25 Jahre Mauerfall: Karl-Heinz Baum erinnert sich an eine Pressekonferenz für die Geschichtsbücher

Historisch gestammelt

Berlin. Karl-Heinz Baum ist eigentlich kaum zu übersehen. Da er ein paar Minuten zu spät in den Saal des Internationalen Pressezentrums kam, fand der groß gewachsene Korrespondent keinen Sitzplatz.
08.11.2014, 00:00
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Von Peter Gärtner
Historisch gestammelt

Günter Schabowski während der Pressekonferenz am 9. November 1989.

dpa

Karl-Heinz Baum ist eigentlich kaum zu übersehen. Da er ein paar Minuten zu spät in den Saal des Internationalen Pressezentrums kam, fand der groß gewachsene Korrespondent keinen Sitzplatz. Obwohl er seine Kollegen stehend erst recht überragte, hob er seine Hand vergeblich, als SED-Politbüromitglied Günter Schabowski nach einem langen, phrasenreichen Monolog die Fragerunde kurz vor 19 Uhr am 9. November 1989 eröffnete.

Schabowski, früherer Chefredakteur des „Neuen Deutschland“, war gerade erst zum offiziellen Sprecher des obersten Machtgremiums ernannt worden. Statt Baum erteilte er Riccardo Ehrman das Wort. Der Korrespondent der italienischen Nachrichtenagentur Ansa wollte wissen, was die SED-Führung jetzt zu tun gedenke, nachdem nach Ungarn auch die CSSR die Grenzen für DDR-Bürger geöffnet hatte. Der heute 73-jährige Baum, von 1977 bis 1990 für die „Frankfurter Rundschau“ in der DDR akkreditiert, atmete erleichtert auf – wie die meisten anderen seiner Kollegen im Saal. „Wir wollten eigentlich auch genau diese Frage stellen“, erinnert sich Baum. Schabowski zögerte einen Moment, dann fiel ihm ein, dass der neue SED-Generalsekretär Egon Krenz ihm kurz vor Beginn der Pressekonferenz ein Papier in Hand gedrückt hatte. Er war allerdings nicht dazugekommen, es vorher zu lesen, und nur grob von Krenz („Das wird ein Knüller“) informiert.

So kramte er nach den zwei Seiten, während es im Saal immer unruhiger wurde. Einige der Reporter hatten bereits gerüchteweise von einem neuen Reisegesetz gehört, einer fragte dann „Ohne Pass?“, ein anderer „Ab wann?“ Schabowski, offensichtlich überrascht, sprach die Medienvertreter plötzlich mit „Genossen“ an und erklärte, dass eine entsprechende Mitteilung bereits verbreitet worden sei. „Sie müsste eigentlich in ihrem Besitz sein.“ Als er an den verdutzten Gesichtern ablesen konnte, dass dies nicht der Fall war, begann er vorzulesen: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen, Reiseanlässen und Verwandtschaftsverhältnissen beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt . . . Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur Bundesrepublik erfolgen.“

Schabowski war noch nicht zum Ende gekommen, da rief ein Journalist dazwischen: „Wann tritt das in Kraft?“ Er stammelte irritiert nach einem Blick aufs Papier: „Nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich“. Eine Nachfrage ließ Schabowski noch zu und bestätigte, dass die ständige Ausreise über alle Grenzübergangsstellen der DDR auch zu West-Berlin erfolgen könne. „Er hat das damals hervorragend gemacht“, blickt Baum, einer der erfahrendsten West-Journalisten in der DDR, zurück.

Einige der Korrespondenten spürten, dass sie in diesen wenigen Minuten einen Moment Weltgeschichte erlebt haben. „Als ich den Saal verließ“, erinnert sich Baum heute, „da habe ich eins und eins zusammengezählt und laut vor mich hingemurmelt, die machen ja jetzt die Mauer auf. Ein Journalist, der neben mir ging, zeigte mir daraufhin einen Vogel.“

Tatsächlich hätte die neue Reiseregelung erst am folgenden Morgen um vier Uhr in Kraft treten sollen, und zwar abhängig von Genehmigungen durch die Volkspolizeiämter. Egon Krenz behauptet bis heute, dass es bei der Übergabe des Papiers eine Sperrfrist gegeben und Schabowski in seiner „Unkonzentriertheit“ alles „vermasselt“ habe. Denn eigentlich wollte die SED-Führung mit dem neuen Gesetz über geregelte Ventile Druck aus dem brodelnden Kessel lassen, um die Kontrolle zu behalten und letztlich die DDR zu retten.

Schabowski wiederum bestreitet, dass Krenz ihn auf die Sperrfrist (10. November) aufmerksam gemacht habe und vermutet dahinter eine bloße Rechtfertigung. Die DDR-Führung sei darauf eingestellt gewesen, erinnerte sich der schwerkranke 85-Jährige kürzlich, die West-Reisen zu genehmigen. Seine unbedachten Worte „sofort, unverzüglich“ führten jedenfalls dazu, dass die Agenturen Minuten später Sätze wie „DDR öffnet Grenzen“ um die Welt sendeten. Da die Pressekonferenz live im DDR-Fernsehen übertragen wurde, strömten schon bald die Menschen in Ost-Berlin scharenweise an die Grenzübergänge zu West-Berlin.

Als Karl-Heinz Baum später am bereits „gefluteten“ Übergang Bornholmer Straße auf jenen Grenztruppen-Offizier traf, dem er beinahe täglich seine „Grenzempfehlung“ vorzeigen musste, erfuhr er beiläufig, dass die DDR-Grenzer vorab über die neue Reise-Regelung informiert worden waren. „Dass die Maueröffnung ein Versehen gewesen sei, ist eine Schimäre.“

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