In der Flüchtlingskrise suchen die beiden Nachbarländer nach gemeinsamen Lösungen Griechen und Türken nähern sich an

Istanbul. Der Besuch des griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras in der Türkei ist kein einfacher. Einen Vorgeschmack bot das Freundschaftsspiel Türkei-Griechenland, das Tsipras am Dienstagabend gemeinsam mit dem türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu auf der Tribüne verfolgte: Die Zuschauer pfiffen den Besucher aus Athen aus.
19.11.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von TAKIS TSAFOSUND MIRJAM SCHMITT

Der Besuch des griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras in der Türkei ist kein einfacher. Einen Vorgeschmack bot das Freundschaftsspiel Türkei-Griechenland, das Tsipras am Dienstagabend gemeinsam mit dem türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu auf der Tribüne verfolgte: Die Zuschauer pfiffen den Besucher aus Athen aus. Pfiffe ertönten auch, als die griechische Nationalhymne gespielt wurde und während der Schweigeminute für die Anschlagsopfer von Paris. Tsipras und Davutoglu ließen sich dadurch nicht irritieren. Beide lächelten weiter, wie das Fernsehen zeigte.

Die dramatische Entwicklung in der Flüchtlingskrise bringt die Führungen der alten Erzfeinde Griechenland und Türkei einander näher. Nach dem Besuch des Fußballspiels am Dienstag reiste Tsipras am Mittwoch weiter nach Ankara, um Gespräche mit Davutoglu und Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan zu führen. Dabei sollte es um den Terror des IS und die Bewältigung der Flüchtlingskrise gehen.

Allein in den ersten zehn Monaten dieses Jahres sind mehr als 650 000 Flüchtlinge auf dem Weg nach Westeuropa aus der Türkei nach Griechenland gekommen. Eine enorme Belastung für das in finanzieller Not steckende Griechenland – und lebensgefährlich für die Flüchtlinge. Viele ertrinken in der Ägäis. Die Türkei hat mehr als zwei Millionen Migranten allein aus Syrien aufgenommen und 25 Lager errichtet. Die meisten Flüchtlinge leben jedoch außerhalb der Unterkünfte unter schwierigen Bedingungen – der Hauptgrund für ihre Weiterreise nach Europa.

Tsipras will nicht nur im Namen seines Landes, sondern auch als Vertreter der EU mit der türkischen Führung sprechen. Europa will, dass die Türkei ihre Grenze besser schützt – und ist dafür auch zu Zugeständnissen bereit. Als solches wurde zuletzt der Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel kurz vor der Parlamentswahl in der Türkei gewertet.

Die Türkei hat nach eigenen Angaben bisher rund 7,5 Milliarden Euro für die Flüchtlinge ausgegeben. Merkel stellte bei ihrem Besuch als Gegenleistung für bessere Grenzkontrollen finanzielle Hilfe zur Versorgung der Flüchtlinge, eine erleichterte Einreise türkischer Bürger in den Schengen-Raum und eine Wiederbelebung der EU-Beitrittsverhandlungen in Aussicht.

Die Türkei kann oder will den Flüchtlingszustrom nach Europa jedoch nicht stoppen. Noch Mitte November konnten Beobachter im westtürkischen Küstenort Ayvacik zusehen, wie sich Migranten auf den Weg nach Griechenland machen. Etwa alle Viertelstunde legte dort ein Boot in Richtung der Insel Lesbos und damit in Richtung Europäische Union ab. Die türkischen Behörden ignorierten das. Weder Polizei noch Küstenwache griffen ein.

Tsipras schlägt daher eine Lösung vor, die auch Menschenleben retten könnte: EU-Registrierzentren (die sogenannten Hotspots) könnten auch in der Türkei in Betrieb genommen werden. Damit könnten die Schutzsuchenden, die einen Anspruch auf Asyl haben, direkt in der EU verteilt werden und müssten nicht die gefährliche Überfahrt zu den griechischen Inseln wagen. Über dieses Thema werden wahrscheinlich auch die Vertreter der Türkei, Griechenlands und Deutschlands sprechen, die sich demnächst zu einem Dreiergipfel zur Flüchtlingskrise treffen wollen.

In einem Artikel in der englischen Ausgabe der türkischen Zeitung „Sabah“ sprach Tsipras von einer „neuen Ära“ in der Beziehung zur Türkei. Der Premier weiß, wie schwierig die Situation ist. Ankara ignoriert fast vollständig ein bilaterales Abkommen zur Rückführung von Migranten, das Griechenland 2009 mit dem Nachbarland geschlossen hatte. Die Türkei nimmt nach Angaben des Außenministeriums in Athen weniger als ein Prozent der Migranten zurück. „Und das erst nach enormen bürokratischen Hindernissen“, sagt ein Diplomat in Athen.

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