Nach Brexit-Entscheidung Frust und Wut bei jungen Briten

Mehr als drei Millionen Briten haben bereits eine Petition unterzeichnet, in der sie ein zweites Referendum zum EU-Austritt Großbritanniens fordern - besonders junge Menschen fühlen sich betrogen.
27.06.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Frust und Wut bei jungen Briten
Von Katrin Pribyl

Mehr als drei Millionen Briten haben bereits eine Petition unterzeichnet, in der sie ein zweites Referendum zum EU-Austritt Großbritanniens fordern - besonders junge Menschen fühlen sich betrogen.

Nach dem historischen Brexit-Votum sitzt bei vielen Briten der Schock tief. Selbst im Lager der „Leave“-Unterstützer können es viele kaum fassen, wie wirkliche Sieger wirken sie nicht. Doch immer mehr Briten realisieren, was der Brexit bedeutet und bereuen mittlerweile ihre Entscheidung, auch weil sie merken, dass viele Versprechen nur heiße Luft waren. Dagegen ist die Frustration und Wut bei jenen, die für den Verbleib waren, groß. Mehr als drei Millionen Menschen haben bis Sonntagnachmittag eine Petition unterzeichnet, in der sie ein zweites Referendum fordern.

Mandy dachte, ihre Stimme hätte kein Gewicht. Adam war der Meinung, sein Votum zähle nicht. Lauren erging es ebenso. Hazel auch. Alle vier sind in den 20ern und haben beim Referendum am Donnerstag für den Austritt gestimmt. Und nun? Sind sie am Boden zerstört, nachdem das Pfund abgestürzt ist, die Wirtschaft gefährlich zu wackeln beginnt, Premierminister David Cameron seinen Rücktritt angekündigt hat und es um nichts weniger als um die Zukunft des Königreichs geht.

Nigel Farage distanziert sich von Versprechen

Großbritannien als ein Land im Schock zu bezeichnen, dürfte die Untertreibung des Jahres sein. Völlige Fassungslosigkeit lähmt seit Freitag das Königreich, das politische System, die Menschen auf der Straße. Noch immer kann kaum jemand glauben, was geschehen ist. Brexit. Brexit? Ja, Brexit. Selbst viele EU-Gegner hatten trotz der Umfragen, die im Vorfeld des Referendums ein knappes Rennen prophezeit hatten, nicht damit gerechnet. Zu klar schien es für den Großteil der Briten, für Europa und die Welt, dass es beim Status Quo bleiben würde. Doch nach monatelangem Kampagnen-Theater trifft die Briten jetzt die Realität. „Es herrscht ein absolutes Chaos“, heißt es aus regierungsnahen Kreisen.

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Sie haben es nicht so gemeint, entschuldigen sich die Mandys, Adams, Laurens und Hazels dieses Landes, und würden ihre Entscheidung gerne rückgängig machen. Andere fühlen sich schlichtweg betrogen von den Wortführern der „Leave“-Kampagne, den Konservativen Boris Johnson und Michael Gove sowie dem Chef der rechtspopulistischen Unabhängigkeitspartei Ukip, Nigel Farage, der sich bereits am Freitagmorgen von einem der zentralen Versprechen der Brexiteers distanziert hat. Danach hieß es, 350 Millionen Pfund sollten künftig jede Woche in das nationale Gesundheitssystem fließen anstatt nach Brüssel.

Boris Johnson taucht ab

„Ich habe fürs Gehen gestimmt, weil ich diese Lügen geglaubt habe und ich bereue es mehr als alles andere“, schreibt die Britin Katy unter dem Hashtag #WhatHaveWeDone auf Twitter. Als das Boulevardblatt „Daily Mail“, das mit der „Sun“ am lautesten für den Brexit getrommelt und dafür vor allem Ängste gegen Einwanderung geschürt hat, in einem Bericht die Folgen aufzeigt, löst das einen Sturm der Entrüstung aus. „Die Remain-Kampagne hat also die Wahrheit erzählt“, beschwert sich Victor aus Leeds.

Überhaupt, wo versteckten sich am Wochenende Boris, wie er nur genannt wird, und Farage? Johnson lässt sonst keine Möglichkeit auf den großen Auftritt aus. Jetzt war er völlig abgetaucht. Statt Siegesfeiern nur Stille. Und wo blieb ihr Plan fürs Brexit-Paradies, das sie im Wahlkampf ständig in leuchtenden Farben aufmalten, ohne konkret zu werden? In diesem hoch emotionalisierten Wahlkampf voller Halbwahrheiten und polemischer Propaganda war so vieles versprochen worden. Willkommen im Königreich Utopia.

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In den vergangenen Tagen demonstrierten vor allem junge Menschen voller Frustration und Wut vor Westminster und Downing Street gegen den Brexit. „Ich bin nicht Britin, sondern Europäerin“, stand auf Plakaten, EU-Flaggen wehten, eine Frau, übergossen mit künstlichem Blut, hielt ein Schild in die Höhe: „Brexit – was ein blutiger Witz“, ein anderer saß vor einem Poster, auf dem es hieß: „Ich gehe nicht.“ Viele Jüngere fühlen sich von der älteren Generation um ihre Zukunft betrogen. Verraten. Verkauft.

Kulturkampf spaltet Land und Leute

Die Zahlen geben ihnen Recht. 64 Prozent der 18- bis 24-Jährigen votierten für den EU-Verbleib. Dagegen stimmten 58 Prozent der über 65-Jährigen für den Brexit. „Das Ergebnis trägt die Spuren falscher Zähne“, monierte der Schauspieler Sam Neill. Gleichwohl zeigt es, welch tiefer Riss sich durch die Gesellschaft zieht. Es handelt sich dabei nicht nur um einen Generationenkonflikt, sondern auch um einen Kulturkampf, der das Land und die Leute spaltet.

Alex Pett weinte am Freitag sogar ein bisschen. Die 38-Jährige hätte nie erwartet, dass es so weit kommen könnte. Und noch weniger, dass eine politische Entscheidung sie so aufwühlen würde. „Was bedeutet das für meine Kinder, für mich, für mein Unternehmen?“ Fragen, die die leidenschaftliche Pro-Europäerin begleiten, seit sie am Freitagmorgen um halb sieben aufwachte und ihr Handy vor Nachrichten überquoll. Sie betreibt eine Webseite, über die Briten Mode von Designern vom Kontinent bestellen können. Für die Auswahl der Kleider reist sie etliche Male im Jahr von London nach Italien, Frankreich, Spanien. „Europa befand sich vor der Haustür, nun habe ich das Gefühl, es ist nicht mehr da“, sagt die Britin.

Ihr Start-up hat erst in den vergangenen sechs Monaten Schwung aufgenommen, nun fragt sich Alex Pett, wie es weitergehen soll. Ohne Zugang zu EU-Fördermitteln, dafür mit vermutlich höheren Lieferkosten, die die ohnehin kleine Gewinn-Marge ins Minus führen könnten. „Ich schäme mich so für mein Land“, sagt sie. Großbritannien habe sich als isolationistisch bewiesen und als rückwärtsgewandt. „Das ist nicht das Land, in dem ich leben will.“

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