Geschichten, die wir uns wünschen Gorleben gestrichen

Es dauert eine Weile, Wolfgang Ehmke ans Telefon zu bekommen. Der Anti-Atom-Veteran aus dem Wendland ist ein gefragter Mann, seit am Neujahrstag durchsickerte, dass der Salzstock Gorleben nicht mehr als Standort für ein Atommüll-Endlager in Betracht kommt.
01.01.2016, 19:37
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Reimar Paul

Es dauert eine Weile, Wolfgang Ehmke ans Telefon zu bekommen. Der Anti-Atom-Veteran aus dem Wendland ist ein gefragter Mann, seit am Neujahrstag durchsickerte, dass der Salzstock Gorleben nicht mehr als Standort für ein Atommüll-Endlager in Betracht kommt.

„Es kommen Anrufe von überall“, erzählt er, als gestern nach etlichen Versuchen schließlich doch noch ein Gespräch zustande kommt. „Alte Mitstreiter melden sich, Glückwünsche gehen ein, es gibt Anfragen von Zeitungsredaktionen und Nachrichtenagenturen“. Vor einer Stunde erst hat der arabische Fernsehsender Al Jazeera ein Telefon-Interview mit Ehmke geführt.

Erste Gerüchte, dass Gorleben aus dem Suchverfahren gekippt wurde, hätten die BI zwischen den Jahren erreicht, sagt Ehmke. Im Hintergrund klirren Sektgläser und stimmen Aktivisten Widerstandslieder aus der Anti-Atom-Bewegung an, auch das Krachen von verspäteten Silvester-Böllern ist zu hören.

„Es hat nach Weihnachten eine vorher nicht angekündigte Sondersitzung der Endlager-Kommission gegeben. Und die hat mit großer Mehrheit beschlossen, dass alles noch einmal auf Null gestellt wird – ohne Gorleben.“ Die Vertreter der Energiekonzerne in der Kommission hätten sich bei der Abstimmung enthalten. „Das ist ein Riesenerfolg für uns“, ruft Ehmke in den Hörer, bevor die Verbindung abreißt und für die nächsten Stunden blockiert sein wird.

Seit 1977 wird der Salzstock im Kreis Lüchow-Dannenberg als einziger Standort in Deutschland auf seine Tauglichkeit als Endlager für hochradioaktiven Atommüll geprüft. Bergleute trieben zwei tiefe Schächte in das Salz und schütteten unter Tage ein gewaltiges Bergwerk aus Stollen, Kammern und Verbindungsgängen auf. Viel zu groß für reine Untersuchungszwecke, wie selbst das Bundesamt für Strahlenschutz zwischenzeitlich einräumte.

Die Atomkraftgegner rund um Gorleben sprachen von einem „Schwarzbau“, weil unter dem Deckkmantel der Erkundung bereits ein fertiges Endlager errichtet worden sei. Als Bundesregierung und Bundestag 2013 den Neustart bei der Suche nach einer Lagerstätte für den nuklearen Müll verkündeten und eine Experten-Kommission einsetzten, blieb Gorleben zunächst im Spiel.

Geschichten, die wir uns wünschen

Die DFL bezahlt freiwillig die Polizeieinsätze bei Fußballspielen, Borgward baut wieder Autos in Bremen und Werder rettet in der Relegation den Klassenerhalt gegen St. Pauli - Zum Jahresbeginn haben wir all die Geschichten aufgeschrieben, die wir gerne einmal lesen würden. Aber Vorsicht: Die erdachten Geschichten sind zwar so geschrieben, als seien sie so passiert – tatsächlich ist es alles Zukunftsmusik. mehr »

„In der Endlager-Kommission gibt es natürlich Mitglieder, die Gorleben zunächst favorisiert haben“, sagt der Sprecher des Gremiums, Jürgen Voges. Und dies nicht etwa wegen einer günstigen Geologie des Salzstocks, sondern „aus wirtschaftlichen Erwägungen“. Im Klartext: Die AKW-Betreiber haben als Verursacher des Atommülls bereits fast 1,5 Milliarden Euro in die Erkundung Gorlebens gesteckt und wollten, zumal sie wegen der von ihnen verschlafenen Energiewende ohnehin in finanzielle Turbulenzen geraten sind, die Mittel für eine weitere Standorterschließung eigentlich nicht aufbringen.

Auf Dauer, so Voges, habe sich die „ich nenne sie mal Gorleben-Fraktion“ Logik und Vernunft aber nicht widersetzen können: „Regierung und Bundestag wollten einen Neuanfang. Die Endlagersuche soll auf einer weißen Landkarte erfolgen. Dazu passt einfach nicht, wenn es auf dieser Karte bereits einen Fleck gibt, nämlich Gorleben.“

Das Bundesumweltministerium wollte den neuen Kurs gestern noch nicht offiziell bestätigen. Ein Sprecher kündigte jedoch für den 4. Januar einen kurzfristigen Besuch von Ministerin Barbara Hendricks im Wendland an. Nach Gesprächen mit Kommunalpolitikern und Umweltschützern werde die SPD-Politikerin am Abend auch an einer „Festveranstaltung“ in den „Trebeler Bauernstuben“ teilnehmen – das Gasthaus nahe Gorleben ist eine der traditionellen Treffpunkte der örtlichen Protestszene.

Der letzte Anruf des Tages gilt Marianne Fritzen, der langjährigen BI-Vorsitzenden und „alten Dame“ des wendländischen Widerstandes. Ob die Bürgerinitiative ihre Arbeit denn nun einstelle und sich auflöse? „Nein, nein, das ganz sicher nicht“, sagt die 91-Jährige und gnickert etwas angesichts der zweieinhalb Gläser Sekt, die sie im Laufe des Tages getrunken hat. Zu tun gebe es noch genug. Da seien zum einen die 113 strahlenden Castorbehälter im Gorlebener Zwischenlager. „Auf die werden wir ein Auge haben, bis sie eines Tages in ein Endlager kommen“.

Und dann sei der Rat der BI wohl von denen gefragt, die sich anstelle Gorlebens künftig mit dem Bau eines Endlagers vor ihrer Haustür auseinandersetzen müssten. „Wir haben hier über Jahrzehnte erlebt, wie getäuscht und getrickst und betrogen wurde“, sagt Fritzen. „Wenn das an anderen Standorten auch passiert und das Suchverfahren nicht wirklich transparent ist, werden wir wieder zur Stelle sein.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+