Buch von Christoph Schminck-Gustavus dokumentiert die Geschichte eines 1943 zerstörten griechischen Dorfes

Gespräche mit letzten Zeitzeugen

Die Täter schwiegen und vertuschten. Die meisten Opfer konnten unter der Last der Erinnerung nicht reden. Die Kinder fragten kaum oder gar nicht. Heute versuchen Enkel mühsam, die Ereignisse zu rekon-struieren, die ihre Großeltern stumm ge-macht haben. In dieser Gemengelage hat der Schwachhauser Christoph Schminck-Gustavus 20 Jahre gebraucht, um die Fakten eines Wehrmachtsverbrechens in Griechenland zusammenzutragen: über die Vernichtung des griechischen Dorfes Lyngiades im Oktober 1943.
10.10.2013, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Hanni Steiner

Die Täter schwiegen und vertuschten. Die meisten Opfer konnten unter der Last der Erinnerung nicht reden. Die Kinder fragten kaum oder gar nicht. Heute versuchen Enkel mühsam, die Ereignisse zu rekon-struieren, die ihre Großeltern stumm ge-macht haben. In dieser Gemengelage hat der Schwachhauser Christoph Schminck-Gustavus 20 Jahre gebraucht, um die Fakten eines Wehrmachtsverbrechens in Griechenland zusammenzutragen: über die Vernichtung des griechischen Dorfes Lyngiades im Oktober 1943.

Deutsche Wehrmachtssoldaten brannten am 3. Oktober 1943 ein griechisches Bergdorf nieder, töteten Frauen, Alte und Babys. Genau 70 Jahre später hörten jetzt rund hundert Interessierte in der Kulturkirche St. Stephani den Vortrag von Christoph Schminck-Gustavus über seine Recherchen und deren Ergebnisse. Herausgekommen ist dabei auf 334 Seiten ein sehr persönlicher Bericht des emeritierten Professors für Rechts- und Sozialgeschichte – was ihm nach eigenem Bekunden von Historikern vorgeworfen wird. Sein Buch heißt „Feuerrauch – Die Vernichtung des griechischen Dorfes Lyngiades am 3. Oktober 1943“. An der Buchvorstellung in der Kulturkirche beteiligt waren neben der Kulturkirche die Landeszentrale für politische Bildung und der Verein „Erinnern für die Zukunft“.

Keine Strafverfolgung der Täter

Der Autor, der Griechisch spricht, beschreibt lebendig die Umstände, unter denen er in einem Café in dem Ort Joannina im Epirus – in deren Nähe Lyngiades liegt – mit den Nachforschungen beginnt, wie er auf Menschen trifft, die ihn mit den letzten Überlebenden und Nachkommen der Opfer zusammenbringen, wie mühsam es war, diese Menschen zu öffnen und zum Reden zu bringen. Am Schluss berichtet er darüber, wie er in deutschen Archiven deren Aussagen zu überprüfen versucht und kopfschüttelnd feststellen muss, dass es weder eine ernst zu nehmende Strafverfolgung der Täter noch eine Wiedergutmachung für die überlebenden Opfer gegeben hat.

Diese Form der Berichterstattung mag nicht den Normen des Wissenschaftsbetriebs entsprechen, sie nimmt jedoch die Leserinnen und Leser mit in das heutige Lyngiades, wo Steine noch von dem alten, vom Feuer zerstörten Dorf erzählen. Die Aussagen der Augenzeugen über die Morde an 81 der 250 Dorfbewohner gehen unter die Haut, eben weil der Autor auch die Umstände beschreibt, unter denen er sie hört und aufnimmt.

Die Geschichte von Lyngiades ähnelt der des tschechischen Dorfes Lidice: Dort hatten SS- und Gestapoeinheiten am 10. Juni 1942 als Rache für die Ermordung des „Reichsprotektors von Böhmen und Mähren“, Reinhard Heydrich, die Männer erschossen, die Frauen ins KZ Ravensbrück verschleppt und den größten Teil der Kinder ins Lager Chelmno gebracht, wo sie getötet wurden. In Lyngiades mordeten und brandschatzten deutsche Soldaten des 22. Gebirgsarmeekorps unter dem Vorwand, Partisanenbanden zu bekämpfen.

Anlass war ein Anschlag mit tödlichen Folgen auf den Kommandeur des Gebirgsjägerkommandos 98, Oberstleutnant Salminger. Kommandierender General war Hubert Lanz, der am 1. Oktober 1943 einen „Korps-Tagesbefehl“ voller Lob und Ehrfurcht für den Getöteten herausgab. Der letzte Absatz lautet: „Ich erwarte, dass die 1.Gebirgsdivision diesen ruchlosen Banditenmord an einem unserer besten Kommandeure in einer schonungslosen Vergeltungsaktion in 20 Kilometer Umkreis der Mordstelle rächen wird.“ Der Befehl kam einem Freibrief gleich: Männer, Frauen und Kinder in Lyngiades wurden zwei Tage später erschossen, erschlagen, in und mit ihren Häusern verbrannt. Die wenigen, die entkamen, konnten über die entsetzlichen Erlebnisse nicht sprechen. Lyngiades war kein Einzelfall: Hunderte kleiner Ort-schaften sind in Griechenland ähnlich zugerichtet worden.

Griechischer Lehrer schrieb alles auf

Bereits 1947, während in Nürnberg die Kriegsverbrecherprozesse liefen, gab der Volksschullehrer von Joannina, Kostas Apostolos Papageorgiou, einen schmalen Band über die Ereignisse heraus. Er starb 1958, doch sein heute 71-jähriger Sohn Apostolos, Geologe von Beruf, saß nun am mit in der Kulturkirche und wurde Zeuge der Buchpräsentation. Sein Vater war eine Ausnahme gewesen: „Er hat mir viel erzählt.“ Die Aufzeichnungen des Vaters wurden zu einer der Grundlagen des neuen Buches.

Auch ein Vertreter der Enkelgeneration war zur Buchpräsentation nach Bremen gekommen: der Verleger Panos Vadaloukas, dessen Großvater als Arzt in Joannina auch Patienten in Lyngiades betreut hatte. Dessen Sohn Janni wiederum war ab 1989 für Christoph Schminck-Gustavus zum Freund und zum Türöffner zu den Zeitzeugen geworden, als er seine Recherchen in Griechenland begann. Auch Janni Vadaloukas ist inzwischen verstorben. Der hartnäckige Bremer Professor hat dafür gesorgt, dass die Erinnerungen der letzten Zeitzeugen festgehalten sind.

Ein Vorgängerband zu „Feuerrauch“ mit dem Titel „Winter in Griechenland“ behandelt allgemein Krieg, Besetzung und Shoah in Griechenland.

Christoph Schminck-Gustavus: „Feuerrauch – Die Vernichtung des griechischen Dorfes Lyngiades am 3. Oktober 1943“, Dietz-Verlag Bonn 2013, 334 Seiten, ISBN 978-3-8012-0444-0.

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