Kommentar über den Ägäis-Konflikt Griechenland-Türkei-Verhältnis: Das Ende der Besänftigung

Die Türkei provoziert Griechenland im östlichen Mittelmeer. Dem ist ein Riegel vorzuschieben - vorrangig diplomatisch, notfalls auch militärisch, schreibt unser Athen-Korrespondent Ferry Batzoglou.
12.02.2020, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Ferry Batzoglou

Wie geht man mit einem Unruhestifter um? Mit einem potenziellen Aggressor? Mit jemandem, der sich grundsätzlich nicht um geltendes Recht, Völkerrecht oder internationale Verträge zu scheren scheint? Der glaubt, er könne nach Belieben provozieren und damit bewusst riskiert, einen Krieg vom Zaun zu brechen?

Genau das fragen sich die Griechen, wenn es um ihren Nachbarn Türkei geht. Ja, um einen Nato-Partner. Das ist zwar kein Novum. Schon 1996 hatte die Türkei in einer nächtlichen Operation eine der beiden unbewohnten Imia-Inseln in der Ost-Ägäis durch Kommandos besetzen lassen. Die griechische Seite machte dafür inoffiziell türkischen Beschuss verantwortlich. Offiziell schwieg man aber dazu, um die angespannte Lage nicht noch weiter anzuheizen. US-Präsident Bill Clinton und die Nato-Spitze intervenierten, sodass sich die griechischen und türkischen Kriegsschiffe um Imia zurückzogen. Ein Krieg unter den Nato-Partnern wurde so in letzter Sekunde verhindert.

Demütigung

Den Rückzieher empfinden die Griechen bis heute als Demütigung. Für sie waren und sind die Imia-Inseln griechisch – so wie weite Teile der Ägäis mit ihren vielen Inseln griechisch sind. Der Klügere, namentlich die griechische Seite, gab nach, um nicht aus einer Krise einen Konflikt zwischen zwei hochgerüsteten Ländern werden zu lassen. Das Zauberwort für Griechenlands Türkei-Politik hieß seither „Besänftigung“.

Damit ist es nun vorbei. Die Griechen haben feststellen müssen: Die Türkei ist nicht zu besänftigen. Schon gar nicht mit einem Autokraten an der Spitze, der mit seinen Truppen nach Syrien eindringt und militärisch auch im libyschen Bürgerkrieg offen Partei ergreift. Die Spannungen im östlichen Mittelmeer haben wieder stark zugenommen. Auslöser ist ein Ende vorigen Jahres abgeschlossenes bilaterales Abkommen zwischen der Türkei und der Regierung in Libyen. Es sieht eine gemeinsame Seegrenze vor. Das türkische Dogma lautet: Das östliche Mittelmeer gehört in großen Teilen uns. Das ist unser blaues Vaterland.

In Athen löste das Abkommen Empörung aus. Es verstoße deutlich gegen internationales Recht, indem es eindeutig griechische Inseln mit ihren Festlandsockeln ignoriere. Die Türkei wolle mit dem Abkommen mit Tripolis illegal Ansprüche im östlichen Mittelmeer geltend machen, in denen große Vorkommen an Erdgas vermutet werden.

Für die Griechen ist klar: Das Abkommen zwischen Ankara und Tripolis muss sofort annulliert werden. Wer ohne Genehmigung der Griechen in griechische Gewässer eindringe, müsse diese sofort verlassen. Auch mit Waffengewalt, wenn es sein muss. Am 31. Januar war es fast soweit. Das türkische Forschungsschiff „Oruc Reis“ drang in den griechischen Küstenbereich östlich von Kreta ein, und das ausgerechnet am 24. Jahrestag der Imia-Krise. Symbolkräftig. Die griechische Fregatte „Nikoforos Fokas“ forderte die Türken prompt auf, das Gebiet wieder zu verlassen. Erst Stunden später spurte die „Oruc Reis“.

Griechen fürchten ihre Souveränität

Auch die Anzahl der Scheingefechte zwischen griechischen und türkischen Kampfflugzeugen über dem östlichen Mittelmeer ist zuletzt wieder in die Höhe geschnellt. Athen befürchtet, die Türkei werde bald im östlichen Mittelmeer Fakten schaffen, die die griechische Souveränität verletzen. Offenbar hat sich Erdogan dafür auch ein zeitliches Ziel gesetzt: das Jahr 2023, genau 100 Jahre nach Gründung der modernen Türkei. Damals wurden im Lausanner Vertrag die Grenzen der Türkei mit Griechenland, aber auch mit Syrien festgezurrt.

Genau dieser Lausanner Vertrag, die Geburtsstunde der Republik Türkei mit ihrem Übervater Atatürk, ist dem Neo-Osmanen Erdogan offenbar schon lange ein Dorn im Auge. Er glaubt, Hellas habe damals zu viel vom Kuchen im östlichen Mittelmeer abbekommen. So will er die türkische Grenze weiter nach Westen verschieben – zugunsten der Türkei. Dem ist ein Riegel vorzuschieben. Vorrangig diplomatisch, gegebenenfalls juristisch, falls nötig militärisch. Ein notorischer, hemmungsloser Unruhestifter darf nicht noch belohnt werden.

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