Interview zu Frauen in der Politik

„Frauen haben einen Misstrauensvorschuss“

Am 12. November wird das Frauenwahlrecht 100 Jahre alt: Eine Politikwissenschaftlerin erklärt, ob Frauen eine andere Herangehensweise an Politik haben und warum sie schwerer in Führungspositionen kommen.
10.11.2018, 09:00
Lesedauer: 4 Min
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„Frauen haben einen Misstrauensvorschuss“
Von Lisa-Maria Röhling
„Frauen haben einen Misstrauensvorschuss“

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) während einer Kabinettssitzung.

Kay Nietfeld/dpa

Frau Kletzing, was unterscheidet eigentlich Politikerinnen und Politiker?

Uta Kletzing: Ich bin sehr vorsichtig mit klischeehaften Geschlechterzuschreibungen, weil Themen und Stile in der Politik von vielen Faktoren abhängig sind, nicht nur dem Geschlecht. Aber trotzdem sollten Bevölkerungsgruppen entsprechend ihrer Anteile in Parlamenten und Gremien vertreten sein. Es tut der Politik insgesamt gut, wenn es einen Geschlechter-Mix gibt. Die Homogenität in der Politik ist ein großes Problem - das betrifft nicht nur das Geschlecht.

Haben Frauen eine andere Herangehensweise an Politik?

Frauen, die ihren Weg in der Politik gegangen sind, gehen nicht zwingend anders an Politik heran als Männer, schließlich brauchen auch sie Bündnisse und Mehrheiten. Aber Frauen erleben tagtäglich, dass das politische Geschäft als Männersache gilt. In den Medien, in der Öffentlichkeit ist das Stereotyp eines Politikers männlich. Damit müssen sie umgehen. Und deshalb brauchen Frauen häufig eine besondere Gestaltungsmotivation, um sich auf dieses Geschäft einzulassen. Für Frauen gibt es meist Alltagsauslöser, beispielsweise in Gemeinderäten mitmischen zu wollen. Aber das ist zunächst ehrenamtliche Politik – der Schritt in die Berufspolitik ist meist auch eine Entscheidung, Karriere machen zu wollen.

Werden an Frauen höhere Anforderungen gestellt?

Frauen begegnet in der Politik oft ein Misstrauensvorschuss, den sie entkräften müssen. Männern hingegen eilt ein Vertrauensvorschuss voraus. Sie müssen erst ordentlich Mist bauen, damit ihnen das Vertrauen entzogen wird. Ich habe in meinen Forschungen festgestellt, dass die Kompetenzen von Kandidatinnen zum Beispiel für das Bürgermeisteramt, oft angezweifelt werden. Sie starten ihre erfolgreiche politische Karriere als sogenannte Verlegenheitskandidatinnen.

Was heißt das?

Sie dürfen dann antreten, wenn die Partei um einen männlichen Kandidaten verlegen ist, weil die Wahl als aussichtslos gesehen wird. Gewinnen sie dann doch, üben sie ihr Amt in sehr schwierigen politischen Konstellationen aus. Und das verlangt ihnen einen anderen Führungsstil ab, sie müssen immer besonders bemüht sein, ihre Machtbasis zu erhalten. Deswegen müssen wir uns die Umstände immer genau anschauen, anstatt Unterschiede zwischen Männern und Frauen vorschnell am Geschlecht festzumachen. Politikerinnen nehmen es häufig so wahr, dass sie anders agieren als ihre männlichen Kollegen. Aber das hat eben oft auch mit den Konstellationen zu tun.

Warum haben es Frauen so schwer, in politische Führungspositionen zu kommen?

Der Rückhalt der Partei ist entscheidend, Vertrauen und Vertrautheit spielen eine große Rolle, wenn man Kandidatin auf einer Wahlliste oder für ein Spitzenamt werden will. Für die meist männlichen Entscheidungsträger ist wichtig, dass eine Kandidatin berechenbar ist, dass der sogenannte Stallgeruch stimmt. Das ist für Frauen in männerdominierten Bereichen schwerer zu erreichen als für Männer. Zusätzlich ist Verfügbarkeit eine besondere Spielregel für Politiker: Eine 60- bis 80-Stunden-Woche ist eine Entscheidung, die Frauen beispielsweise wegen der Vereinbarkeit mit der Familie, immer noch anders abwägen.

Ist das in der Kommunalpolitik, wo viele Ämter stark ins Private reinreichen, extremer?

Kommunale Spitzenpolitik gilt als Dienst rund um die Uhr – ein Job für eineinhalb Personen, mit Partner im Hintergrund, der flexibel und unbezahlt mitarbeitet und den Rücken freihält. Das setzt ein Alleinernährermodell voraus. Das können Bürgermeister eher leisten, weil ihre Frauen sie unterstützen; für Frauen ist das schwieriger. Die Berufsrolle des Politikers muss so geändert werden, dass Partner nur in dem Maße zur Mitarbeit mitverpflichtet werden, wie es eine gleichberechtigte Partnerschaft zulässt.

Uta Kletzing ist seit Mai 2018 Referentin im Forum Politik und Gesellschaft der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Uta Kletzing ist seit Mai 2018 Referentin im Forum Politik und Gesellschaft der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Foto: Uta Kletzing
Was bedeutet diese männliche Prägung für Frauen?

Das politische Geschäft ist von Bündnissen und Mehrheiten geprägt. Personalentscheidungen werden in Netzwerken getroffen, in denen immer noch mehr Männer sind. Das muss sich ändern – nicht nur für Frauen, sondern um Politik zu verbessern und eine zukunftsfähige Demokratie zu gestalten. An dieser Stelle muss die Politik ein Vorbild für die gesamte Gesellschaft sein.

Der aktuelle deutsche Bundestag hat die niedrigste Frauenquote seit 20 Jahren.

In allen deutschen Parlamenten, die in den vergangenen Jahren gewählt wurden, sind die AfD, die Unions Parteien und die FDP erstarkt. Das sind die Parteien bei denen es schwache oder keine Selbstverpflichtungen gibt, Gleichberechtigung zu fördern. Sie stellen weniger Kandidatinnen auf, dadurch sinken die Frauenanteile in den Parlamenten. Es ist nicht so, dass Frauen nicht gewählt werden, sondern sie werden schlichtweg von diesen Parteien nicht gleichberechtigt nominiert.

Aber in den Ministerien sieht es auf der Ebene der Staatssekretäre nicht besser aus.

Besonders beamtete Staatssekretäre haben machtvolle Posten, sie leiten praktisch die Ministerien. Die männerdominierte Kultur in Ministerien wurde kürzlich in einem „Zeit“-Artikel als das „Hans-Prinzip“ beschrieben. Das bedeutet, dass immer wieder das Gleiche reproduziert wird: Männer fördern Männer, die ihnen ähnlich sind – eine Hürde, die für Frauen kaum überwindbar ist.

Wie kann man das ändern?

Wir brauchen einen Kulturwandel in der Politik – wie überall. Gegenwärtig gehen Frauen in die Politik trotz der nicht sehr frauenfreundlichen Strukturen. Und werden häufig ausgebremst. Es ist Zeit, dass sich jetzt die politische Kultur an Frauen und andere unterrepräsentierte Gruppen annähert, um repräsentativer und damit zukunftsfähiger zu werden.

Hat das auch mit der Repräsentation in der Öffentlichkeit zu tun?

Bei der Sichtbarkeit von Frauen besteht sehr viel Nachholbedarf. Das zeigt sich in Expertenrunden, Talkshows oder Podiumsdiskussionen. Selbst bei Themen, wo es weibliche Expertinnen gibt, sind die männlichen Experten häufig bekannter. Zum Glück gibt es inzwischen Männer, die Einladungen auf Podien nicht annehmen, wenn nicht mindestens eine Frau dabei ist. Das sind wichtige Signale, aber es muss mehr passieren. Politik muss als Vorbild zeigen, dass es anders geht.

Das Gespräch führte Lisa-Maria Röhling.

Info

Zur Person

Uta Kletzing ist Psychologin und Politikwissenschaftlerin. Kletzing ist seit Mai 2018 Referentin im Forum Politik und Gesellschaft der Friedrich-Ebert-Stiftung.

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