Kommentar über Corona-Proteste

Die Demokratie darf nicht selbstverständlich werden

In der Corona-Krise gibt es Menschen, die von diktatorischen Verhältnissen in Deutschland sprechen. Friede, Freiheit und Wohlstand sind offenbar zu selbstverständlich geworden, meint Michael Rabba.
19.12.2020, 05:00
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Die Demokratie darf nicht selbstverständlich werden
Von Michael Rabba
Die Demokratie darf nicht selbstverständlich werden

Auf der verbotenen "Querdenker"-Demo in Bremen: eine Maske mit klarer Botschaft.

Sina Schuldt /dpa

Nicole wünschte sich 1982 "Ein bisschen Frieden, ein bisschen Freude, ein bisschen Wärme“ – und traf damit den Geist der Zeit. Die damals 17-jährige Sängerin gewann mit diesem Lied bekanntlich den Eurovision Song Contest. Im Rückblick auf die deutsche Geschichte seit 1945 muss man sagen: Der Wunsch nicht nur nach ein bisschen Frieden hat sich für die Deutschen erfüllt. Wer sich an die Szenen beim Fall der Mauer noch erinnert, weiß: Auch der Wunsch nach Freude, Wärme und – für die Menschen in der DDR – nach Freiheit ging in Erfüllung.

Eine so lange Phase des Friedens und wachsenden Wohlstandes ist einmalig in der Historie dieses Landes. Die Bilanz ist beachtlich: Es ging den Deutschen noch nie so gut wie heute. Auch wenn längst nicht alle Landschaften blühen, im Deutschland 2020 herrschen nahezu paradiesische Lebensbedingungen. Ein funktionierendes demokratisches System, unabhängige Medien, ein im Vergleich zu manchen anderen Ländern hervorragendes Gesundheitssystem und umfangreiche Sozialleistungen zeichnen diese Bundesrepublik aus.

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Das zeigt sich gerade jetzt in der Pandemie. Es gibt also allen Grund, dankbar, wenn nicht sogar ein wenig demütig zu sein, in einem der sichersten und freiheitlichsten Länder auf dem Globus zu leben. Und zu schätzen, seine Meinung sagen und schreiben zu dürfen und sich über das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben aus seriösen Quellen informieren zu können.

Doch stattdessen skandieren Demonstranten Hassparolen gegen die Polizei, die den reibungslosen Ablauf von Demonstrationen gewährleistet. Stattdessen reden manche in der Corona-Krise von einer „Diktatur“, von „Staatsmedien“ und von Verhältnissen „wie in der DDR“. Sie machen damit ein System verächtlich, das es ihnen erst ermöglicht, es verächtlich zu machen.

Frieden und Freiheit sind bereits vorhanden

„Wir leben in einer funktionierenden parlamentarischen Demokratie“, betont der Historiker Heinrich August Winkler. Vergleiche zwischen der Gegenwart und der NS-Zeit oder der DDR „sind hanebüchen und geradezu pervers“. Trotzdem wurde bei Protesten in Mecklenburg-Vorpommern kurz vor Beginn des harten Lockdowns wieder gefordert, was doch vorhanden ist: „Frieden, Freiheit, keine Diktatur“. Auch an diesem Samstag wollten „Querdenker“ in Leipzig mit solchen Parolen auf die Straße gehen – was die Stadt aber untersagte.

Was läuft falsch bei Zeitgenossen, die die Bundesrepublik mit den Zuständen in den traumatischsten Jahren vergleichen, die es je in Deutschland gegeben hat? Friede, Freiheit, Demokratie und Wohlstand sind offenbar zu selbstverständlich geworden für diese Leute. Sie wissen deren Wert nicht mehr zu schätzen. Dabei reicht ein Blick auf das Geschehen in vielen anderen Ländern, um ihn täglich neu zu erkennen.

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Auch Erziehung spielt eine Rolle. Wenn Kinder stets im Mittelpunkt gestanden, wenn sie stets erlebt haben, dass die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse im Zentrum ihres und des Handelns ihrer Eltern standen, werden sie auch als Erwachsene bei jeder Einschränkung – wie derzeit durch die Corona-Maßnahmen – reagieren wie ein Kind. Trotzig, wütend, beleidigt.

Der Mensch lernt aus Erfahrungen

Was tun? Der Mensch lernt aus Erfahrungen. Erst wenn man etwas nicht mehr hat, erkennt man, was einem fehlt. Leider gibt es keine Zeitmaschine, mit der man „quer“ denkende Menschen im Sinne eines solchen Lerneffekts vorübergehend in eine Vergangenheit versetzen könnte, in der all das Wirklichkeit war, von dem sie glauben, dass es hier und heute Wirklichkeit ist.

Aber es gibt ein Instrument, mit dem man einem „Mangel an jeglicher historischen Urteilskraft“ (Winkler) entgegenwirken und ihn im günstigsten Fall erst gar nicht entstehen lassen kann: Bildung. Wer die neuere deutsche Geschichte zumindest grob kennt und vor diesem Hintergrund rechtzeitig vermittelt bekommt, dass es nicht selbstverständlich ist, wie wir heute leben, wird ein Schutzschild vor absurden Ansichten entwickeln können.

Umso wichtiger sind Investitionen in die Bildung. Die Corona-Krise zeigt: Geld lässt sich auftreiben.

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