Wer mehr zahlt, darf früher sterben / Verein will sich gegen Verbot juristisch wehren

Geschäftsmodell Selbstmord

Es sind Fragen, die niemanden gleichgültig lassen: Darf ein Mensch beschließen, dass er nicht mehr leben will – auch, wenn er nicht unheilbar krank ist? Wer darf ihm dabei helfen? Muss es sogar jemanden geben, der ihm dabei hilft? Der Sterbehilfe-Verein von Roger Kusch hat seine eigenen Antworten auf diese Fragen.
22.01.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Geschäftsmodell Selbstmord
Von Kathrin Aldenhoff
Geschäftsmodell Selbstmord

Roger Kusch im Mai vergangenen Jahres bei einer Pressekonferenz. Da hatte die Staatsanwaltschaft Hamburg gerade Anklage gegen ihn erhoben. Der Vorwurf lautete: Totschlag.

Malte Christians, dpa

Es sind Fragen, die niemanden gleichgültig lassen: Darf ein Mensch beschließen, dass er nicht mehr leben will – auch, wenn er nicht unheilbar krank ist? Wer darf ihm dabei helfen? Muss es sogar jemanden geben, der ihm dabei hilft? Der Sterbehilfe-Verein von Roger Kusch hat seine eigenen Antworten auf diese Fragen.

Von unerträglichen Schmerzen ist in den kurzen Berichten die Rede, von Schmerzmitteln, die keine Linderung bringen, von Krebserkrankungen. Jemand schrieb vor seinem begleiteten Suizid: „Für mich ist das Leben so nicht lebenswert: extrem sehbehindert, Schmerzen, auf der rechten Körperseite nahezu gefühllos, kaum noch laufen, allenfalls kurze Strecken – ich bin nicht glücklich!“ Ein Satz ist immer wieder zu lesen: In ein Heim will ich auf keinen Fall.

In dem neuen Buch von Roger Kuschs Verein Sterbehilfe Deutschland sind 44 Schicksale geschildert. Alle diese Menschen leben nicht mehr, sie haben sich 2014 mit Hilfe des Vereins das Leben genommen. Doch die Politiker sind sich parteiübergreifend einig: Diese Art von Sterbehilfe wollen sie in Deutschland nicht. Derzeit wird im Bundestag über ein gesetzliches Verbot diskutiert, das die eigentlich legale Hilfe beim Suizid strafbar macht, sofern sie wiederholt angeboten wird. Erste Gesetzentwürfe soll es im Frühjahr geben.

Eine Pressekonferenz in Berlin, auf der der ehemalige Hamburger Justizsenator das Buch seines Vereins vorstellt, nutzt Kusch am Mittwoch für eine Ankündigung: Wenn die Politik die organisierte Sterbehilfe verbiete, werde er – wenn irgendeine Aussicht auf Erfolg bestehe – eine Verfassungsklage anstrengen. Den Schweizer Sterbehilfe-Verein, den er vor zweieinhalb Jahren gegründet hat, bezeichnet er als „Schutzschild gegen politische Entscheidungen in Deutschland“.

Doch bevor Kusch seinen Widerstand ankündigt, lässt er erst einmal andere reden. Mit gelassenem Gesichtsausdruck sitzt er neben dem stellvertretenden Vereinsvorsitzenden Tomas Benzin, Autor des Buches. Der sagt, dass der Verein stolz darauf sein könne, dass die Mitgliederzahlen stärker stiegen als die Zahl der Suizidbegleitungen. Das zeige doch, dass es vielen Mitgliedern um Vorsorge ginge, darum, sich abzusichern. Nach eigenen Angaben hatte der Verein im vergangenen Jahr 614 Mitglieder; 283 davon sind 2014 eingetreten.

Johann Friedrich Spittler, der sich als einziger Arzt in Deutschland dazu bekennt, für den Sterbehilfe-Verein zu arbeiten, gibt zu, dass es ihm schwerfalle, den Tod eines Menschen mitzuerleben ohne einzugreifen. Doch er ist von der Arbeit des Vereins überzeugt. Er sagt, dass die Mehrheit der Menschen, die nicht mehr leben wollten, keinen Arzt fände, der ihnen helfe. Und es gebe Menschen, die sehr gute Gründe für die Beendigung ihres Lebens hätten. Allerdings schreibt Spittler in einem Beitrag für das Buch, dass der Sterbehilfe-Verein alle Suizid-Beihilfe-Begehren akzeptiere, ohne eine Begründung von vorneherein auszuschließen. Es werde aber keine Suizidbegleitung gegeben, ohne dass ein ärztliches Gutachten zur Urteils- und Willensfähigkeit vorliege. Erst wenn entsprechend der ethischen Grundsätze alle Voraussetzungen gegeben sind, gibt der Verein „grünes Licht“ für eine Sterbebegleitung. So steht es jedenfalls in einer Broschüre.

Bis jetzt hat der Verein nach eigenen Angaben rund 95 Prozent der Suizidbegehren zugestimmt. Diesen hohen Prozentsatz erklärt Spittler damit, dass diejenigen, die sich überhaupt an den Verein wendeten, im Überlegungsprozess in der Regel schon weit fortgeschritten seien.

Kritisiert wird allgemein, dass der Verein Geld für die Suizidbegleitung verlangt. Wer jährlich 200 Euro zahlt, muss drei Jahre warten, bis er begleitet vom Verein Suizid begehen darf. Wer einmalig 2000 Euro zahlt, hat ein Jahr Wartefrist. Und wer 7000 Euro zahlt, kann sofort um Suizidbegleitung bitten.

Das Buch dokumentiert alle Fälle, auch diese: Ein Mitglied zwischen 40 und 49 Jahren, seit der Pubertät an Tinnitus leidend, wollte Suizidbeihilfe – und erhielt sie. Eine Frau zwischen 60 und 69 wollte sterben, weil sie ein Leben ohne ihren ein Jahr zuvor verstorbenen Mann als Strafe empfand. Auch sie erhielt Hilfe beim Selbstmord.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+