Freiwilligen-Programm der EU Freiwillige vor

Hilfe für Senioren oder Wiederaufbau nach einem Erdbeben: Ein neues Freiwilligen-Programm der EU bietet jungen Menschen grenzübergreifende Angebote. Die Resonanz ist enorm.
15.03.2018, 16:21
Lesedauer: 3 Min
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Freiwillige vor
Von Norbert Holst

Am 17. August 2017 war es soweit: 16 junge Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern begannen ihre freiwillige Arbeit im italienischen Norcia. Der kleine Ort war ein Jahr zuvor von einem schweren Erdbeben erschüttert worden. Im Rahmen des sogenannten Europäischen Solidaritätskorps helfen die jungen Leute nun beim Wiederaufbau einer alten Basilika und eines Benediktinerklosters. Alexandra-Maria Mihhailova aus Estland war eine der Helferinnen. „Ich möchte mich hier nützlich machen und auch etwas für meine persönliche Entwicklung tun“, sagt die 23-Jährige.

Mit ihren Worten skizziert Mihhailova ziemlich exakt die Grundidee des Freiwilligendienstes. Das Solidaritätskorps soll jungen Europäern den Sprung in die Arbeitswelt erleichtern, indem sie grenzüberschreitend Kompetenzen und Lebenserfahrung sammeln. Das Angebot richtet sich an 18- bis 30-Jährige, vor allem aus benachteiligten Regionen. Hintergrund ist die hohe Jugendarbeitslosigkeit in einigen EU-Ländern. Und gerade von den Betroffenen ist häufig zu hören: „Die EU tut ja doch nichts für uns.“

Diesem Gefühl soll das Programm der EU-Kommission entgegenwirken. Der offizielle Startschuss für das Solidaritätskorps, das künftig Solidaritäts- und Freiwilligenservice heißen soll, ist erst am 1. Juni 2017 gefallen. Dennoch haben sich bereits 48.000 Jugendliche im Internet-Portal des Freiwilligendienstes registrieren lassen. Projektträger – etwa Organisationen, lokale Initiativen oder auch Unternehmen – können in dieser Datenbank nach geeigneten Kandidaten Ausschau halten. Denkbar sind Einsätze nicht nur wie in Norcia in der Nothilfe, sondern auch bei der Betreuung von Flüchtlingen, im Denkmalschutz oder in der Seniorenhilfe. Der verbindende Kerngedanke: gelebte Solidarität von Mensch zu Mensch. Tibor Navracsics, der EU-Kommissar für Bildung, Kultur, Jugend und Sport, jedenfalls ist von der Resonanz angetan: „Ich freue mich, dass so viele junge Menschen in Europa an Solidarität glauben und im Rahmen einer Freiwilligentätigkeit, Ausbildung oder Arbeitsstelle andere unterstützen.“

Doch bis dahin war es nicht immer ein einfacher Weg, den vor allem die Europa-Abgeordnete Helga Trüpel aus Bremen gehen musste. Die Grünen-Politikerin, Vizepräsidentin des Kultur- und Bildungsausschusses, war zur sogenannten Berichterstatterin für das Projekt gewählt worden. Unter ihrer Ägide hat der Ausschuss die Pläne nachgebessert: So wurde der Umfang der Beschäftigungsprojekte zugunsten der Freiwilligenarbeit gesenkt, der Fokus auf benachteiligte Jugendliche gerichtet, und Anrainerländer wie Island oder die Türkei sollen von dem Projekt profitieren. Auch die Finanzierung der ersten Phase bis 2020 ist mit 341,5 Millionen Euro gesichert. Trüpel ist zuversichtlich: „Wenn der Freiwilligendienst gut anläuft, wird es ein Erfolg wie beim Studienförderprogramm Erasmus.“

Bis Dienstagnacht hätte das Parlament die Pläne des Kulturausschusses durchkreuzen können. Hat es aber nicht. So ist jetzt der Weg für Trüpel frei, mit dem Europäischen Rat und der EU-Kommission die weiteren Schritte abzustimmen. Am 12. April sollen die Gespräche beginnen. Darin wird es vor allem um die formelle Rechtsgrundlage und die langfristige finanzielle Absicherung des Programms gehen. Nach dem Willen der EU-Kommission soll es bis 2020 rund 100.000 Einsätze geben. Kommissionschef Jean-Claude Juncker hat noch ehrgeizigere Pläne. Er will bis 2025 rund 1,5 Millionen jungen Menschen den Dienst im Solidaritätskorps ermöglichen. Dafür müssten in den Jahren 2021 bis 2027 annähernd sechs Milliarden Euro bereitgestellt werden.

Doch über das neue Programm wird nicht überall gejubelt. So begleitet die Katholische Bundesarbeitsgemeinschaft Freiwilligendienste die Pläne mit Skepsis. Sie befürchtet Doppelstrukturen auf nationaler und europäischer Ebene, auch sei die „Vermischung von Freiwilligenarbeit und Beschäftigungsprojekten unter einem Dach nicht sachgemäß“. Positiver bewertet das Europäische Jugendforum die Initiative. Es will Einsätze aber auf nicht kommerzielle Organisationen, Stiftungen und gemeinnützige Unternehmen begrenzt wissen.

Und hier gibt es bereits ein Problem. Die EU-Kommission hat mit dem Europäischen Fußballverband Uefa ein Abkommen ausgehandelt, das in einer Klausel auch Freiwilligenarbeit bei der Europameisterschaft 2020 vorsieht. Nun sehen aber manche EU-Parlamentarier die Uefa als profitorientierten Verband an. Helga Trüpel: „Das muss die Kommission ändern. Dagegen werden wir uns starkmachen. Das ist eine gewinnorientierte Tätigkeit.“

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