Das Grauen in Sandbostel

Gedenkstätte am größten Kriegsgefangenenlager Deutschlands

Einst waren es 150 Baracken, die inmitten des Moors nahe Bremervörde zum größten deutschen Kriegsgefangenenlager des Zweiten Weltkriegs gehörten. Jetzt sind es 22, die in Sandbostel als Gedenkstätte dienen.
22.01.2017, 00:00
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Von Ulrike Schumacher
Gedenkstätte am größten Kriegsgefangenenlager Deutschlands

Lager Gedenkstätte Sandbostel

Hans-Henning Hasselberg

Einst waren es 150 Baracken, die inmitten des Moors nahe Bremervörde zum größten deutschen Kriegsgefangenenlager des Zweiten Weltkriegs gehörten. Jetzt sind es 22, die in Sandbostel als Gedenkstätte dienen.

Die Baracken fallen sofort ins Auge. Sie stehen etwas abseits, aber der Blick auf sie reicht für eine Ahnung. Trostlos, dunkel und verwittert liegen die Holzhütten nebeneinandergereiht in trister Gegend. 22 sind es noch. Übrig geblieben von den einst 150 Baracken, die hier inmitten des Moors nahe Bremervörde zum größten deutschen Kriegsgefangenenlager des Zweiten Weltkriegs gehörten. Jetzt ist es eine Gedenkstätte. Schüler, die etwa ein Drittel der rund 12 000 Besucher im Jahr ausmachen, wundern sich manchmal, dass es bis zur Eröffnung der Gedenkstätte so lange gedauert hat, berichtet deren Leiter Andreas Ehresmann. 68 Jahre sollten nach der Befeiung der Kriegsgefangenen durch die Briten noch übers Land ziehen, bis das NS-Kriegsgefangenenlager in Sandbostel im Jahr 2013 ein offizieller Gedenkort wurde.

Die Baracken sind nicht nur für die Schüler ein starker Eindruck, weiß Andreas Ehresmann. Das Ensemble dieser historischen Lagerbauten auf dem gut drei Hektar großen Gelände der jetzigen Dokumentations- und Gedenkstätte sind einzigartig. Der Bund, das Land, der Kreis und die Reemtsma-Stiftung haben mit 1,4 Millionen Euro dazu beigetragen, die Baracken vor dem Verfall zu retten. Dass sie überhaupt noch stehen, liegt auch an ihrer Nutzung nach dem Krieg, wie ein Teil der hier zu sehenden Dauerausstellung zeigt. Die Baracken dienten nach 1945 als Gefängnis für SS-Angehörige und später als Auffanglager für DDR-Flüchtlinge. Danach nutzte die Bundeswehr das Lagergelände, und schließlich widmete die Gemeinde Sandbostel das ganze Gelände 1974 unter dem idyllisch klingenden Namen „Immenhain“ zum Gewerbegebiet um. Aus den Baracken und Steinhäusern wurden Lagerhallen.

Erste provisorische Gedenkstätte 2007

Lager Gedenkstätte Sandbostel

Lager Gedenkstätte Sandbostel: heutiger Veranstaltungsraum

Foto: Hans-Henning Hasselberg

Dass hier später doch noch an die Opfer des Kriegsgefangenenlagers erinnert werden konnte, und es in Sandbostel eine der wenigen Gedenkstätten am Ort eines ehemaligen Kriegsgefangenenlagers in Deutschland gibt, ist auch dem zähen Engagement des Vereins „Dokumentations- und Gedenkstätte Sandbostel“ zu verdanken. An diesem Wochenende feiert er mit Festakt und einer Tagung mit Vorträgen und Arbeitsgruppen sein 25-jähriges Bestehen. Zusätzlich ist in der Gedenkstätte bis zum 28. Februar unter dem Titel „Perspektivwechsel – Gefangene hier, Gefangene dort“ eine deutsch-französische Sonderausstellung zu sehen.

Mit der 2004 gegründeten Stiftung Lager Sandbostel kam damals Bewegung in das Vorhaben, das einstige Lager als Ort des Gedenkens zu erhalten. Die Stiftung erwarb ein Jahr nach ihrer Gründung 2,7 Hektar des ehemaligen Lagergeländes und richtete 2007 eine erste provisorische Gedenkstätte ein. Inzwischen arbeitet die Gedenk- und Dokumentationsstätte professionell, „und es geht jetzt um die Frage, wie wir inhaltlich und personell noch weiter kommen“, sagt Andreas Ehresmann. Von den 20 Mitarbeitern seien 16 ehrenamtlich aktiv. Sie führen übers Gelände, sichten Dokumente oder bringen sich handwerklich ein. Jugendliche packen darüber hinaus in Work-Camps an. Jüngstes Beispiel: Im vergangenen Herbst haben sie mehrere von Sträuchern eingewachsene Gebäude befreit, die demnächst die Ausstellung ergänzen sollen.

Junge Generation zeigt sich interessiert

„Wir würden gern noch mehr freiwillig Aktive gewinnen“, wünscht sich der Leiter der Gedenkstätte. Leute wie Christa Steffens, die hier mit Leidenschaft mitwirken. Ihr Schreibtisch steht in der Bibliothek, die sie mit aufgebaut hat. Sie teilt sich den Raum mit Ronald Sperling, der wissenschaftlicher Dokumentar für das Archiv ist. „Es ist wichtig, dass wir die Dokumente aufarbeiten, weil die Zeitzeugen aussterben“, berichtet er von seiner Erinnerungsarbeit und den vielen Anfragen aus aller Welt, die die Dokumentationsstätte erreichen – zunehmend auch aus Russland, seit dort die Dokumente im Jahr 2009 digitalisiert wurden.

„Die Leute wollen wissen, wie es ihren Angehörigen hier ergangen ist und wo sie beerdigt sind. Manche kommen hierher und haben Erde aus ihrer Heimat mitgebracht.“ „Man merkt“, ergänzt Andreas Ehresmann, „dass jetzt die dritte Generation mit ihren Fragen kommt, die Generation der Enkel, die zum Teil gar nicht wussten, dass ihr Großvater hier Kriegsgefangener war.“ Das Interesse der jungen Generation spürt auch Lars Hellwinkel, der Lehrer an einem Stader Gymnasium ist, vom Land Niedersachsen aber zusätzlich den Auftrag hat, in Sandbostel gedenkpädagogische Arbeit zu leisten. Wie auch der Friedenspädagoge Michael Freitag-Parey, dessen Stelle von der Landeskirche finanziert wird. Zwei Tage in der Woche stehen in der Gedenkstätte für die Arbeit mit Schülern zur Verfügung. Die Nachfrage ist aber viel größer, berichtet Andreas Ehresmann. „Wir brauchen eigentlich mehr Pädagogen.“

Sterberate unter sowjetischen Gefangenen besonders hoch

Lager Gedenkstätte Sandbostel

Lager Gedenkstätte Sandbostel

Foto: Hans-Henning Hasselberg

Lars Hellwinkel führt die jungen Gäste meistens zuerst zur Kriegsgräberstätte. Er kennt die staunenden Blicke. „Ich habe gar nicht gewusst, dass hier ein Ort ist, wo Tausende sowjetische Soldaten liegen“, sagen viele Schüler, und später halten sie dann Tonziegel in ihren Händen und ritzen still und konzentriert Buchstaben ein, um den toten Soldaten ihre Namen wiederzugeben. Die sowjetischen Gefangenen waren in der menschenverachtenden Hierarchie im Lager der unterste Rand. Amerikaner, Franzosen und Briten standen an der Spitze, polnische, italienische und sowjetische Internierte ganz unten.

Für die einen galt die Behandlung nach den Genfer Konventionen, den anderen habe die Lagerleitung fast alles verweigert. Die Sterberate unter den sowjetischen Gefangenen war erheblich höher. Knapp 4700 von ihnen sind heute namentlich bekannt, vermutlich sei die Zahl aber höher, sagt Andreas Ehresmann. Ungewiss ist auch, wie viele Kriegsgefangene im Lager Sandbostel insgesamt zu Tode kamen. Je nach Quelle ist von 8000 bis 50 000 Toten die Rede. Zum Massensterben kam es, als im April 1945 noch 9500 Häftlinge aus dem KZ Neuengamme ins Lager Sandbostel gebracht wurden.

„Die Dimension des Lagers wird oft unterschätzt“, erklärt Andreas Ehresmann. „Viele denken, es war nur ein kleines Lager. Aber es war das größte.“ 313 000 Menschen aus 55 Nationen wurden im Stammlager B im zehnten Wehrkreis, kurz Stalag XB, wie das NS-Lager in Sandbostel offiziell hieß, interniert und als Zwangsarbeiter benutzt. Hunderte von ihnen starben noch nach der Befreiung an den Folgen von Hunger, Typhus und anderen Krankheiten.

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