Mutmaßlicher Kinderschänder gefasst

Grauen im Darknet: Darum blieb der Täter so lange anonym

Der Fahndungsaufruf in den sozialen Netzwerken am Montag war erfolgreich: Die sexuell missbrauchte Vierjährige, deren Bilder veröffentlicht worden waren, konnte aufgrund zahlreicher Hinweise identifiziert werden.
10.10.2017, 21:47
Lesedauer: 3 Min
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Grauen im Darknet: Darum blieb der Täter so lange anonym
Von Melanie Reinsch
Grauen im Darknet: Darum blieb der Täter so lange anonym

Der verborgene Teil des Internets, das Darknet, öffnet sich dem, der spezielle Software verwendet. Weil Nutzer anonym bleiben können, ist dort oft Illegales zu finden.

123rf Vadym Drobot

Es war ein ungewöhnlicher Fahndungsaufruf, der am Montag in den sozialen Netzwerken kursierte. Ungewöhnlich – aber erfolgreich. Denn nur wenige Stunden nachdem das Bundeskriminalamt (BKA) die Opferbilder eines sexuell missbrauchten Mädchens veröffentlicht hatte, konnte die Vierjährige identifiziert und der mutmaßliche Täter gestellt werden.

Das BKA stellte die Persönlichkeitsrechte des Mädchens hinter den Schutz der körperlichen Unversehrtheit. Am Montagabend nahmen die Ermittler einen 24-Jährigen aus dem niedersächsischen Landkreis Wesermarsch fest. Er steht im Verdacht, das Mädchen zwischen Oktober 2016 und Juli 2017 mehrfach schwer sexuell missbraucht, die Taten gefilmt und anschließend auf kinderpornografischen Seiten im sogenannten Darknet verbreitet zu haben.

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Der Täter war auf den Filmen nicht zu sehen. Im Darknet können sich Nutzer anonym bewegen, ohne digitale Spuren zu hinterlassen. Nachdem die Fotos der Vierjährigen in zahlreichen Medien veröffentlicht wurden, habe es außerordentlich viele Hinweise von Bürgern gegeben, erklärte Oberstaatsanwalt Georg Ungefuk in Frankfurt am Main. Der Tatverdächtige soll aus dem Umfeld des Kindes kommen, in einer Wohnung habe man Beweismittel sichergestellt.

Am Dienstag sollte er einem Haftrichter zugeführt werden. Dem Täter droht bei Verurteilung eine Höchststrafe von bis zu 15 Jahren Haft. „Diese Form der öffentlichen Fahndung ist ein Ausnahmefall und wird nur angewendet, wenn alle konventionellen Möglichkeiten ausgeschöpft sind und sich als erfolglos erwiesen haben“, sagte Alexander Badle, Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt am Main, am Dienstag dem WESER-KURIER.

Das erste Mal öffentliche Fahndung nach Missbrauchsopfer

Zu diesen konventionellen Methoden gehörten technische Ermittlungen wie die Auswertung von Bildmaterial, das Abgleichen mit Datenbanken oder das Verfolgen von IP-Adressen. „Aber da landet man im Darknet natürlich schnell in einer Sackgasse“, erklärte Badle. Es sei das erste Mal gewesen, dass man den Weg einer öffentlichen Fahndung nach einem Missbrauchsopfer gegangen sei.

Allerdings gebe es auch regelmäßig Schulfahndungen, bei der gezielt einer bestimmten Gruppe Fotos gezeigt würden. Dies geschehe aber eben nicht öffentlich. Das Amtsgericht in Gießen hatte die öffentliche Fahndung nach dem Mädchen in enger Absprache mit dem Bundeskriminalamt und der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main angeordnet. Für so eine Entscheidung braucht es einen richterlichen Beschluss. Das ist auch der Grund, warum die öffentliche Fahndung erst jetzt begann.

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Danach ging alles ganz schnell. Inzwischen hat das BKA die Bilder von den Seiten genommen und die Bevölkerung gebeten, die Fotos des Mädchens aus Gründen des Opferschutzes ebenfalls zu löschen. Jeder Seiteninhaber stehe da nun auch in der Verantwortung, diese Bilder zu entfernen, machte Badle deutlich.

Man müsse bei solchen öffentlichen Gesuchen sehr genau abwägen. „Jeder Fall ist ein Einzelfall. Auch wenn wir jetzt eine positive Erkenntnis daraus gezogen haben, das kann beim nächsten Mal ganz anders aussehen. Diese Fahndungsmethode bleibt immer die Ultima-Ratio-Methode und wird keine standardisierte Maßnahme werden“, betonte Badle. Denn leider sei es so, dass bei öffentlichen Fahndungen auch ein gewisser „Abnutzungseffekt“ entstehe, wenn man es übertreibe.

"Das Internet vergisst nicht"

Im aktuellen Fall sei der Aufruf auf der Seite des BKA rund 380 000 Mal aufgerufen worden, „bei Facebook waren es sogar eine Million Mal“, erklärte der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft weiter. „Das zeigt, wie wichtig die elektronischen Medien bei solchen Fahndungen sind.“

Doch der Nachteil liegt im digitalen Zeitalter auf der Hand: „Das Internet vergisst nicht. Auch wenn wir dazu aufrufen, die Bilder zu löschen, können wir natürlich nicht garantieren, dass sich das auf null reduziert. Die Medaille hat also durchaus zwei Seiten“, gibt Badle zu bedenken. Das sei ein Preis, den das Opfer dann leider zahlen müsse.

Ingo Fock, Sprecher vom Göttinger Verein „Gegen Missbrauch“ und selbst Betroffener, findet, dass die öffentliche Fahndung „völlig legitim“ gewesen sei. „Nur so konnte man das Martyrium des Opfers schnellstmöglich beenden“, auch wenn die Bilder ganz sicher noch lange im Internet kursieren würden, sagt er. „Das ist aber immer ein Abwägen. Aus Opfersicht war das in diesem Fall jedoch dringend nötig“, meint Fock.

14 Verdächtige festgenommen

Erst im Juli gelang Ermittlern ein Schlag gegen einen der größten Kinderpornografie-Plattformen im Darknet. Rund 87.000 Nutzer verzeichnete die Seite „Elysium“, auf der Material zu schwersten Kindesmisshandlungen zu finden waren. 14 Verdächtige wurden festgenommen.

Statistisch gesehen sitzen in jeder Schulklasse ein bis zwei Kinder, die sexuelle Gewalt erfahren. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) verzeichnet jährlich rund 12.000 Straf- und Ermittlungsverfahren allein wegen sexuellen Missbrauchs. Das Dunkelfeld liegt jedoch weitaus höher. In 70 Prozent der Fälle findet der Missbrauch wie im aktuellen Fall in der Familie oder im näheren Umfeld statt.

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