RKI landesweit bei 135 mit einem Höchstwert von 238 in Thüringen.

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Auch außerhalb von Paris gehen die Ansteckungen in den Schulen nach oben: In der Woche bis vergangenen Freitag haben sich laut Regierung in Frankreich mehr als 21.000 Schüler infiziert, im Vergleich zu etwa 15.000 die Woche zuvor. Der Staat hat deshalb entschieden, dass in den Départements, in denen seit etwa zehn Tagen ein erneuter Lockdown gilt, Klassen geschlossen werden müssen, sobald auch nur ein Schüler (und nicht wie bisher drei) positiv getestet wird. Nach offiziellen Zahlen sind inzwischen 3256 Klassen und 148 Schulen geschlossen. Man rechnet damit, dass in den nächsten Wochen Hunderte weitere Klassen vorübergehend zumachen müssen.

Regierung gegen generelle Schließung

Immer mehr Politiker und Epidemiologen fordern jedoch in der Zwischenzeit eine generelle Schließung der Schulen – zumindest bis zu den Ferien, die am 17. April beginnen. Bisher lehnt die Regierung dies aber ab. Das müsse wirklich ein „letzter Ausweg“ bleiben. Schließlich ist Frankreich stolz darauf, seine Schulen seit Beginn der Epidemie weniger als andere europäische Länder geschlossen zu haben – laut Unesco nur zehn Wochen im Vergleich zu fast 24 Wochen in Deutschland.

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„Die Jugend braucht Zugang zum Bildungssystem“, so Bildungsminister Jean-Michel Blanquer. Doch diese Front scheint zu bröckeln. Im Verteidigungsrat soll angesichts der landesweit in die Höhe schnellenden Infektionszahlen die Frage einer Schulschließung kein Tabu mehr sein.

Eltern sehr besorgt

Manchen Eltern geht das nicht schnell genug – wie Noelia, der Mutter von zwei Mädchen, die im Département Rhône in Zentralfrankreich zur Schule gehen. „Zehn Schüler und eine Lehrerin sind dort Covid-positiv“, sagte Noelie der Tageszeitung „Libération“. Ihre Töchter würden deshalb erst einmal keinen Fuß mehr in die Schule setzen – schließlich sei ihr Mann Risikopatient. „Offiziell sind die beiden krank“, sagte sie.

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