Behörden schätzten Attentäter falsch ein Hamburger Messerstecher soll Lkw-Anschlag erwogen haben

Laut einem Medienbericht äußerte Ahmad A. in einem Geständnis Bedauern, bei dem Anschlag im Juli nicht mehr Menschen getötet zu haben. Hamburgs Innensenator Grote hat derweil Fehler der Behörden eingeräumt.
09.08.2017, 17:27
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Laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung soll der mutmaßliche Messerstecher Ahmad A. zunächst erwogen haben, einen Anschlag mit einem Lastwagen oder Auto zu verüben. Er habe sich demnach spontan für den Messerangriff in dem Supermarkt in Hamburg-Barmbek entschieden. Dabei tötete er am 28. Juli einen 50-jährigen Mann und verletzte sieben weitere Menschen. Details zu seiner Radikalisierung gehen aus einem unfangreichen Geständnis hervor, heißt es in dem Bericht des Rechercheverbundes von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR.

Der 26-jährige Mann habe gestanden, er habe bei der Tat möglichst viele "Christen und Jugendliche" töten wollen. Er selbst wollte als Märtyrer sterben und bedaure, nicht mehr Menschen getötet zu haben. Er hat sich nach eigener Aussage bereits seit 2014 mit der Ideologie der Terrormiliz Daesch beschäftigt, aber nicht in deren Namen gehandelt. Auslöser der Tat sei das Freitagsgebet in einer nahen Moschee gewesen. Der Imam habe in seiner Predigt vom Tempelberg in Jerusalem gesprochen. Dort kommt es seit geraumer Zeit zu Ausschreitungen zwischen Israelis und Palästinensern; das habe ihn aufgewühlt, sagte A. dem Medienbericht zufolge. Ahmad A. sitzt derzeit in Hamburg in Untersuchungshaft. Die Ermittlungen zum Fall leitet die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe. Eine Vertreterin bestätigte den Medienbericht über das Geständnis am Mittwoch nicht.

Innensenator räumt Fehler ein

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Ein fürchterliches Verbrechen, eine grauenhafte und widerwärtige Tat - mit diesen Worten begann der Hamburger Innensenator Andy Grote (SPD) am Mittwoch sein Statement vor dem Innenausschuss der Hamburger Bürgerschaft. Die Abgeordneten wollten wissen, ob die Hamburger Sicherheitsbehörden vor der Messerattacke von Barmbek vor zwölf Tagen alles richtig gemacht haben. Schon zum zweiten Mal - nach den G20-Krawallen - in diesem Sommer musste Grote bei einer Sondersitzung Rede und Antwort stehen. Und es ging ihm an die Nieren.

Die Behörden seien teilweise nicht schnell und nicht gründlich genug mit Hinweisen auf die psychische Instabilität des Täters und seine Hinwendung zum radikalen Islam umgegangen, sagte Grote. Zudem sei kein psychologischer Sachverstand hinzugezogen worden, obgleich es dazu Anlass gegeben habe. Das alles sei "ärgerlich" und "unbefriedgend" aber letztlich spreche wenig dafür, dass es möglich gewesen wäre, die Tat zu verhindern. "So einfach ist es nicht", sagte der Senator.

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Polizeipräsident Ralf Martin Meyer erklärte, es gebe keine Hinweise, dass der Messerstecher von Barmbek Mitglied in einer terroristischen Vereinigung gewesen sei oder auch nur Kontakt hatte. Er habe sich selbst radikalisiert. Das in seiner Wohnung gefundene IS-Fähnchen sei ein selbst bemaltes Stück Stoff in einer Größe von 15 mal 20 Zentimetern gewesen.

Im Dialog zwischen Abgeordneten und Vertretern verschiedener Behörden entstand Stück um Stück ein Bild des Täters, dessen Geschichte wohl nicht viel anders war als die vieler anderer junger Männer: Mal hat er in der Unterkunft Probleme gemacht und musste ermahnt werden, dann wieder war er monatelang unauffällig. Mal trank er Alkohol und rauchte Marihuana, dann wieder wollte er ein gottgefälliges Leben für Allah führen. Mitarbeiter der Ausländerbehörde und von Fördern und Wohnen schildern ihn als freundlich und kooperativ.

Immer wieder wurden Behörden auf ihn aufmerksam und fanden ihn psychisch labil und auffällig. Doch die Schwelle, den späteren Attentäter einer psychiatrischen Begutachtung zu unterziehen, war in den Augen der Beamten nicht erreicht. Es gab Hinweise in diese Richtung, aber teilweise gingen sie unter, wurden auf eine falsche Person angewendet, nicht beachtet oder falsch eingeschätzt. Die potenzielle Gefährlichkeit des Palästinensers wurde nicht analysiert. Eine Reihe von Regeln soll sicherstellen, dass das so nicht wieder passieren kann.

"Unsere Mitarbeiter müssen jeden Tag Einschätzungen und Entscheidungen treffen, das kann ihnen keiner abnehmen und das ist eine große Verantwortung", sagte Grote. Es gebe viele Menschen mit psychischen Problemen in Hamburg und auch viele, die sich intensiv mit dem Islam beschäftigten. Daraus sei noch nicht unmittelbar eine Gefahr oder ein Risiko abzuleiten. Am Ende bleibt der Eindruck: Der Attentäter von Barmbek ist ein verwirrter, vielleicht auch traumatisierter oder psychisch angeschlagener junger Flüchtling ohne Orientierung und Plan - und bei weitem nicht der einzige. (dpa/ech)

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