Zeitzeichen Sprache, die spaltet

An viele Wortneuschöpfungen und Anglizismen haben wir uns gewöhnt, doch muss aus einer Lohnkluft zwischen Frauen und Männern eine Gender-Pay-Gap werden? Dietrich Eickmeier meint: Nein.
14.03.2021, 05:00
Lesedauer: 1 Min
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Von Dietrich Eickmeier

Gewöhnt haben wir uns längst daran, dass eine Flatrate ein Pauschalpreis ist und „All you can eat“ am Büffet heißt, dass man sich den Teller nicht nur einmal vollladen darf. Auch Sprachneuheiten in der Corona-Pandemie, wie das Gebot des Social Distancing, das Abstandhalten, haben wir verinnerlicht. Lockdown, Homeoffice und Homeschooling, von der Politik verklärt als „neue Normalität“, geht uns locker über die Lippen. Und dass man jetzt „Click and Meet“ machen kann, also Einkaufen nach Terminvereinbarung, könnte sich bald im Duden wiederfinden. Das ist freilich auch für neue deutsche Wörter zu befürchten. Etwa für das Söder'sche Beherbergungsverbot oder das Düsseldorfer Verweilverbot, mit dem Spaziergängern am Rhein jetzt das Stehenbleiben untersagt wurde.

Ansonsten aber sind aus dem Englischen stammende Begriffe auf dem Vormarsch. Gerade hatten wir den Equal Pay Day, der auf die auffällige Ungerechtigkeit bei ­Löhnen und Gehältern von Frauen aufmerksam machen soll. Und da titelte ­„Spiegel Online“, dass Deutschland „einen der größten Gender-Pay-Gaps in Europa“ hat. Heißt: Die Lohnkluft zwischen Frauen und Männern ist fast nirgends so groß wie bei uns.

Sprache hat sich stets verändert. Sprache bedeutet Verständigung, kann aber auch Distanz schaffen. Sie spaltet, wenn immer mehr sie nicht verstehen. Das gilt für den von Intellektuellen zunehmend benutzten Begriff des Narrativs für eine Erzählung. Oder für Cancel Culture, das den Bildersturm als Symbol für die Ausgrenzung Andersdenkender abgelöst hat. Eine Höchstform der Intoleranz also. Wie auch die abgehobene Einübung einer gendergerechten Sprache durch Linksintellektuelle.

Mit modisch klingenden Wortneuschöpfungen versuchen zudem Manager, Eindruck zu schinden. So nennt VW-Chef ­Herbert Diess Autos jetzt „Mobile Devices“. Also bewegliche Geräte wie das Smartphone. Nur dass VW noch Probleme mit Software und Elektronik lösen muss – eine offenbar große Herausforderung, für Diess eine „Challenge“. Dagegen war der Abgasskandal für ihn bloß eine „Diesel-Thematik“. Na klar.

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