Kiel Gute Freunde, harte Konkurrenten

Die Substanz der Geschichte, die auf den nächsten Spalten folgen wird, steht auf Seite 48 jenes Buches, das einer der Hauptbeteiligten vor wenigen Wochen veröffentlichen ließ. „Meist sind Konkurrenzen ja der Beginn von Feindschaften“, steht da auf Seite 48.
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Gute Freunde, harte Konkurrenten
Von Markus Decker

Die Substanz der Geschichte, die auf den nächsten Spalten folgen wird, steht auf Seite 48 jenes Buches, das einer der Hauptbeteiligten vor wenigen Wochen veröffentlichen ließ. „Meist sind Konkurrenzen ja der Beginn von Feindschaften“, steht da auf Seite 48. „Und die am nächsten liegenden Konkurrenzen finden sich im eigenen Laden.“ Autor dieser Zeilen ist Robert Habeck, 47 Jahre alt, Mitglied der Grünen, Umweltminister von Schleswig-Holstein und dort auch stellvertretender Ministerpräsident. Auf Seite 134 seines Buches „Wer wagt, beginnt“ stehen fünf weitere Worte, die in diesem Zusammenhang von größerer Bedeutung sind. Sie lauten: „mein Freund Konstantin von Notz“. Der ist 45, stellvertretender Vorsitzender der grünen Bundestagsfraktion – und kommt ebenfalls aus Schleswig-Holstein.

Es ist nämlich so, dass Habeck und von Notz bis zum Frühjahr 2015 ziemlich beste Freunde waren und mittlerweile Konkurrenten geworden sind – Konkurrenten im eigenen Laden. Und dass Konkurrenzen „der Beginn von Feindschaften“ sein können – das hat der Ältere der beiden ja gerade selbst geschrieben.

Von Notz ist erstmals 2009 und 2013 erneut auf Platz zwei der schleswig-holsteinischen Landesliste ins Parlament eingezogen. Direktmandate holen die Grünen in dem Land zwischen den Meeren nicht. Auf Platz eins der Liste steht traditionell eine Frau, auf Platz drei ebenfalls. Wer auf Platz vier landet, scheitert üblicherweise. Habeck hat sich nun schon vor über einem Jahr um die Spitzenkandidatur der Gesamtpartei bei der Bundestagswahl beworben – und so seinen sicheren Minister-Posten aufs Spiel gesetzt, da diese Bewerbung mit dem Verzicht auf eine abermalige Landtagskandidatur einhergeht. Er tritt bei der Urwahl gegen Parteichef Cem Özdemir und den Fraktionsvorsitzenden Anton Hofreiter an.

Das bedeutet: Wenn Habeck das Rennen um die Spitzenkandidatur gewinnt, dann verdrängt er seinen ziemlich besten Freund von Platz zwei der Landesliste und damit aus dem hohen Haus. Nicht aus Bosheit, sondern weil für zwei schleswig-holsteinische Männer dort aufgrund der grünen Regularrien und des norddeutschen Wählerverhaltens einfach kein Raum ist. Dies ist der Kern des Konflikts. Der eine kann den begehrten neuen Job bloß haben, wenn der andere seinen geliebten Job verliert. Hat ein bisschen was von Shakespeare an der Küste.

Im Falle einer Niederlage droht Habeck noch dazu das Ende der eigenen politischen Laufbahn. Sein Vorhaben ähnelt dem Tanz auf dem Hochseil. Es ist mutig. Das Publikum soll ruhig staunen.

Habeck und von Notz haben sich vor über zehn Jahren kennengelernt – und zwar auf einem Parteitag. Die Landes-Grünen waren am Boden damals. Hier waren zwei, die das mit anderen ändern wollten. Wie das ging, hat Habeck in seinem Buch beschrieben. So wurde der Mann, der vier Söhne hat und mit seiner Frau Andrea Paluch Kinderbücher schrieb, beim Besuch seiner ersten Parteiversammlung gleich zum Kreisvorsitzenden gewählt – weil er nicht auf den Mund gefallen ist, und es keinen Mitbewerber gab. Mit dem Landesvorsitz verhielt es sich ähnlich. Zu guter Letzt wurde Habeck Fraktionsvorsitzender, Minister und Vize-Regierungschef – und das binnen weniger Jahre. Seine Instrumente: eine seltene Mischung aus Moralismus und Pragmatismus, Machtbewusstsein und ziemlich begnadeter Rhetorik, gepaart mit auch für grüne Verhältnisse auffallender Lässigkeit im Äußeren. Der studierte Philosoph, der in Lübeck geboren wurde und in Freiburg im Breisgau nach eigener Auskunft den Norddeutschen in sich entdeckte, hat etwas Federndes. Manches an seiner kurzen politischen Biografie liest sich wie ein Spaziergang. Die Erfahrung, an eine Grenze zu stoßen, fehlt. Noch.

Von Notz, 30 Kilometer weiter südlich in Mölln zur Welt gekommen, ist aus ganz anderem Holz geschnitzt. Er ist ein stattlicher Kerl, sein Gang schwer. Bevor der gelernte Jurist öffentlich etwas sagt, wägt er seine Worte zweimal. Dabei ist ihm wichtig, selbst über Zeitgenossen wie CDU-Hardlinerin Erika Steinbach menschlich kein böses Wort zu verlieren, auch wenn er sie politisch abscheulich findet. Diese spürbar mit der Muttermilch aufgesogene Seriosität, versehen mit Fachkenntnis, ist es, die dem leidenschaftlichen Netzpolitiker in Berlin sehr rasch ein sehr solides Image verschafft hat. Da ist, wie bei Habeck, noch Luft nach oben.

Überhaupt mögen Habeck und von Notz sehr unterschiedlich sein. Trotzdem sind sie sich in Vielem nah – unter anderem in ihrem Ehrgeiz. Und: Sie sind so gut, dass die Grünen auf keinen von beiden ohne Weiteres verzichten können.

Tatsache ist jetzt freilich, dass diese Freundschaft getrübt ist – und zwar just seit jenem Tag, als Habeck sich zur Bewerbung um die Spitzenkandidatur in Berlin entschloss und dies von Notz mitteilte. Auf dem Parteitag in Halle im vorigen November etwa begegneten die zwei einander, ohne sich in die Augen zu sehen. Habeck schweigt sich zur Sache aus. Im Sommer am Rande einer Bundesratssitzung auf das Thema angesprochen, sagte er an einem der Bistrotische in der Lobby: „Unsere Freundschaft wird das aushalten.“ Mehr sagte er nicht.

Von Notz ist redseliger – wenn auch lediglich eine Prise. In seinem Bundestags-Büro im Jakob-Kaiser-Haus hält er das Wasserglas fest umschlossen. Der Parlamentarier sagt: „Robert ist ein guter Typ, hat viel Potenzial und ist schlau.“ Aber während sie früher häufig beieinander hockten, telefonierten und Pläne schmiedeten, sei die Gemengelage „natürlich derzeit nicht ganz unkompliziert“.

Das liege in der Natur der Sache. Denn während Habeck meint, man müsse jetzt halt ein Wahlergebnis holen, das es sowohl ihm als auch dem Freund erlaube, in den Bundestag einzuziehen, glaubt von Notz nicht daran. Das würde ja heißen, dass die Grünen in Schleswig-Holstein 2017 etwa 15 Prozent und damit mehr Stimmen einfahren als in den 30 Jahren vorher. Dies scheint beinahe ausgeschlossen.

Die Möglichkeit, einfach mit Habeck zu tauschen und statt seiner Landesminister in Kiel zu werden, haben sie dort wiederum schon erwogen. Dummerweise ist Umweltpolitik erklärtermaßen nicht von Notz‘ Ding. Und von der Bundesbühne auf die Landesbühne zu wechseln, dazu haben im Berliner Regierungsviertel ohnehin wenige Lust. Es hat ja schließlich seinen Grund, warum Habeck weg will aus Kiel. Ihm ist langweilig. Und damit das nicht so bleibt, nimmt er in Kauf, dass es statt seiner von Notz in absehbarer Zeit langweilig werden könnte. In Kiel – oder wo auch immer.

Das findet nicht jeder gut. Als Habeck im Sommer bei Facebook postete: „Schluss mit grünem Kleinmut“, postete Luise Amtsberg zurück: „Wir haben immer für bessere Ergebnisse gekämpft, nicht um unser Personal unterzubringen, sondern um die politischen Mehrheitsverhältnisse in Berlin zu ändern und Verantwortung zu übernehmen.“ Das ließ sich als Kritik lesen. Amtsberg ist Migrationsexpertin der grünen Bundestagsfraktion, macht ebenfalls in Schleswig-Holstein Politik und zählte früher zum Freundeskreis um Habeck und von Notz. In von Notz‘ Büro hängt unweit der Kiste mit Club Mate ein großes Foto, das ihn mit Amtsberg zeigt. Man sieht sie zuweilen fröhlich durchs Parlament ziehen. Amtsbergs Freundschaft mit Habeck ist dem Vernehmen nach zerbrochen.

Etwas anderes kommt hinzu. Als sich die Kandidaten bei der Urwahl Ende September beim Bundeskongress der Grünen Jugend zum ersten Mal gemeinsam zeigten, sagte die Moderatorin: „Anton, Du hast ein Buch über Landwirtschaft geschrieben. Und Du, Robert, hast ein Buch über Dich geschrieben.“ Habeck, in eine Kapuzenjacke gewandet, war das sichtlich unangenehm – wohl weil er glaubte, er sollte hier als egozentrisch hingestellt werden. Es geht also schon auch darum, wie wer am Ende öffentlich dasteht – unabhängig von Sieg oder Niederlage.

Gewiss ist: Wenn Habeck die Urwahl gegen Özdemir und Hofreiter klar verliert, kann von Notz bleiben, was er ist – und Habeck bleibt unter Umständen doch in Schleswig-Holstein. Gewinnt Habeck, ist von Notz nicht mehr zu retten. Verliert Habeck knapp, könnte es heißen, dass er gleichwohl für den Bundestag kandidieren soll. Sein Talent ist ja unbestritten. Manche finden sogar, Habeck wäre ein prima Nachfolger für Özdemir als Parteichef. Dann zum Beispiel, wenn dieser als Minister in eine schwarz-grüne Bundesregierung einträte. Kurzum: Das Ganze ist eine heiße Kiste.

Es wäre schließlich auch nicht die erste politische Freundschaft, die zerbricht. Vor Jahren gab es einen ähnlichen Fall. Da löste Peter Altmaier seinen langjährigen Freund Norbert Röttgen als Umweltminister ab, nachdem dieser von der Kanzlerin wegen Unbotmäßigkeit vor die Tür gesetzt worden war. Altmaier und Röttgen waren ewige Zeiten ganz dicke miteinander, saßen schon in Bonn in Kneipen beisammen, sponnen ein liberales Netzwerk in der CDU gegen die Bräsigkeit Helmut Kohls. An besonders guten Tagen sagte Röttgen „Altmaierchen“ zu dem Saarländer. Was sich liebt, das neckt sich. Dann folgten schleichende Entfremdung – und der Bruch.

Auch SPD-Chef Sigmar Gabriel und EU-Parlamentspräsident Martin Schulz ringen angesichts des Wettbewerbs um die Kanzlerkandidatur gegenwärtig mit der Frage: Kumpel bleiben oder Karriere machen? So oder so ist der Arbeitsplatz nicht allein in der Politik längst zum Kampfplatz geworden. Während Kollegen einst nach Feierabend gemeinsam soffen, gilt die Abwesenheit von offenen Intrigen heute schon als gutes Betriebsklima.

Von Notz jedenfalls kennt „die guten Seiten, aber eben auch die Abgründe des Betriebes“ in Berlin und kommt, was das Wesen politischer Freundschaften angeht, zu einer ähnlichen Quintessenz wie Habeck in seinem Buch. „Mit Leuten außerhalb der eigenen Partei ist es zwischenmenschlich manchmal einfacher“, sagt er zögernd und fraglos nachdenklich in seinem Büro. „Da gibt es eine andere Konkurrenz.“ Schlecht sei das aber nicht, fährt von Notz fort − im Gegenteil. Auch davon lebe die Demokratie.

„Unsere Freundschaft wird das aushalten.“ Robert Habeck
„Mit Leuten außerhalb der eigenen Partei ist es manchmal einfacher.“ Konstantin von Notz
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