Prozess gegen Syrien-Rückkehrer Harry S. packt aus

Der Prozess gegen Harry S. aus Bremen hat an diesem Mittwoch vor dem Hamburger Oberlandesgericht begonnen. Dem 27-Jährigen wird vorgeworfen, in Syrien für den Daesch gekämpft zu haben.
22.06.2016, 21:16
Lesedauer: 4 Min
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Harry S. packt aus
Von Jürgen Hinrichs

Der Prozess gegen Harry S. aus Bremen hat an diesem Mittwoch vor dem Hamburger Oberlandesgericht begonnen. Dem 27-Jährigen wird vorgeworfen, in Syrien für den Daesch gekämpft zu haben.

Harry S. packt aus. Er hat es gegenüber den Sicherheitsbehörden getan und tut es jetzt vor Gericht. Erster Tag im Prozess gegen den 27-Jährigen aus Bremen, der nach Syrien gereist ist, um für den Daesch zu kämpfen. Verhandelt wird seit Mittwoch vor dem Staatsschutzsenat beim Oberlandesgericht in Hamburg. Für sogenannte Terroristenprozesse gibt es in Bremen keine Instanz.

Die Sicherheitsvorkehrungen sind extrem in dem Justizgebäude. Pressevertreter werden nur einzeln hineingelassen und müssen alles abgeben, was nicht Stift und Block ist. Der Zuschauerraum ist mit einer Scheibe vom Gerichtssaal getrennt, ein Netz, das von der Decke herunterhängt soll verhindern, dass etwas über die Scheibe geworfen wird. Doch niemand, der auf diese Idee kommen könnte. Es sind im Grunde nur Medienvertreter, die auf den Bänken sitzen und gespannt beobachten, wie sich Harry S. vor Gericht schlägt.

Der Angeklagte hat als Kämpfer des Daesch traurige Berühmtheit erlangt. Er ist als Fahnenträger in einem Propaganda-Video zu sehen, in dem zu Anschlägen in Deutschland aufgerufen wird und das die Hinrichtung von zwei Gefangenen zeigt. Von den Umständen, die dahin geführt haben, soll er jetzt noch einmal erzählen, haarklein. Es muss vor Gericht aus seinem Mund kommen, was auf 700 Seiten bereits in den Ermittlungsakten steht.

Vernehmung ohne Handschellen

Harry S. betritt den Saal in Handschellen, bewacht von Justizbeamten. Sie befreien ihn nicht von den Fesseln, als er auf die Anklage­bank gesetzt wird. Dem Vorsitzenden Richter gefällt das nicht: „Nehmen Sie ihm die Handschellen ab“, weist Klaus Rühle die Beamten an. Sie tun es widerstrebend, berufen sich auf eine Anordnung. Doch in diesem Saal bestimmt das Gericht. Rühle: „Ich vernehme niemanden, der gefesselt ist.“

Der Richter ist erkennbar um Entspannung bemüht. „Setzen Sie sich bitte vor den Richtertisch, damit wir uns unterhalten können“, sagt er zum Angeklagten. Erste Frage, erste Antwort, und schon ist alles klar: „Ist es richtig, was in der Anklage steht?“ Ein Nicken und das Ja dazu. Doch das reicht natürlich nicht. Für die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland, wie der Hauptvorwurf der Staatsanwaltschaft lautet, beträgt die Höchststrafe zehn Jahre. Für welches Strafmaß sich die Richter letztlich entscheiden, hängt davon ab, ob sie Harry S. in allen Punkten seiner Aussage für glaubwürdig halten.

Der Angeklagte berichtet von seiner Ausbildung bei einer Spezialeinheit des Daesch. Von den Versuchen, ihn zu Anschlägen in Deutschland zu überreden. „Wir brauchen unbedingt Action in Europa“, sagen ihm die Chefs im Camp. Von der ersten Ernüchterung, als ihm klar wird, dass im selbst ernannten Kalifat Willkür und Gewalt herrschen. Von einer Hinrichtung, sieben Gefangene, die niedergeschossen werden.

Flucht unter abenteuerlichen Bedingungen

Von der Flucht, die ihm unter abenteuerlichen Bedingungen gelingt. Bis zuletzt, beteuert Harry S., habe er keine Gewalt verübt. Die Ankläger glauben ihm, sonst würden sie ihn wegen Mordes anklagen. Das ist der Kern, darum geht es in dem Prozess. Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen?

Harry S. ist in Bremen geboren, als Kind von Eltern, die aus Ghana stammen. Aufgewachsen ist er in Osterholz-Tenever. Die streng gläubige Mutter schickt ihren Sohn in den katholischen Kindergarten, später zu einer katholische Privatschule. Nach der neunten Klasse ist dort Schluss, die Familie zieht nach London. Harry S. geht aufs College und jobbt nebenher. Alles in Ordnung, bis er Gefallen am Islam findet, sogar konvertiert und zu Hause deswegen mächtig Ärger bekommt. Die Mutter wirft ihn raus, nimmt ihn später aber wieder auf.

Harry S. hat sich bis dahin noch nichts zuschulden kommen lassen. Beim ersten Mal kommt es aber gleich dicke: Überfall auf einen Supermarkt. „Eine Dummheit“, sagt er vor Gericht. Die Tat geschieht in Bremen, Harry S. ist 20 Jahre alt und zu Besuch bei seinen alten Freunden. Mit ihnen begeht er den Überfall. Die Strafe: Zwei Jahre auf Bewährung. Zurück in London muss er als Auflage jeden Monat einen kleinen Betrag zur Wiedergutmachung überweisen. Er tut es nicht. „Warum nicht?“, fragt der Richter. „Darauf habe ich keine Antwort.“

Kontakt zu einem Salafist

Als Konsequenz muss er ins Gefängnis, in die Bremer Justizvollzugsanstalt. „Vorher war ich ein moderater Moslem“, versichert er dem Richter. Im Knast bekommt er Kontakt zu einem Häftling, der wegen islamistischer Terrorwerbung verurteilt wurde. Dieser Mann impft ihm den Salafismus ein. Als Harry S. im Gefängnis Freigang bekommt, schickt der Mann ihn zu einer Organisation, aus deren Kreis Kämpfer für den Daesch in Syrien rekrutiert werden. Es ist der mittlerweile verbotene Kultur- und Familienverein in Gröpelingen.

Zu der Zeit haben die Sicherheitsbehörden Harry S. längst auf ihrem Zettel. Als er im April 2014 das erste Mal erfolglos versucht, nach Syrien auszureisen, sind die Ermittler doppelt alarmiert. Sie durchsuchen die Wohnung und ziehen seinen Pass ein. Für Harry S. ist das reine Schikane. „Die Reise nach Syrien wollte ich aus humanitären Gründen unternehmen, ich wollte helfen“, versichert er. Doch so recht, das merkt man, glauben ihm die Richter das nicht.

Im Februar 2015 überfällt Harry S. zusammen mit vier Komplizen ein Paar in Oyten. Er bestreitet das, wird ein Jahr später aber trotzdem zu vier Jahren Haft verurteilt. Zwischen dieser Tat und dem Urteil liegt die Zeit in Syrien. Drei Monate, die Harry S. weitere Jahre Haft kosten dürften.

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