Kommentar über Teilzeit und Vollzeit Gescheitertes Rückkehrrecht – vertane Chance

Lange Phasen der Teilzeit wirken sich nicht nur auf die Karriere, sondern auch auf das Gehalt und die Rente aus. Eine Regelung zu finden, nach Elternzeit wieder in Vollzeit arbeiten zu können, hält Sarah Ryglewski für längst überfällig.
04.06.2017, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Sarah Ryglewski

Viele Männer und Frauen wünschen sich heute mehr Souveränität über ihre Zeit und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Deshalb ist das von der SPD eingeführte Recht auf Teilzeit ein wichtiger Beitrag für eine sich verändernde Arbeitswelt. In der Praxis ist Teilzeit jedoch vor allem Frauensache:

47 Prozent der Frauen zwischen 20 und 64 Jahren arbeiten laut Statistischem Bundesamt in Teilzeit, aber nur neun Prozent der Männer. Frauen arbeiten häufig in Branchen wie dem Einzelhandel, in denen Teilzeit die Regel ist, oder haben keine Möglichkeit, nach Pflege- oder Erziehungspausen wieder zu ihrer früheren Arbeitszeit zurückzukehren. Aus dem Recht auf Teilzeit wird die Teilzeitfalle.

Altersarmut ist vor allem ein weibliches Phänomen

Andrea Nahles hat deshalb schon vor einem halben Jahr einen Gesetzentwurf vorgelegt, der die Rückkehr in Vollzeit erleichtern soll – eine Regelung, die überfällig ist. Denn: Lange Phasen der Teilzeit wirken sich nicht nur auf die Karrierechancen aus, sondern auch auf das Gehalt und vor allem auf die Rente. Die besten Mittel, um Altersarmut zu verhindern, sind gute Löhne und gute Beschäftigungsbedingungen.

Nicht ohne Grund ist Altersarmut heute vor allem ein weibliches Phänomen. Die Rente ist ein Spiegel des Erwerbslebens, hier jedoch bestehen große Unterschiede durch Befristungen, ungewollte Teilzeit und niedrigere Löhne. Neben der Beseitigung ungleicher Bezahlung – noch immer verdienen Frauen rund 20 Prozent weniger als Männer – ist das Rückkehrrecht nach einer Phase der freiwilligen Teilzeitarbeit zur früheren Arbeitszeit, ein wichtiger Baustein, dies zu ändern.

Die Entscheidung der Kanzlerin, dieses fest im Koalitionsvertrag vereinbarte Ge­setz nicht mehr auf den Weg zu bringen, ist ein Schlag ins Gesicht der Menschen, die sich unbezahlt um Kinder oder bedürftige Angehörige kümmern.

Reine Symbolpolitik

Sie blockiert gleichzeitig eine Maßnahme zur immer wieder geforderten Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt bei gleichzeitiger Sicherheit für die Beschäftigten. Warum eine Rückkehr aus befristeter Teilzeit in eine vorher bestandene Vollzeitstelle für Arbeitgeber weniger planbar sein soll als etwa die Rückkehr nach Elternzeit, erschließt sich nicht.

Der Entwurf der Bundesarbeitsministerin sah den gesetzlichen Rückkehranspruch für Unternehmen ab 15 Beschäftigten vor. Ein Schwellenwert von 200 Mitarbeitern, wie ihn die CDU/CSU forderte, ist hingegen reine Symbolpolitik:

Mehr als drei Millionen Teilzeitbeschäftigte wären vom Geltungsbereich ausgeschlossen. Die Union hätte zeigen können, dass sie es mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und einem modernen Arbeitsmarkt ernst meint. Sie hat diese Chance vertan.

Zur Person

Unsere Gastautorin ist seit 2015 Abgeordnete der SPD im Bundestag. Sie sitzt sowohl im Finanzausschuss als auch im Petitionsausschuss. Die frühere Bremer Juso-Landesvorsitzende war von 2011 bis 2015 Mitglied der Bremer Bürgerschaft.

Zur Person

Hinweis der Redaktion: In einer vorherigen Version dieses Textes hieß es irrtümlich: "Andrea Nahles hat deshalb schon vor einem halben Jahr einen Gesetzentwurf vorgelegt, der die Rückkehr in Teilzeit erleichtern soll."

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