Dieter Degowski wird nach fast 30 Jahren mit neuer Identität aus der Haft entlassen

Freiheit für den Geiselgangster

Arnsberg. Im August 1988 hielten der damals 32-jährige Dieter Degowski und sein ein Jahr jüngerer Komplize Hans-Jürgen Rösner die Republik in Atem und verbreiteten auch in Delmenhorst, den Bremer Stadtteilen Vegesack und Huckelriede sowie auf der Autobahn-1-Raststätte Grundbergsee nahe Sottrum Angst und Schrecken. Nach einem Überfall der Deutschen-Bank-Filiale in Gladbeck waren die beiden Bankräuber mit 300 000 D-Mark und zwei Bankangestellten als Geiseln geflüchtet und legten eine 54-stündige Irrfahrt durch drei deutsche Bundesländer und die Niederlande zurück, bis der spektakuläre Fall mit einer Schießerei mit der Polizei nahe Bad Honnef endete.
11.10.2017, 00:00
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Von Frank Christiansen und ehrhard müller
Freiheit für den Geiselgangster

Ein Foto, das sich ins kollektive Gedächtnis in Deutschland eingebrannt hat: Die bewaffneten Geiselnehmer Dieter Degowski (links) und Hans-Jürgen Rösner im Bremer Linienbus. Degowski kommt nun frei.

Hartmut Reeh, dpa

Arnsberg. Im August 1988 hielten der damals 32-jährige Dieter Degowski und sein ein Jahr jüngerer Komplize Hans-Jürgen Rösner die Republik in Atem und verbreiteten auch in Delmenhorst, den Bremer Stadtteilen Vegesack und Huckelriede sowie auf der Autobahn-1-Raststätte Grundbergsee nahe Sottrum Angst und Schrecken. Nach einem Überfall der Deutschen-Bank-Filiale in Gladbeck waren die beiden Bankräuber mit 300 000 D-Mark und zwei Bankangestellten als Geiseln geflüchtet und legten eine 54-stündige Irrfahrt durch drei deutsche Bundesländer und die Niederlande zurück, bis der spektakuläre Fall mit einer Schießerei mit der Polizei nahe Bad Honnef endete. Das Gladbecker Geiseldrama, bei dem drei Menschen ihr Leben ließen, ging in die deutsche Kriminalgeschichte ein.

Nun hat einer der beiden Geiselgangster von Gladbeck, Dieter Degowski, seine Strafe verbüßt. Er wird nach fast 30 Jahren Haft in die Freiheit entlassen. Der 61-Jährige werde in den nächsten Monaten frei kommen, teilte ein Sprecher des Landgerichts Arnsberg am Dienstag mit. Degowskis ehemaliger Kumpan Rösner dagegen muss weiterhin in der JVA Aachen einsitzen.

Dieter Degowskis Freilassung sei umfassend geprüft worden, teilte das Landgericht Arnsberg weiter mit. Die Kammer habe Gutachten und Stellungnahmen eingeholt und sich den positiven Prognosen angeschlossen. Die Entscheidung sei noch nicht rechtskräftig. Zuerst hatte der „Soester Anzeiger“ berichtet. Degowski wird einen neuen Namen erhalten, um ihm die Wiedereingliederung zu erleichtern. Degowski war am 22. März 1991 vom Landgericht Essen zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Es hatte die JVA bereits 2013 aufgefordert, ihn schrittweise auf die Entlassung vorzubereiten. Degowski waren daraufhin einige Ausgänge gewährt worden, bei denen es keine Beanstandungen gab.

Während des Geiseldramas vom 16. bis 18. August 1988 schockierten vor allem TV-Bilder und Zeitungsfotos aus Bremen und dem Umland. Gezeigt wurde beispielsweise, wie Degowski die 18-jährige Bremer Geisel Silke Bischoff an der Autobahnraststätte Grundbergsee bedrohte – er hielt ihr eine Schusswaffe unters Kinn.

Zuvor hatten die Gangster in Bremen-Huckelriede einen Bus der Linie 53 mit 31 Menschen an Bord gekapert, mit dem sie um kurz vor 22 Uhr ihre Flucht fortsetzten. Bei einem Stopp an der A-1-Raststätte Grundbergsee kamen die Geiseln aus der Gladbecker Bank frei, und die Polizei nahm Rösners Freundin Marion Löblich, die die Geiselgangster seit rund 23 Stunden auf ihrer Flucht begleitete, fest. Aus Wut erschoss ­Degowski daraufhin den 15 Jahre alten Italiener Emanuele de Giorgi. Während des Showdowns auf der Autobahn nahe Bad Honnef wurde schließlich Silke Bischoff von einer Kugel aus Rösners Revolver tödlich ­getroffen.

Das dritte Todesopfer gab es in Bremen-Nord, eine der ersten Stationen auf Degowskis und Rösners gemeinsamer Flucht. Sie hielten sich für rund drei Stunden in Vegesack auf, und bei einem Autounfall starb ein Polizist aus Platjenwerbe, der das Verbrechen dokumentieren wollte.

Auch im August 2016 beschäftigten Degowski und Rösner Bremen noch – vornehmlich das Ostertor wurde zur Filmkulisse. Für den zweiteiligen Fernsehfilm „Gladbeck“ gab es Dreharbeiten an der Berliner Straße, Mecklenburger Straße oder Bernhardstraße. „Gladbeck“ ist eine Produktion von Ziegler Film in Kooperation mit ARD Degeto und Radio Bremen für „Das Erste“, und vor der Kamera stand unter anderem Schauspieler Ulrich Noethen.

Bereits im Jahr 2008 hatte Degowski auf ein Leben in Freiheit gehofft. Rund 20 Jahre nach dem Gladbecker Geiseldrama scheiterte er mit einem Gnadengesuch. Fünf Jahre später erlaubte ihm das Amtsgericht Arnsberg Haftlockerungen zur Vorbereitung seiner Entlassung (Ausgänge, Verlegung in den offenen Vollzug und Hafturlaub).

Im Mai 2015 zeichnete sich Degowskis Haftentlassung ab. Im Hinblick auf ein baldiges Leben in Freiheit beantragte der Gladbecker Geiselgangster eine Namensän­derung.

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