Impfprivilegien Die Rückkehr in den Alltag

In Israel hat annähernd die Hälfte der Bevölkerung ihre ­erste Impfung erhalten. Fast drei Millionen Menschen sind zum zweiten Mal geimpft. Ein ­Grüner Pass soll ihnen weit­reichende Freiheiten ­verschaffen.
22.02.2021, 20:22
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Von Win Schumacher

Auf diesen Tag haben viele fast ein Jahr lang gewartet. Am Sonntag ist Israel einen großen Schritt in Richtung eines Alltags wie in Vorpandemie-Zeiten gegangen. Nicht nur viele Geschäfte, Märkte, Einkaufszentren, Museen und Bibliotheken öffnen wieder. Auch Fitnessstudios, Schwimmbäder, Hotels, Theater und andere Kultur- und Freizeiteinrichtungen können wieder aufmachen – allerdings nur für Immunisierte. „So wird euer erster Schritt auf dem Weg in ein normales Leben aussehen“, hatte Gesundheitsminister Juli Edelstein auf einer Pressekonferenz in der vergangenen Woche verkündet. Er stellte den sogenannten Grünen Pass vor, der Zweitgeimpften weitreichende Privilegien einräumen soll.

Die Zahl der Israelis, die bereits die erste Impfdosis erhalten haben, liegt inzwischen bei rund 4,2 Millionen – annähernd die Hälfte der Bevölkerung. Weltweit kann kein Land eine höhere Impfrate vorweisen. Mehr als 50 Prozent der über 30-jährigen Israelis sind inzwischen erstgeimpft. Um bei den zuletzt rückläufigen Impfzahlen auch nachlässige und impfskeptischere jüngere Israelis zu gewinnen, ist man mittlerweile sehr kreativ. Vor Impfzentren wurden Willigen zuletzt kostenlose Pizza und Hummus gereicht, in Städten mit ultraorthodoxer Mehrheit auch Tschulent, ein klassisches Schabbat-Gericht aschkenasischer Juden. Seit vergangenem Donnerstag gibt es in Tel Aviv auch Impfungen für Spontanentschlossene ab 16 Jahren vor Bars und an belebten Plätzen – und einen kostenlosen Drink zum Dank.

Fast ein Drittel der Israelis hat bereits beide Impfdosen erhalten. Jüngsten Studien der Krankenkassen zufolge hat der in Israel verwendete Biontech-Pfizer-Impfstoff eine Woche nach der zweiten Impfung eine Wirksamkeit von 95 Prozent. Nur einer von 1000 Geimpften übertrage das Virus.

Gesundheitsminister Edelstein stellte den Grünen Pass als sicheres Impfzertifikat vor, das einen QR-Code verwende, um allen Einrichtungen eine Überprüfung der Authentizität der Inhaber zu ermöglichen. Ungeimpfte, die ungültige Zertifikate verwenden, drohte er harsche Konsequenzen an. „Wir werden Fälscher fassen, und solch ein Spiel könnte im Gefängnis enden“, sagte er.

In den nächsten zwei Wochen solle zunächst eine Pilotphase beginnen, so der Gesundheitsminister. Dann könnten Impfzertifikate ausgestellt werden, die Zugang zu einem zunehmend pandemie-unabhängigen Leben verschaffen sollen. Künftig soll der Grüne Pass auch Zugang zu Restaurants, Bars und bald auch internationale Reisen ermöglichen. Mit Zypern und Griechenland wurden bereits Vereinbarungen über gesonderte Einreisegenehmigungen für Geimpfte getroffen. Weitere Vereinbarungen mit anderen Länder sollen folgen.

Kritiker werfen der Regierung vor, die Öffnung sei vorschnell und fahrlässig. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wolle mit den neuen Privilegien für Geimpfte nur von seinem Korruptionsverfahren ablenken und seine Wiederwahl in den im März anstehenden Neuwahlen sichern.

Anfang des Jahres waren etliche Krankenhäuser und Aufnahmestationen an ihre Grenzen geraten. Die Zahl der Neuinfektionen in Israel ist weiter vergleichsweise hoch. Während zuletzt weniger alte Menschen auf den Intensivstationen behandelt wurden, nahm die Zahl schwerer Verläufe bei jungen Patienten und auch bei Schwangeren und Kindern zu.

Nachdem Israel im Frühjahr recht glimpflich durch die Pandemie gekommen war, traf die zweite Corona-Welle im September und vor allem die dritte im Dezember das Land mit voller Wucht. Israel verzeichnet bisher etwa 750.000 bestätigte Covid-19-Fälle, eine der höchsten Zahlen pro Einwohner im weltweiten Vergleich. Mehr als 5500 Menschen sind an den Folgen einer Viruserkrankung verstorben.

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