Militärhistoriker spricht beim Sicherheitspolitischen Aschermittwoch der Reserveoffiziere Verden-Rotenburg

Für souveränen Umgang mit der Geschichte

Rotenburg. Ein ebenso aktuelles wie vielschichtiges Thema stand beim 32. Sicherheitspolitischen Aschermittwoch der Reserveoffiziere Verden-Rotenburg auf der Tagesordnung.
25.02.2018, 00:00
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Von FR
Für souveränen Umgang mit der Geschichte

Kamen beim Sicherheitspolitischen Aschermittwoch zusammen: Hans-Joachim Stegemeier (von links), stellvertretender Vorsitzender der Reservisten-Kreisgruppe Elbe-Weser-Dreieck Rotenburg, Oberst Matthias Rogg von der Führungsakademie der Bundeswehr und Hans-Joachim Blohme, Vorsitzender der Reserveoffiziere Verden-Rotenburg.

Rotenburg. Ein ebenso aktuelles wie vielschichtiges Thema stand beim 32. Sicherheitspolitischen Aschermittwoch der Reserveoffiziere Verden-Rotenburg auf der Tagesordnung. Der Vorsitzende, Oberstleutnant der Reserve Hans-Joachim Blohme, begrüßte im Haus am Luhner Forst (Oase) gut 100 Gäste aus kommunaler Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Kultur. Als Gastredner war Oberst Matthias Rogg von der Führungsakademie der Bundeswehr nach Rotenburg gekommen. Rogg ist in Hamburg Leiter der Denkfabrik und stellvertretender Direktor Strategie und Fakultäten der Führungsakademie.

Oberst Rogg referierte unter dem Titel „Tradition als Last? Überlegungen zu einem souveränen Umgang mit Geschichte, historischer Bildung und Tradition in der Bundeswehr“. Rogg, der bis 2017 Direktor des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden war, bezog klar Position zur Thematik, die für so manchen in Bundeswehr und Gesellschaft vielleicht durchaus unbequem sein mag: „Es ist ein Thema, das brennt. Alle haben Informationsbedarf. Neben der reinen Information geht es aber auch darum, Position zu beziehen.“ Beides sei nach Einschätzung des Militärhistorikers zwingend erforderlich. Es bestehe in vielen Bereichen der Gesellschaft, in deren Mitte sich Bundeswehr ebenso wie Reservistenverband befinden, großer Gesprächsbedarf. Tradition befinde sich in engem Zusammenhang mit Geschichte, Soziologie, Religion und Rechtswissenschaft.

„Ich plädiere für einen souveränen Umgang mit Traditionen. Man darf nicht verkennen, dass Tradition immer auch etwas mit Identität zu tun hat. Das Thema gibt es in der Bundeswehr seit Anfang an“, sagte Rogg. Eine Aufarbeitung der deutschen Geschichte sei in den Jahrzehnten seit Gründung der Streitkräfte nach seiner Einschätzung vielfach gar nicht schlecht gemacht worden. Mit Blick auf die aktuelle Diskussion um die Überarbeitung des Traditionserlasses der Bundeswehr kann der Betrachter von außen jedoch derzeit den Eindruck gewinnen, dass gewisse Dinge nicht so vonstattengehen, wie es vielleicht sinnvoll wäre. In der Debatte um die Namensgebung der Rotenburger Lent-Kaserne beispielsweise ist dies in den vergangenen Monaten immer wieder deutlich geworden.

Oberst Rogg ging kurz auf Erkenntnisse ein, die ihm zu Helmut Lent aus wissenschaftlicher Sicht vorliegen. Demnach sei Lent alles andere als ein Nazi gewesen, habe eine interessante Biografie und sei vielfach auch nicht systemkonform gewesen. Rogg: „Lent ist offenbar auch nicht so fanatisch gewesen, wie es viele andere Soldaten waren.“ Lent sei „ein Kind seiner Zeit“ gewesen, die Materie sei äußerst vielschichtig. „Es gibt bei derartigen Betrachtungen keine reinen Schwarz-Weiß-Bilder. Das gibt es im Leben nicht, vielleicht in Fantasy-Filmen“, machte der Referent auf die Notwendigkeit aufmerksam, die Materie von möglichst allen Seiten eingehend zu betrachten, bevor man möglicherweise irgendwann zu einem Urteil gelange.

Vielfach sei es aber auch kaum möglich, klare Entscheidungen zu treffen. Wenn man auf Nummer sicher gehen wolle, würde es in Zukunft nur noch „Edelweiß-, Bremen- oder Wümme-Kasernen“ geben, wenn man bei der Namensgebung von Liegenschaften der Bundeswehr keinerlei Risiken eingehen wolle, die unter anderem in der deutschen Geschichte ihren Ursprung haben. „Entweder wir wählen solche Namen oder wir gehen ein gewisses Risiko ein“, gab Rogg zu bedenken. Beim Blick in die Historie sei immer auch zu bedenken, wie sich Menschen gegebenenfalls nach dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft entwickelt hätten. Dies sei bei Lent, bedingt durch seinen Tod bei einem Flugzeugabsturz während des Krieges, nicht gegeben gewesen. Dass die Nationalsozialisten propagandistischen Missbrauch mit Menschen wie Lent betrieben haben, sei eine Tatsache. Auch der Tod vermeintlicher Kriegshelden wurde zu Zwecken des Systems genutzt.

Auch wenn es wohl keine Patentrezepte gibt, wie man in Zweifelsfällen mit derartigen Themen- und Fragestellungen umgehen sollte, sieht Oberst Rogg doch einige zentrale Punkte, die für Gesellschaft wie Bundeswehr als wichtige Leitlinien gelten können. „Ich gehe sehr gern in die Truppe und mache politische Bildung, um den Kontakt zur Basis nicht zu verlieren“, betonte der Wissenschaftler in Uniform. Man müsse stets bedenken, dass sich niemand seiner Geschichte entziehen könne. Statt Geschichtsvergessenheit oder Geschichtsversessenheit gehe es um einen souveränen Umgang mit Geschichte. Außerdem empfiehlt Rogg mehr historische Bildung, was Orientierungswissen und Resilienz gegen Extremismus bewirken würde. Abschließend betonte Oberst Rogg, dass er grundsätzlich mehr Stolz auf die eigene Demokratie und ihre Streitkräfte für notwendig halte.

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