Neben Boateng oder Gauland wohnen? Gute Nachbarn, schlechte Nachbarn

In Potsdam wohnt AfD-Vize Alexander Gauland. Nach seinen Beleidigungen gegenüber Jérôme Boateng, den wolle man nicht als Nachbarn haben, sagen nun seine Nachbarn, neben wem sie lieber wohnen würden.
31.05.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Elmar Schütze und Anne-Beatrice Clasmann

In Potsdam wohnt AfD-Vize Alexander Gauland. Nach seinen Beleidigungen gegenüber Jérôme Boateng, den wolle man nicht als Nachbarn haben, sagen nun seine Nachbarn, neben wem sie lieber wohnen würden.

Berliner Vorstadt in Potsdam, gleich hinter der Glienicker Brücke rechtsab. Ein paar Meter weiter liegt der Heilige See, Potsdams Top-Adresse. Günther Jauch und Wolfgang Joop wohnen hier. Und Alexander Gauland. Der ältere Herr ist Vize-Chef der AfD und derzeit mal wieder in aller Munde. Am Sonntag meldete die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“, Gauland habe in einem Hintergrundgespräch über den schwarzen Fußballnationalspieler Jérôme Boateng gesagt: „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ Einen Boateng! Höchste Zeit, einmal Gaulands Nachbarn zu fragen: Wen hätten Sie lieber als Nachbarn, Gauland oder Boateng?

Am späten Nachmittag sind die Menschen in der Berliner Vorstadt unterwegs. Fast alle haben von den neuesten Äußerungen ihres Nachbarn gehört, sie sind zu einem kurzen Gespräch bereit. Nein, Namen wollen sie aber nicht nennen.

Drauf und dran einen Strafantrag zu stellen

Ein Mittvierziger, Hirnforscher aus Magdeburg, ist gerade mit seinen beiden kleinen Kindern auf dem Weg in eine Gartenparzelle um die Ecke. Wen hätte er lieber als Nachbarn? „Ganz klar Herrn Boateng.“ Von Herrn Gauland habe er gar nicht gewusst, dass er in der Gegend wohnt. „Aber wer so etwas sagt, ist ein Rassist.“

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Ein Ehepaar will gerade mit seiner Tochter im Haus verschwinden. Kurzer Dialog über den Gartenzaun. „Wen wir lieber hätten? Ganz klar den Fußballer“, sagt die Frau.

Auf dem Fahrrad ist ein mittelalter Mann unterwegs, wie sich herausstellt ein Diplomverwaltungswirt. Er sei drauf und dran, einen Strafantrag zu stellen, „wegen Volksverhetzung“. Gaulands Ausflüchte – er könne sich an die Aussagen gar nicht erinnern, er kenne Boateng gar nicht und könne ihn alleine schon deswegen nicht beleidigt haben, und im Übrigen habe er nur Volkes Meinung wiedergegeben – lässt sein Nachbar nicht gelten. „Keiner hier möchte Herrn Gauland als Nachbarn haben. Der hat hier den Spitznamen Gauleiter.“

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Ein anderer Radler, deutlich jünger, kannte den jüngsten Gauland-Spruch noch nicht. Später sagt er nur: „Nette Nachbarn sind immer besser als böse Nachbarn. Es kommt nicht so sehr auf die Namen an, aber auf die Menschen.“ Vom Fußballplatz des ESV Lokomotive Potsdam jenseits der Berliner Allee kommen vier Männer. Sie gehören einem Team der Neurochirurgie der Berliner Charité an und kommen gerade von einem Turnier. Wer wäre ihnen als Nachbar lieber: „Boateng, definitiv.“ Einer sagt: „Ich wusste gar nicht, dass der Gauland so viel Geld hat, dass er etwas über die Nachbarschaft von Jérôme Boateng sagen könnte.“

Der Älteste der Vierergruppe sagt, er habe früher als Jugendtrainer in Berlin gearbeitet. Er kenne Jérôme Boateng, der bekanntlich im Wedding und in Charlottenburg aufgewachsen ist, noch als Zehnjährigen. Auch dessen großen Bruder Kevin-Prince. Oder auch Niko Kovac, noch so ein Junge aus dem Wedding, heute Trainer beim Bundesligisten Eintracht Frankfurt. „Von der sozialen Kompetenz haben die alle etwas mehr auf der Schippe als dieser Herr Gauland.“

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Für den AfD-Vize könnte seine Äußerung zum Eigentor werden. Denn die National-Elf ist Kult, und der höfliche Nationalspieler aus Berlin taugt beim besten Willen nicht als Beispiel für Integrationsprobleme. Eines der letzten Karriereziele Gaulands könnte es sein, die Partei im nächsten Jahr in die Bundestagswahl zu führen. In Vorstandskreisen wurde er zuletzt als Ausweichkandidat gehandelt, falls die beiden Vorsitzenden Frauke Petry und Jörg Meuthen nicht zur Verfügung stehen sollten.

Von der Basis wenig Protest zu erwarten

Von der Basis wäre bei einer Nominierung Gaulands auf jeden Fall wenig Protest zu erwarten. Doch hätte er auch Petrys Unterstützung? Sie hatte – nachdem am Sonntag ein Gewitter der öffentlichen Entrüstung über Gauland niedergegangen war – erklärt: „Herr Gauland kann sich nicht erinnern, ob er diese Äußerung getätigt hat. Ich entschuldige mich unabhängig davon bei Herrn Boateng für den Eindruck, der entstanden ist.“

Das könnte man als kollegialen Versuch verstehen, der Kritik die Spitze zu nehmen. Allerdings kam es nicht nur bei Gauland anders an – und zwar so, als wolle Petry andeuten, ihr Stellvertreter sei altersbedingt womöglich schon ein wenig zerstreut. „Zu den Äußerungen von Frau Petry werde ich nicht mehr Stellung nehmen“, sagt Gauland spitz. Ein Adjektiv kann er sich aber doch nicht verkneifen: „illoyal.“

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