Kommentar über Oprah Winfrey

Hype um die Kandidatur der Talkshow-Königin

Oprah 2020 sagt mehr über die Sehnsucht nach einem Ende des Albtraums im Oval Office aus als über eine reale Option. Zumal die Betroffene ihre Grenzen kennt, schreibt Thomas Spang.
09.01.2018, 20:45
Lesedauer: 3 Min
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Hype um die Kandidatur der Talkshow-Königin
Von Thomas Spang
Hype um die Kandidatur der Talkshow-Königin

US-Moderatorin Oprah Winfrey bei der 75. Verleihung der Golden Globe Awards.

dpa

Am 13. September 2004 schrieb die schwarze Talkshow-Moderatorin Fernsehgeschichte. Namentlich rief sie elf Zuschauer aus dem Publikum auf die Bühne. In feuerrotem Schlauchkleid kündigte Oprah eine Überraschung an. „Jeder von euch braucht dringend ein neues Auto, nicht wahr?“, fragt die Self-Made-Milliardärin die Gäste. Dann öffnet sich das Tor zur Bühne und herein rollt ein nagelneuer Pontiac G-6. Die Beschenkten kreischen, hüpfen wie Teletubbies auf und ab oder falten die Hände vor dem Gesicht. Das ist erst der Anfang. Die Zauberin der großen TV-Emotionen lässt weiße Schachteln mit roten Schleifen im Publikum verteilen. In einer dieser Pakete sei noch ein Schlüssel für ein weiteres Auto, lässt Oprah die Spannung steigen.

Trommelwirbel. Auspacken. Ekstase. Das Studio steht kopf. Alle 267 Zuschauer haben gerade einen fahrbaren Untersatz geschenkt bekommen. Bezahlt aus der Portokasse Oprahs, die über das ganze Gesicht strahlt.

Etwas mehr als dreizehn Jahre später erzeugt die Star-Moderatorin einen vergleichbaren Moment in der politischen Pop-Kultur des Landes. Mit einer leidenschaftlichen Dankesrede für die Ehrung ihres Lebenswerks bei den Golden Globes in Hollywood elektrifiziert sie die Amerikaner, die verzweifelt nach einer Alternative zu dem anderen Reality-TV-Star suchen, der seit einem Jahr im Weißen Haus sitzt.

„Ich will, dass sie antritt“, jubiliert die Schauspielerin Meryl Streep nach dem glühenden Plädoyer Oprahs gegen Rassismus, Sexismus und für ein anderes, optimistisches Amerika. „Sie hat jetzt keine andere Wahl mehr.“

#Oprah2020

Betört von der inspirierenden Rede heizte CNN den Hype mit „Breaking News“-Bannern an. Auf Twitter erlebten #Oprah2020 und andere Hashtags einen rasanten Trend. Die demokratische Abgeordnete Jackie Speier fleht den Superstar an: „Run, Oprah, run.“ Und selbst die Edelfeder der „Neocons“, Bill Kristol, reibt sich eine Träne aus dem Auge. „Sie ist reicher als Trump. Sie hat mehr Bücher gelesen als Trump. Sie ist stabiler als Trump. Und gegen sie wird nicht ermittelt.“Nüchterne Analysten, wie der demokratische Stratege Dan Pfeiffer, halten die Idee eines „Celebrity-Duells“ in der Ära Trumps für durchaus plausibel: „Ich habe eine Nacht drüber geschlafen und komme zu dem Schluss, dass diese Oprah-Sache gar nicht so verrückt ist.“ Die Standards hätten sich geändert.

Als schwarze Frau, die Mitgefühl zeigt, Optimismus ausstrahlt, in ganzen Sätzen sprechen kann und ihr auf rund 2,8 Milliarden Dollar geschätztes Vermögen wirklich selber verdient hat, verkörpert Oprah tatsächlich die ideale Gegenfigur zu dem weißen National-Chauvinisten und dessen düsteren Visionen.

Andere haben Zweifel, ob das eine Talkerin präsidial macht, die in ihren Shows schamfrei über den Yo-Yo-Effekt beim Diäten und die Form ihrer Ausscheidungen spricht? Tauchten in einer Oprah-Regierung von ihr groß gemachte Gestalten wie der TV-Seelsorger „Dr. Phil“, der Quacksalber „Dr. Oz“, die Küchenfee Rachel Ray oder Suze Orman, die Frau fürs Haushaltsbuch, auf? „Außer dem Versprechen, dass wir alle ein Auto bekommen – was sonst hätte eine Oprah-Präsidentschaft zu bieten?“, hinterfragt die demokratische Strategin Rebecca Katz den Hype. Gerade weil Trump das Weiße Haus zu einem Zirkus gemacht habe, dürfen die Demokraten nicht ihrerseits Politik zu einem Spektakel verkommen lassen.

Kritik an Oprah-Präsidentschaft

So sieht es auch David Axelrodt, der Barack Obamas Aufstieg begleitete und ihm als Chefstratege zur Seite stand. Für das Weiße Haus anzutreten, bedeutet den Abstieg in die tiefsten Niederungen der Politik, endloses Schulterreiben mit Wählern und volle Breitseiten vom politischen Gegner. Wollte sie sich dem wirklich aussetzen? Darüber hinaus habe er den Eindruck, „dass die Wähler 2020 Hunger auf jemanden mit Erfahrung beim Regieren haben“.

In den Sinn kommen bei den Demokraten andere starke Frauen, die genau das mitbringen: Allen voran die drei Senatorinen Elizabeth Warren, Amy Klobuchar und Kamala Harris. Vor allem letzteren wird eine unverbrauchte Starpower zugesprochen, die viele schon mit der Obamas 2008 vergleichen. Oprah 2020 sagt mehr über die Sehnsucht des anderen Amerika nach einem Ende des Albtraums im Oval Office aus als über eine reale Option. Zumal die Betroffene selbst klug genug ist, um ihre Grenzen zu kennen. Winfreys beste Freundin Gayle King wies im März Reporterfragen zur Möglichkeit einer Kandidatur entschieden zurück: „Nicht im Traum!”

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