Norwegen: Platzmangel in Gefängnis sen Freie Zelle gesucht

Stockholm. Norwegens Strafvollzug gilt als der großzügigste der Welt – er soll Kriminelle therapeutisch verändern. Die niedrige Rückfallquote gibt dem Konzept recht.
10.09.2014, 00:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von ANDRÉ ANWAR Stockholm.

Norwegens Strafvollzug gilt als der großzügigste der Welt – er soll Kriminelle therapeutisch verändern. Die niedrige Rückfallquote gibt dem Konzept recht. Doch nun wird nicht das Konzept in andere Länder weitergegeben, sondern es sollen Gefangene „exportiert“ werden.

Die hohen Standards im reichsten Land Europas haben dazu geführt, dass es zu wenige Zellen gibt. Etwa 1300 verurteilte Straftäter stehen gewissermaßen für eine freie Zelle Schlange. Zudem müssen zahlreiche Gefängnisse renoviert werden, und immer häufiger kommen Verurteilte vorläufig frei, weil es keine Zellen für sie gibt. Nachdem Schweden die Übernahme von norwegischen Gefangenen abgelehnt hatte, ist das Justizministerium in Oslo nun dabei, eine Übereinkunft mit den Niederlanden zu erzielen. Demnach sollen zunächst rund 300 norwegische Gefangene auf niederländische Gefängnisse verteilt werden.

Justizminister Anders Anundsen betont, dass die Gefangenen unter der Regie des norwegischen Strafvollzuges stehen werden. „Wir wollen einfach nur die Zellen in den Niederlanden mieten, aber unter norwegischen Bedingungen, mit norwegischen Wärtern, die Strafen sollen nach norwegischer Gesetzgebung durchgeführt werden.“

Niederländer wollen ab 2015 helfen

Die niederländische Regierung hat am Montagabend Zustimmung signalisiert. Die Gefangenen würden nach dem Vollzug nach Norwegen zurückgeflogen und nicht in den Niederlanden resozialisiert. Den Haag und Oslo gehen davon aus, Anfang 2015 eine Einigung erzielt zu haben. Die geografische Distanz wird auch logistisch eine Herausforderung sein. Das betrifft auch das Recht für inhaftierte Norweger, Angehörigenbesuch zu empfangen. Inwieweit der Staat etwa für die Flugtickets aufkommt, ist unklar. Doch dazu müsse es nicht kommen, deutete der zur einwanderungsfeindlichen Fortschrittspartei gehörende Justizminister an. Viele Straftaten würden von Personen ohne norwegische Staatsbürgerschaft begangen, die danach ausgewiesen werden. Die könne man in die Niederlande schicken.

Norwegische Menschrechtler kritisieren das Vorhaben scharf. Norwegen sei dabei, ein quasirassisches Zweiklassenstrafwesen einzuführen. So würden kriminelle Norweger weiterhin in den gut ausgestatteten norwegischen Gefängnissen untergebracht, während die ausländischen Straftäter ins Ausland geschickt und vergessen würden. In norwegischen Gefängnissen gibt es Musizier- und Kunsthobbyräume sowie Wohnungen, in denen Insassen mit Frau und Kindern ungestört sein können. Eingesperrtsein über Jahre sei Strafe genug, so die Überzeugung in Norwegen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+