Walkenried Gemeinsamkeiten vor Konflikte stellen

Angela Merkel hat in dieser Woche Prag besucht – was deutschen Medien kaum eine Meldung wert war, beherrschte in Tschechien die Presse. Ein solches Mehr an Interesse bedeutet in diesem Fall tatsächlich auch ein Mehr an Informationen.
27.08.2016, 00:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Martina Winkler

Angela Merkel hat in dieser Woche Prag besucht – was deutschen Medien kaum eine Meldung wert war, beherrschte in Tschechien die Presse. Ein solches Mehr an Interesse bedeutet in diesem Fall tatsächlich auch ein Mehr an Informationen. Deutsche Medien sprangen wieder einmal auf Provokationen der rechten tschechischen Öffentlichkeit an. Wenn Präsident Miloš Zeman über Flüchtlinge sprechen will und klarstellt: „Frau Merkel hat illegale Migranten eingeladen, damit haben wir nichts zu tun“, so bestimmt dies hierzulande die Berichte. Damit allerdings bekommen genau die Vertreter Tschechiens Oberwasser, die von einer islamischen Invasion schwadronieren und mit dem Czexit drohen.

Premier Bohuslav Sobotka und Kanzlerin Merkel aber haben ihre Gespräche ausdrücklich auf andere Themen gelenkt, und zumindest die seriösen tschechischen Medien unterstützen sie in ihrem Bemühen, Gemeinsamkeiten zu betonen. Dabei geht es nicht nur um eine rosarote diplomatische Brille. Besprochen wurden die engen wirtschaftlichen Beziehungen, man vereinbarte die Zusammenarbeit in der Forschung zu künstlicher Intelligenz. Sobotka und Merkel erörterten die Sanktionen gegen Russland – und demonstrierten Einigkeit gegen den Putinfreund Zeman. Dass ausgerechnet der skandalumwitterte Finanzminister Andrej Babiš die Zusammenarbeit in Sachen Steuerfluchtvermeidung lobte, mag manchem Beobachter ein süffisantes Lächeln entlocken; doch auch hier stand eindeutig das Miteinander im Vordergrund. Ähnliches gilt für das Thema „Flüchtlinge“, als es schließlich doch aufs Tapet kam. Zwar stellte Sobotka deutlicher als früher klar, dass Tschechien die Quote prinzipiell ablehne. Ansonsten aber übten sich die Regierungschefs in Harmonie und betonten – nun wohl doch etwas rosarot – gemeinsame Ziele wie die Sicherung der Schengen-Grenze und eine Bekämpfung der Fluchtursachen.

Die deutsch-tschechischen Beziehungen sind bemerkenswert zwiespältig: Wie die Not in griechischen Flüchtlingslagern und der zynische Deal mit der Türkei beweisen, kann das Scheitern der Quote wohl nicht mehr als zentrales politisches Problem betrachtet werden. Sobotka und Merkel verhalten sich entsprechend, und man könnte auf eine Kooperation hoffen, die das Reizwort der Quote zu umgehen vermag und so Lösungen verspricht. Die islamophobe tschechische Rechte aber, angefeuert durch den Populisten Zeman, ignoriert diese Entwicklung und konstruiert unüberwindbare Gegensätze zwischen Tschechien und Deutschland. Es ist zu bedauern, dass die deutsche Wahrnehmung Tschechiens diesen Blick so gern unterstützt.

Zur Person

Unsere Gastautorin studierte Geschichte und Literaturwissenschaft. Sie lehrte und forschte an Unis in Leipzig, Berlin, Münster, Stanford und Loughborough, bevor sie 2013 als Professorin für Kulturgeschichte Ostmitteleuropas an die Uni Bremen kam.
Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+