Zum 100. Geburtstag des Altkanzlers Helmut Schmidt: ein politischer Denker

Die letzte große Rede Helmut Schmidts, die Dietrich Eickmeier, langjähriger Bundeskorrespondent des WESER-KURIER in Bonn und Berlin, live miterlebte, fand am 4. Dezember 2011 statt. Hier seine Erinnerungen.
22.12.2018, 20:08
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Von Dietrich Eickmeier

Am Ende zündet er sich ‒ natürlich ‒ eine Zigarette an und genießt den frenetischen Beifall. Es ist der 4. Dezember 2011, es ist die letzte große Rede Helmut Schmidts, die Dietrich Eickmeier, langjähriger Bundeskorrespondent des WESER-KURIER in Bonn und Berlin, live miterlebt. Hier seine Erinnerungen:

Berlin-Kreuzberg, 2011

Es ist eine Geschichtsstunde. Der fast 93-jährige Altkanzler redet im Rollstuhl sitzend eine Stunde und zehn Minuten lang völlig frei, das am Pult vor ihm liegende Manuskript braucht er nicht. Die Delegierten und Gäste des SPD-Europaparteitages im ehemaligen Postbahnhof am Gleisdreieck in Berlin-Kreuzberg sind begeistert, fasziniert und bewegt von dem beeindruckenden Auftritt des populären Mannes. Denn Schmidt widerlegt an diesem Tag eindrucksvoll die in den 1970er-Jahren so beliebte These, dass der damalige Kanzler halt leider „ein guter Mann in der falschen Partei“ sei: „Auch als alter Mann halte ich immer noch fest an den drei Grundwerten des Godesberger Programms: Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität.“ Da waren Helmut Schmidt und die SPD nach vielen Jahren wieder ganz eins.

Auch sein europapolitisches Vermächtnis an diesem Tag ist heute noch aktuell: „Wer da glaubt, Europa könne durch Haushaltseinsparungen allein gesund werden, der möge gefälligst die schicksalhafte Wirkung von Heinrich Brünings Deflationspolitik 1930/32 studieren.“ Denn eine solche Politik habe „eine Depression und ein unerträgliches Ausmaß an Arbeitslosigkeit ausgelöst und damit den Untergang der ersten deutschen Demokratie eingeleitet“. Treffend auch seine Forderungen nach einer durchgreifenden Regulierung des Finanzmarktes im Euroraum, nach dem Verbot von Leerverkäufen von Wertpapieren und des Handels mit Derivaten. Das Plädoyer für eine Einschränkung der unbeaufsichtigten Arbeit der Rating-Agenturen, um Europa wieder zu einer Zone der Stabilität werden zu lassen, künden von Helmut Schmidts strategischer Weit- und Weltsicht. „Schmidt Kosmos“ hatte ihn der frühere Bremer Bundestagsabgeordnete und Senator Claus Grobecker einst liebevoll tituliert. In der Tat war Helmut Schmidt nicht nur der anerkannte und respektierte „Macher“, der Politik effektiv managte, nicht nur Krisenmanager, der den RAF-Terroristen trotzte, sondern auch ein politischer Denker, der mit seinem amerikanischen Freund Henry Kissinger die langen Linien der Weltpolitik diskutierte.

Köln, 1983

Das haben viele in der SPD, in Intellektuellenkreisen oder in der Friedensbewegung lange Zeit nicht so gesehen. Und so geht, nachdem ich Bericht und Kommentar für den WESER-KURIER abgeliefert hatte, am Abend dieses 4. Dezember mein Blick zurück zu jenem Kölner Parteitag im November 1983, auf dem der ein Jahr zuvor durch CDU-Chef Helmut Kohl als Kanzler abgelöste Schmidt bei der Abstimmung über seine Sicherheitspolitik von 400 Delegierten gerade noch 14 Stimmen für den im Dezember 1979 von ihm durchgesetzten Nato-Doppelbeschluss bekommen hatte ‒ ein politischer Todesstoß. „Zum ersten Mal seit Langem“, bekannte ich einem Kollegen an diesem Tag in der Kölner Messehalle, „bin ich mal wieder bei einer SPD-Mehrheit“. Gerhard Schröder, dem späteren SPD-Kanzler, erging es nicht anders, Oskar Lafontaine sowieso. Auch mit seinem Amtsvorgänger Willy Brandt hatte Schmidt sich in der Außen- und Sicherheitspolitik entfremdet. Zudem unterschätzte er zu Brandts Missfallen die Bedeutung der Öko- und Anti-Atomkraft-Bewegung völlig, hielt die Grünen für ein politisches Übergangsphänomen ‒ ein nachhaltiger Irrtum. „Ich kann mit ihm über alles reden, außer über Politik“, lästerte Brandt im Gespräch mit einem kleinen Journalistenkreis am Vorabend des konstruktiven Misstrauensvotums von Union und FDP, das die 1979 begonnene sozialliberale Ära beenden sollte. Die wachsende Entfremdung zwischen großen Teilen der SPD und ihrem Kanzler erleichterten FDP-Chef und Außenminister Hans Dietrich Genscher die Annäherung an die Union.

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Letztlich aber beendete der Nato-Doppelbeschluss das atomare Wettrüsten zwischen Ost und West und machte den Weg frei für ernsthafte Abrüstungsverhandlungen. Als erster westlicher Regierungschef hatte Helmut Schmidt 1977 erkannt, dass die Sowjetunion mit der Stationierung von SS-20-Mittelstreckenraketen das Rüstungs-Gleichgewicht empfindlich störe. Dadurch würde Westeuropa angreifbar, ohne dass die USA in Mitleidenschaft gezogen würden. Doch Schmidt, der schon Mühe gehabt hatte, den weltpolitisch unerfahrenen US-Präsidenten Jimmy Carter zur Nachrüstung mit Pershing-II-Raketen und Cruise Missiles zu bewegen, geriet in der Folge immer mehr in Streit mit dem früheren Farmer aus Georgia. Dessen Strafmaßnahmen gegen die Sowjetunion nach deren Einmarsch in Afghanistan am Heiligabend 1979 wie Handelsembargo, Boykott der Olympischen Spiele 1980 in Moskau und Nicht-Unterzeichnung des zweiten „Salt“-Abrüstungsvertrages durch das US-Repräsentantenhaus sowie die Gedankenspiele Washingtons zum Bau einer so genannten Neutronenbombe gingen Schmidt gegen den Strich. Er wollte die Entspannungspolitik Willy Brandts retten und eine Verschärfung des Kalten Krieges im geteilten Europa verhindern. „Unberechenbar“ sei der US-Präsident, klagte er gegenüber Gesprächspartnern.

Bonn, 1980

„Bitte gleich hinsetzen“ und „Wie groß sind Sie eigentlich?“ lautete Schmidts Begrüßung, noch ehe er sich aus seinem Sessel hinter dem großen Schreibtisch im Bonner Kanzlerbungalow erhob, um mich und meinen Kollegen Peter Jansen zu begrüßen. Auch im Interview, das wir 1980 führten, hielt sich der Kanzler mit Kritik an den USA zunächst zurück. Doch am Ende des Gesprächs, bei dem kräftig geraucht wurde, sagte er zu seinem Regierungssprecher Klaus Bölling, dem früheren Intendanten von Radio Bremen: „Klaus, geben Sie den beiden Herren doch das mit, worüber wir heute morgen gesprochen haben“. Es waren Auszüge eines Briefes von Schmidt an Jimmy Carter, in dem der deutsche Kanzler dem Kollegen in Washington unverhohlen außenpolitisches Versagen und Wankelmut vorwarf. Wie sehr den Amerikanern das Gespür für eine besonnene Politik abhandengekommen sei, so Schmidt, zeige sich daran, dass eine Machtpolitik, die sich nach Schuld und Sühne bemisst, allenfalls reiche, um Wahlen in den USA zu gewinnen, nicht aber dafür, die Sowjets zum Rückzug aus Afghanistan zu bewegen.

Unsere Berichterstattung schlug sofort hohe Wellen. Agenturen, Radio und Fernsehen berichteten den ganzen Tag über den Riss im transatlantischen Bündnis. Für meinen Kollegen und mich bedeutete das nicht nur einen journalistischen Coup, sondern zog als Nebeneffekt auch eine hübsche Gehaltserhöhung nach sich. Was die Sekretärin der Chefredaktion zu der Bemerkung veranlasste, „ich weiß auch nicht, was in die gefahren ist, aber die wollen euch das wirklich zahlen“.

Zwischen Wetzlar und Fulda, 1976

Meine erste persönliche Begegnung mit Helmut Schmidt hatte ich vier Jahre zuvor als junger Politik-Redakteur im Herbst 1976 im Wahlkampf-Sonderzug des Kanzlers auf der Strecke zwischen Wetzlar und Fulda in Hessen. Nach kurzer Begrüßung gab der Kanzler sofort den selbstbewussten Macher: „Wie viel Platz habe Ihr denn?“ Nach der ihn offenbar befriedigenden Antwort bekamen wir „sechs Fragen und eine Zusatzfrage“ mit der Ansage: „Schmidt spricht druckreif, bei Schmidt wird nicht gekürzt“. Kürzen mussten mein damaliger Ressortleiter Heinz Schröder, der zuvor bei den „Bremer Nachrichten“ gearbeitet hatte, freilich auch nicht. Unser neues, teures Tonbandgerät eines damals führenden deutschen Herstellers hatte schlicht und einfach den Mitschnitt des Gesprächs verweigert, sodass wir anderntags unsere handgeschriebenen Notizen und Zitate mühsam zu sinnvollen Schmidt-Sätzen rekonstruieren mussten.

Neunkirchen/Saar, 1980

Als ich Helmut Schmidt vier Jahre später wieder im Wahlkampf begleitete, gab es im saarländischen Neunkirchen einen denkwürdigen gemeinsamen Auftritt des Kanzlers mit seinem innerparteilichen politischen Intimfeind, dem damaligen saarländischen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine. Auf der Rednerbühne in einer betagten Halle der Industrie- stadt ist davon freilich nichts zu spüren. Im Gegenteil: Lafontaine nimmt den Krieg zwischen dem Irak und dem Iran zum Anlass, um Schmidt als Friedensfürst zu begrüßen: „So lange mein Freund Helmut Schmidt in Bonn regiert, muss kein saarländischer Junge am Golf sein Leben lassen.“ Der überfüllte Saal tobt, am Ende von Schmidts Rede greift Lafontaine nach Schmidts Arm und reißt ihn triumphierend in die Höhe. Ein bizarres Schauspiel, das nach dem Verrauschen des Beifalls sein schnelles Ende findet: Beide machen noch eine Pressekonferenz ‒ streng getrennt voneinander in weit auseinander liegenden Räumen. Monate später war der Bruch öffentlich zu besichtigen. In einem „Stern“-Interview äußerte sich der Saarländer ziemlich abfällig über die von Helmut Schmidt hochgehaltenen „Sekundärtugenden“ wie Pflichtgefühl, Berechenbarkeit und Machbarkeit. Damit, so Lafontaine, könne man „auch ein KZ betreiben“. Als Herausgeber der „Zeit“ nimmt Schmidt 1990 Revanche, kommentiert die Niederlage des SPD-Kanzlerkandidaten Lafontaine 1990 gegen Helmut Kohl als „verdient“.

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