Beisetzung in Houston

Abschied von George Floyd

Der Tod des Afroamerikaners hat die USA tief erschüttert. Analysten erkennen in aktuellen Umfragen einen grundlegenden Wandel der Einstellungen in Bezug auf Polizeigewalt.
09.06.2020, 20:37
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Abschied von George Floyd
Von Thomas Spang
Abschied von George Floyd

Eine Frau trauert an der Kirche Fountain of Praise in Houston um George Floyd. Etwa zwei Wochen nach seiner Tötung bei einem brutalen Polizeieinsatz wurde er in Pearland bei Houston beerdigt.

Eric Gay

Der Mann im Rollstuhl vor dem goldenen Sarg in der Kirche Fountain of Praise von Houston schaut sich den Leichnam lange an. Dann beugt er sein Haupt, faltet die Hände und spricht ein Gebet. „George Floyd wird die Zukunft der Vereinigten Staaten verändern“, sagt Greg Abbott nach dem bewegenden Abschied von dem in Houston aufgewachsenen Floyd, der am 25. Mai in Minneapolis unter dem Knie eines weißen Polizisten qualvoll erstickte. „Sein Tod war nicht umsonst.“ Der republikanische Gouverneur von Texas verkörpert den Beweis, dass die seit zwei Wochen währenden Massenproteste in den USA etwas bewegt haben. Der auf einem Video festgehaltene Tod des 46-Jährigen hat die Nation wie kaum ein anderes Ereignis erschüttert.

Der Bundesstaat Minnesota erhob in beispielloser Geschwindigkeit Anklage gegen den Beamten, der die „Ich kann nicht Atmen“-Rufe Floyds und die Bitten von Zeugen ignorierte, von dem in Handschellen auf dem Boden liegenden Schwarzen abzulassen. Derek C. muss sich nun wegen Mordes vor Gericht verantworten und sitzt in Untersuchungshaft. Wie auch die drei Polizisten, die untätig zuschauten. Die Stadt Minneapolis, in der Floyd ums Leben kam, beschloss, ihre Polizei aufzulösen und durch ein neues System der öffentlichen Sicherheit zu ersetzen.

Lesen Sie auch

So weit geht Gouverneur Abbott in Texas nicht. Aber er verspricht, die Polizei zu reformieren und sich dabei nicht von Politikern, sondern von der Familie, Opfern und anderen, „die unter Rassismus viel zu lang gelitten haben“, leiten zu lassen. Der konservative Republikaner setzte die Flagge über dem Staatshaus auf halbmast und traf die Angehörigen Floyds vor der Beisetzung in Pearland, einem Vorort von Houston. Abbott trug eine Krawatte mit den traditionellen Farben der Highschool, die für Floyd das Sprungbrett zum College war. Er war der Erste in seiner Familie und einer der wenigen Jugendlichen aus der „The Bricks“ genannten schwarzen Nachbarschaft, der das schaffte. Sein alter Schulfreund Jonathan Veal erinnerte sich an ein Gespräch am Ende der gemeinsamen Highschool-Zeit, bei dem ihm der Basketballer von seinem Traum erzählte, mit seinem Leben „die Welt zu berühren.“

Das hat Floyd zweifelsohne getan. Wenn auch nicht so, wie er gehofft hatte. Sein Porträt prangt auf überlebensgroßen Wandgemälden in Minneapolis und Houston, Demonstranten haben es auf T-Shirts gedruckt und Gouverneur Abbott will das geplante Gesetz gegen Polizeibrutalität nach ihm benennen. George Floyd ist für die Amerikaner zum Symbol für das geworden, was sich ändern muss. Für den designierten Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, Joe Biden, markiert Floyds Tod eine Zäsur. Bei einer Begegnung mit den Angehörigen in Houston traf er auch die sechs Jahre alte Tochter des Verstorbenen. Gianna hatte die Amerikaner mit der Aussage bewegt, der Tod ihres Vaters werde hoffentlich etwas verändern. „Ich denke, ihr Vater wird die Welt verändern“, griff Biden ihren Wunsch auf. „Ich denke, was hier passiert ist, ist einer dieser großen Wendepunkte in der amerikanischen Geschichte, was bürgerliche Freiheiten, Bürgerrechte und die gerechte Behandlung von Menschen mit Würde betrifft.“

Lesen Sie auch

Darauf deuten auch aktuelle Umfragen hin, die nach Ansicht von Analysten einen Einstellungswandel erkennen lassen. Laut einer Erhebung für die „Washington Post“ sagen mehr als zwei von drei Amerikanern (69 Prozent), der Tod Floyds stehe für ein weit verbreitetes Problem bei der Polizei. Vor sechs Jahren, bei den Unruhen von Ferguson, sagten das 43 Prozent der Befragten. Vier von fünf Amerikanern finden darüber hinaus, die Polizei müsse reformiert werden, um die ungleiche Behandlung von weißen und schwarzen Amerikanern zu beenden. Überwältigende Unterstützung (74 Prozent) erhalten auch die Proteste der vergangenen zwei Wochen, die der US-Präsident mit dem Militär niederschlagen wollte. Donald Trump gerät im Wahljahr damit ein weiteres Mal außer Tritt mit den Wählern.

Am Tag der Beerdigung Floyds verteidigte Trump das brutale Vorgehen der Polizei gegen einen 75-jährigen Demonstranten vergangenen Donnerstag in Buffalo. In einem Tweet suggerierte der Präsident, es habe sich möglicherweise um einen „ANTIFA“-Mann gehandelt. Der auf Kamera festgehaltene Sturz bei dem Polizeieinsatz könnte „gespielt“ gewesen sein. Der Friedensaktivist schlug mit dem Kopf auf dem Bürgersteig auf, blutete und liegt seitdem mit schweren Verletzungen in einem Krankenhaus.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+