Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck ist chancenreicher Außenseiter für Grünen-Spitzenkandidatur Frischer Wind aus dem hohen Norden

Berlin. Am 18. Januar 2017 um 10 Uhr wird bei den Grünen alles klar sein: Bundesgeschäftsführer Michael Kellner informiert bei einer Pressekonferenz über die Ergebnisse der Urwahl.
04.01.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Frischer Wind aus dem hohen Norden
Von Markus Decker

Berlin. Am 18. Januar 2017 um 10 Uhr wird bei den Grünen alles klar sein: Bundesgeschäftsführer Michael Kellner informiert bei einer Pressekonferenz über die Ergebnisse der Urwahl. Drei Stunden später tritt dann das gewählte Spitzenduo vor die Kameras. Den Frauenplatz bekommt Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt; sie hat keine Konkurrentin. Aber wer steht neben ihr? Das ist ungewiss. Um den Männerplatz streiten der Parteivorsitzende Cem Özdemir, Fraktionschef Anton Hofreiter und Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck. Der Ausgang gilt als völlig offen.

Allerdings geistert bereits seit einigen Wochen das Gerücht durch die Partei, dass Habeck – wenn er verliert – gar kein echter Verlierer sein muss. Denn er würde, so heißt es, auch einen guten Parteivorsitzenden und damit Nachfolger Özdemirs abgeben. Wer das sagt? Allen voran Özdemir selbst. Nur ist Habeck davon gar nicht begeistert. Der Vorgang zeigt vielmehr, wie hart der Wettkampf ist.

Wenn man in der Führungsriege der Grünen herumfragt, wer das Rennen macht, dann ist die Antwort Achselzucken. Erstens sind zwei Drittel der Mitglieder passiv; niemand weiß, wie sie ticken. Zweitens haben bei der letzten Urwahl alle damit gerechnet, dass Claudia Roth oder Renate Künast obsiegen würden; am Ende triumphierte Göring-Eckardt. Das Resultat wurde als Abrechnung mit dem Establishment interpretiert und ist allen Beteiligten eine Warnung, nichts für sicher zu halten.

Drittens wird Özdemir zwar als Favorit gehandelt – vor allem weil seine Themen, insbesondere die Türkei- und die Integrationspolitik, in diesem Jahr sehr gut gelaufen seien, wie alle sagen. Der anatolische Schwabe war medial vielfach angefragt und wirkt wegen seiner klaren Haltung auch gegenüber Muslimen als attraktiv bis in bürgerliche Kreise hinein; Umfragen weisen dies aus. Aber Hofreiter ist innerparteilich vermutlich populärer; er dürfte die Stimmen des linken Flügels auf sich vereinigen. Es könnte überdies gut passieren, dass sich die Stimmen der Realos relativ gleichmäßig auf Özdemir und Habeck verteilen, sodass der Bayer aus diesem Grund vorne landet.

Habeck wiederum ist der Außenseiter und gibt sich auch so – als einer, der aus dem hohen Norden den frischen Wind nach Berlin bringt. Und wenn es stimmt, dass Außenseiter bei der grünen Basis wohlgelitten sind, dann könnte dies den Ausschlag geben. Manche meinen, Göring-Eckardt und Habeck gäben ein gutes Duo ab – hier die Erfahrene, da der gar nicht mehr so junge Wilde. Dabei hat der Mann aus Flensburg das größte Risiko. Denn in der Landespolitik will er keine führende Rolle mehr spielen und für den Bundestag bloß als Spitzenkandidat antreten. Da könnte der Parteivorsitz im Fall einer Niederlage das rettende Ufer sein.

Dass Özdemir den Konkurrenten ernst nimmt, zeigt die Tatsache, dass er Habeck vor und hinter den Kulissen für diesen Job ins Spiel bringt. So berichten grüne Parlamentarier, der Parteichef habe die Variante, sein Herausforderer könne ihn ablösen, bei verschiedenen Gelegenheiten nicht öffentlich lanciert. Beim Urwahlforum in Stuttgart tat er es schließlich auch öffentlich und sagte an Habecks Adresse: „Stell Dir vor, Du bist im November nächsten Jahres Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen.“ Habeck erwiderte: „Ich will den Job nicht, Cem.“

Habeck-Anhänger wittern hinter dem Angebot nämlich den Versuch, der Basis zu signalisieren: „Ihr müsst den Robert gar nicht wählen. Ihr behaltet ihn ja sowieso.“ Andererseits sagen auch sonst viele Spitzengrüne, Habeck sei so talentiert, dass man ihn selbst im Falle einer Niederlage nicht verloren geben dürfe. Verliert Özdemir hingegen, wäre seine Autorität als Vorsitzender beschädigt. Das angestrebte Ministeramt in einer unter Umständen schwarz-grünen Bundesregierung wäre perdu.

Gewiss ist: An diesem Sonnabend findet in der Berliner Kalkscheune das letzte Urwahlforum statt. Am 13. Januar können Mitglieder letztmalig ihr Votum abgeben. Die Spannung steigt jedenfalls bei den Grünen. Am 18. Januar wird sie sich entladen.

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